Live: Ina Müller

von Katharina Wasmeier

Ina Müller. Sängerin, Moderatorin, Kabarettistin, Autorin. Eierlegende Wollmilchsau. Bleibt da nicht irgendwas auf der Strecke, kann das gut gehen? Ja, es kann, wie die norddeutsche Hänsindampfinallengassen am vergangenen Samstag in der Arena unter Beweis stellte. Das Rezept: Alle Talente in den Saal werfen, mit einem gehörigen Schuss Selbstironie ablöschen und garniert mit Charme servieren. Heiß.


Anwesende Männer wandeln entweder auf milden Pfaden, sind hart im Nehmen oder unter Zwang anwesend. „Sie hatten sich zu Weihnachten doch eigentlich Helene Fischer gewünscht, stimmt’s?“ unterstellt die Künstlerin dem armen Ralf, den sie zu Beginn als Gesprächs- und Frotzelpartner herausgepickt hat. Ina Müller ist nämlich eigentlich zum Singen da, wäre aber nicht Ina Müller, wenn sie nicht zwischendurch täte, was sie ebenfalls meisterlich beherrscht: quasseln. Weil: „Da fehlen mir zum Schweige die Worte, deswegen reden wir jetzt mal darüber.“ Am liebsten über Männer, die ja alle 20 Sekunden an Sex denken und darob sehr bemitleidenswert sind, jedoch hierbei Energien freisetzen, die zusammen mit dem zweiten Lieblingsthema sinnvoll einsetzbar sein müssten: Hitzewallungen. Ina Müller kratzt an der 50, was man dem vor Lebensfreude, Schalk und Unvernunft nur so sprühenden Energiebündel keine Sekunde anmerkt – außer, wenn sie erzählt von Wechseljahren oder singt über die Zeit, damals mit den Schwestern, mit dieser wunderbar charismatisch-rauchigen Stimme, die einen einhüllt und auf eindringlichen, niemals kitschigen Worten wegträgt in die Gedanken einer Frau, die viel zu berichten hat aus dem Leben. Lustig, klug, sexy, und bloß nicht zu viel Ernst aufkommen lassend. Die Müller ist ein wandelbares Geschöpf. Eben noch ganz Diva auf 15cm Absätzen stöckelt sie im nächsten Augenblick zum Konzertflügel, setzen müsse man sich jetzt mal, und weil der Flügel zu klein ist, wird er halt sehr undamenhaft turnend erklommen. Beschreibt ihren Körper als „Jakobsweg“, den das Fett von oben nach unten geht und „eine Haut hat wie eine 20-jährige … Apfelsine“, um eben jenes dem Verfall ausgesetzte Objekt („Jede Falte erzählt eine Geschichte? Ich möchte, dass mein Gesicht die Fresse hält!“) gekonnt einzusetzen, um anwesende (mutmaßlich männliche) Verprellte sofort zu versöhnen. Die Moderatorin sucht die Nähe zum Publikum, nicht nur von der Bühne hinab, sondern mittendrin, lässt sich auf Stühle helfen und singt von dort. Teenager möchte sie nicht mehr sein, geschrien wird nur noch bei Zalando, und jeder Mann ist ein nächstes Déja-Vu. Frei heraus gelacht wird viel, Ina Müller ist spontan und herzlich und wenn sie Reste vom Lebkuchenherz, das sie überreicht bekommt und kurzerhand hineinbeißt, im Gesicht hat, ja, das ist jetzt ein bisschen peinlich, aber was soll’s, so geht’s halt. Wie so vieles im Leben, wie vor allem das mit den Männern, die (wie Lebensgefährte Johannes Oerding)mit Mitte 20 so viel liebenswerter sind als die haarigen Gorillas, die gar nicht hübsch anzusehen sind, wenn sie nachts nackt eine Mücke jagen sollen, die nicht recht wissen, ob sie beleidigt sein sollen oder doch ein bisschen verliebt auf ihren Stühlen. Von denen sie aber dann doch alle aufspringen und nach vorne sausen und ihre Ina feiern. Am Ende bleiben Beschwingtheit und Wärme und die Erkenntnis, dass mit dem Alter gar nichts besser wird. Aber lustiger. Wenn man’s zulässt. (18.01.2014)

Quelle: Nürnberger Zeitung
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