Anne Fischer

Freie Journalistin und Texterin, Dresden

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Für Umme: Was kostet der Mond?

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Autorin: Anne Fischer // Illustration: Sharmila Banjeree

Der Mond sorgt für Ebbe, Flut und Fortpflanzung. Planetenforscher Professor Kai Wünnemann erklärt, was uns dieser Service wert sein sollte.

Ein zehn Hektar großes Grundstück auf dem Mond kostet im Internet rund 70 Euro. Ein fantastisches Schnäppchen, wenn man die Immobilienpreise auf dem heimischen Markt bedenkt. Der Haken an der Sache, abgesehen von den astronomischen Reisekosten zum eigenen Stück Land: Mehr als das Papier, auf dem die Urkunde gedruckt wird, ist ein solches Grundstück nicht wert, denn der Weltraum und seine Himmelskörper gehören laut Gesetz niemandem. 


Mond- und Marssteine im Wert von sieben Millionen Dollar


Bereits winzige Krümel Mondgestein erzielen bei Versteigerungen horrende Summen – 2002 klauten drei NASA-Praktikanten Mond- und Marssteine, die rund sieben Millionen Dollar wert waren, um sie zu einer anderen Art Kies zu machen. Sie wurden allerdings schnell vom FBI gefasst. Dass der Mond uns so lieb und teuer ist, scheint Kai Wünnemann, Professor für Impakt- und Planetenphysik am Museum für Naturkunde Berlin und an der Freien Universität Berlin, sehr angemessen. Sein Hauptforschungsgebiet sind Meteoriten-Einschläge und Kollisionsprozesse im All – und ohne eine Kollision vor etwa viereinhalb Milliarden Jahren gäbe es weder den Mond noch uns Menschen: "Die Erde ist früh in der Erdgeschichte mit dem Protoplaneten Thaia kollidiert, der in etwa so groß war wie der Mars. Wenn zwei Körper solcher Größe mit einer Geschwindigkeit von etwa zehn Kilometer pro Sekunde aufeinanderprallen, wird enorm viel Material in die Umlaufbahn geschleudert. Daraus hat sich der Mond geformt. Ohne ihn sähe die Erde ganz anders aus und wäre sehr wahrscheinlich kein belebter Planet." Die Kollision änderte nämlich ein paar entscheidende Faktoren, etwa die Atmosphäre. "Schon wenn man Kleinigkeiten in der Evolutionsgeschichte ändert, kommt am Ende nicht mehr der Mensch als erfolgreiche Spezies heraus", erklärt Wünnemann. Die Venus zum Beispiel ähnelt der Erde in Größe, Masse und Abstand zur Sonne, hat aber keinen Mond – und wir haben möglicherweise deshalb keine interstellaren Nachbarn.

Der Mond beeinflusst das Leben auf der Erde auch durch seine stabilisierende Wirkung auf die Präzision der Erdachse entscheidend: Dadurch entstehen stabile klimatische Bedingungen. Fleißbär Mond regelt außerdem: Ebbe und Flut sowie die Orientierung und das Fortpflanzungsverhalten verschiedenster Tierarten von Krabbe bis Ringelwurm. Beeindruckend ist auch sein Gedächtnis, erklärt Wünnemann: "Der Mond ist ein hochspannendes Fenster in die Vergangenheit, denn nach seiner Entstehung ist bei ihm nicht mehr viel passiert. Die Spuren aller nachfolgenden Ereignisse – im wesentlichen Körper, die eingeschlagen sind – hat es auf der Erde auch gegeben, aber hier sind sie verloren gegangen, weil sie so ein dynamischer Planet ist. Der Mond hilft uns, zu rekonstruieren, wie unser Sonnensystem entstanden ist." Über datierte Mondproben können Wissenschaftler das Alter fast jedes Körpers im Sonnensystem bestimmen. Theoretisch ginge das auch mit Asteroiden oder anderen Planeten, es wäre aber ungleich aufwendiger, weil fast alle eine ganz eigene Entstehungsgeschichte durchlaufen haben und viel weiter weg sind. Bisher ist es noch nicht gelungen, Proben eines anderen Planeten erfolgreich zur Erde zurückzubringen.


Ein Ausfall des Mondes ließe sich nicht mit Geld bezahlen

Findige Unternehmer interessieren sich auch für die Rohstoffe des Mondes, vor allem Platingruppen-Elemente, die wir für Elektronik nutzen und die auf der Erde knapp sind. Wünnemann bezweifelt aber, dass der Mond zum Schweizer Käse mutiert, denn die Forscher konzentrieren sich in Sachen Rohstoff-Abbau eher auf Asteroiden. Der Mond bietet zwar größere Mengen, seine Anziehungskraft ist aber viel stärker und der Abbau damit komplizierter – von Asteroiden müsste man sich nur einmal kräftig abstoßen und wäre bereits außerhalb ihrer Gravitation.

Ein Preisschild kann und will der Wissenschaftler nicht ausstellen: "Die direkten und indirekten Auswirkungen des Mondes sind kaum zu beziffern. Wir tun uns heute schon schwer mit den Prognosen, welche Kosten der anstehende Klimawandel verursacht. Ein Ausfall des Mondes ließe sich mit Geld nicht bezahlen, das hat sich schließlich der Mensch ausgedacht. Einen Ersatz für den Mond künstlich zu erzeugen, halte ich für ausgeschlossen, allein für die Simulation der Gezeiten bräuchte man unvorstellbar viel Masse.“ Als Zeichen der Dankbarkeit kann man ja die Mond-Lieder aus Kindertagen mal wieder hervorkramen.

Anne mag den Gedanken, dass der Mond die Menschen verbindet, weil alle den selben sehen. Stoff für ihr Kopfkino liefert auch, dass schon Kleopatra, Napoleon und Co auf genau diesen Mond geschaut haben.


Autorin: Anne Fischer // Illustration: Sharmila Banjeree



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