Live: Söhne Mannheims
Als der junge Mann aus dem Publikum die Bühne erklomm, war man gewappnet: Fertigmachen zum Fremdschämen, jetzt kommt was ganz schreckliches. Als er fünf Minuten später sichtlich bewegt wieder abtrat, war längst Abbitte geleistet: Alex Nio, Erste-Reihe-Gast beim Auftaktkonzert der „Wer fühlen will, muss hören“-Tour der Söhne Mannheims, sollte an der Seite seiner Idole eigentlich nur ein paar Takte mitzwitschern dürfen – und übernahm kurzerhand und zum all- und bandseitigen Erstaunen das Zepter. Mit viel Gefühl und viel Stimme. Chapeau, gewiss. Aber das galt auch für die ganze Show.
Hört man „Söhne Mannheims“, dann sitzt da irgendwo tief drin ein fieser Stachel, der schreit „Xavier Naidoo, Gutmenschenschnulzballaden, Umgotteswillen!“ Und dann steht man so beim Festival in der Nachmittagssonne und denkt sich „Ausgezeichneter Beat, das. Wer spielt denn da grade?“ und ist über die Antwort überrascht. So dürfte es auch einem Großteil der anwesenden Musikfreunde im Löwensaal gegangen sein, zumindest denjenigen, die artig mit dem Finger aufzeigten, erstmalig zu Gast zu sein bei den Söhnen (die übrigens all ihre Fans stets memorieren, zumindest wird doch glatt behauptet, „viele bekannte Gesichter“ zu sehen). Die (aktuell) 13-köpfige Truppe ist neuerdings der omnipräsenten Lichtgestalten Naidoo und Herberger beraubt (was aber erstens gar nicht schade ist und zweitens gar nicht auffällt), dafür um den ein oder anderen Charisma-Typen erweitert. Sind die alle auf der Bühne, geht’s ganz schön zu, deswegen spritzen die Rasta-Jungs Metaphysics und Marlon B. nur ab und an hinauf, um eine saubere Rap- oder Reggae-Einlage zu geben. Ja, doch, richtig gehört.
Wer hier zum seichten Romantik-Schwof angetreten war, konnte von Glück reden, zwischendurch eine rhythmische Verschnaufpause gegönnt zu bekommen. Die Stilmixer, die sich überschwänglich und glaubwürdig für die Energie bedanken, mit der Nürnberg sie auf Tour schickt, erwiesen sich erneut als extrem tanzbar, eingängig und überraschend, beispielsweise wenn aus der Superballade „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ auf einmal eine krachende Rock-Version wird. Inwiefern solche Sperenzchen auf Ex-„H-Blockx“-Frontmann und Relativ-Neu-Sohn Henning Wehland zurückzuführen sind? Weiß man nicht. Der fügt sich jedenfalls gut ein in die vier Frontmänner, die zwar ein bisschen wirken wie nach dem „für jede Frau ein Typ dabei“-Casting-Prinzip ausgewählt, man ihnen das aufgrund wirklich exquisiter Stimmgewalt jedoch gerne verzeiht und es außerdem ja gar nicht so schlimm ist, sich für zwei Stunden in einen Tino Oac zu verlieben.
Im rundum gelungenen Gesamtpaket sind neben neuen Songs des frisch aus der Presse gehobenen Albums „Elyzion“ freilich auch die dabei, bei deren ersten Tönen man sofort den Xavier auf die Bühne halluziniert sowie, danke!, der Durchbrecher aus dem Jahr 2000: „Geh davon aus“ steigt immer noch von den Füßen übers Herz zum Scheitel und wieder zurück. Ah ja, und, natürlich, gemäß der Band-Philosophie: Liebe. Und: Weltfrieden. Aber halt im Bass-Kostüm und nicht im Wattebausch.
Katharina Wasmeier
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