Strampelt sich ab: Deutschlands letzter Radlmetzger
Jetzt stellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen abends in der Kneipe Ihres Vertrauens, vielleicht auch tagsüber im dazugehörigen Biergarten. Grad schön ist’s beim geselligen Ratsch, die Halbe vor Ihnen auf dem Tisch. Und dann überkommt Sie unversehens ein Gelüst nach einer Spezerei. Die Schweinshaxe muss es nicht grad sein, der kleine Beilagensalat nun wirklich nicht, und die Salzstangen sind Ihnen zu staubig. Da geht die Türe auf, und es spaziert ein Herr hindurch. Der hat zwei große Kühlboxen in den Händen, und aus denen zaubert er Räucherwaren, bei denen Ihnen unverzüglich das Wasser im Munde zusammenläuft. Aus Pfefferbeißern, Chiliwürstln und Geselchtem ergattern Sie sich ein Sträußlein Wurstwaren zusammen und lehnen sich bauernseufzernd im Feierabendhimmel zurück. Das wär schön, sagen Sie jetzt, aber das wo soll’s das denn geben? Nun, ganz einfach: in Nürnberg.
Denn hier ist tagaus, tagein der Johann Bernreuter unterwegs, und der ist, verrät er, Deutschlands letzter Radlmetzger. Und wenn’s so weitergeht, erzählt er, muss Deutschlands letzter Radlmetzger bald in den Ruhestand. „Dieser Beruf ist meine Leidenschaft. Ich leide nur noch drunter“, sagt er 50-Jährige, der, seitdem er 13 ist, hausieren geht. Und da geht’s schon los mit der Problematik. Hausierer hört man, und denkt an Bettler, weil: „Betteln und Hausieren verboten“, so heißt’s doch schließlich. Dabei ist letzterer ein völlig ehrbarer Beruf – gesetzt den Fall, man ist im Besitz eines Reisegewerbescheins. Und den trägt der Radlmetzger immer bei sich. Das Reisegewerbe hat in seiner im Amberger Land alteingesessenen Bauernfamilie Tradition, so wie auch das Metzgern. Schon der Großvater hat Wurst und Eier verkauft, und das Schlachten, das hat halt so dazugehört auf dem Hof. In den 70er Jahren absolvierte der „Wursthans“ seine Metzgerlehre, „um das alles professionell zu betreiben“. Das bedeutet seit 1983, sich jeden Morgen auf den Weg nach Nürnberg zu machen.
Zu Anfang, sagt er, ist er mit dem Zug gekommen und hat die Räucherwaren aus eigener Herstellung im Rattankorb dabei gehabt, um damit von Laden zu Laden, von Kneipe zu Kneipe zu wandern – einen Stand, so will’s das Reisegewerbeamt, darf er nicht haben. Heute kommt er mit dem Auto, das er am Stadtrand parkt, schwingt sich und die großen Kühltaschen aufs alte Postradl und beginnt die Tour. Um zehn Uhr geht’s los, aufgehört wird um 20 Uhr. Dazwischen legt der Bernreuter Hans bis zu 50 Kilometer zurück. Jeden Tag. Bei jedem Wetter. „Im vergangenen Winter gab’s genau einen Tag, an dem ich nicht unterwegs war. Da lag der Schnee bei uns draußen so hoch, dass ich fast aus der Tür nicht rausgekommen wär.“ Nur gedankt, erzählt er, gedankt wird’s ihm nicht mehr. „Meine Kundschaft waren vor allem die urigen Kneipen mit den urigen Leuten drin. Und die sterben alle weg. Die Leute und die Kneipen.“ Stattdessen wüchsen die Asiaten und schicken Restaurants und Cappucchino-Bars aus dem Boden, und das „passt halt nicht zusammen. Meine Ware ist nicht frisch vom Markt, sondern geräuchert. Und vegetarisch jetzt auch nicht grad.“ Bis vor fünf Jahren hat das Geschäft floriert, jetzt „reichts eigentlich eben noch so für die Benzinkosten. Ich dürfte das eigentlich nicht mehr machen.“
Ratschen tut er gern, der Radlmetzger, im breitesten Oberpfälzisch – was gut ist fürs Geschäft, denn er hat gemerkt, „da entsteht innerhalb Sekunden Sympathie und Vertrauen“, und weil er so gern ratscht, raten die Freunde, er könnte doch vielleicht in Versicherungen machen, aber dann, schmunzelt er, „müsste ich ja lügen, und ich will einen ehrlichen Job machen.“ Mit Lügen hat er eh schon zu kämpfen gehabt. Rufmord nennt er das: „Da ist irgendwann auf einmal behauptet worden, ich würde meine Ware aus der Metro beziehen, dabei hab ich noch nichtmal diesen Schein.“ Aus den Kneipen hätte man ihn gescheucht, weil er angeblich schwindelt und die ganze gute Wurst gar nicht von der Landmetzgerei Vogel in Amberg holt. „Freilich“, sagt man dort am Telefon, „kennen wir den Bernreuter Johann. Jede Woche kommt er und holt sein Zeug.“
Das Zeug, das zwar ohne Bio-Siegel daherkommt, aber halt frisch vom Bauern und damit so ursprünglich, wie’s nur sein kann. Und damit doch gänzlich schwer im Trend liegen sollte in Zeiten von Stadtgärtnerei und Öko und „ich kauf mir mein eigenes Schweinderl, damit ich hernach weiß, dass es glücklich gestorben ist für mich“? Doch grad die jungen Leute, die diese Lebensweise zelebrierten, seien die, „die mich nicht mehr wollen“, sagt der Radlmetzger und versteht die Welt nicht recht. Und so zieht er weiter, tagaus, tagein, durch die Kneipen und Läden, die ihn noch mögen, und auf den Markt, wo man ihn kennt. Halten Sie ihn doch mal an und bitten ihn herein, den Herrn Bernreuter. Bei so einem kleinen Ratsch schmeckt der Pfefferbeißer doch gleich dreimal so gut.
Katharina Wasmeier
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