Live: Tim Bendzko
Also eins muss man ihm lassen, dem Berliner Sonnenscheinchen: Für jemanden, der am Nachmittag noch in einer „bitteren Mandelentzündung“ darniederlag, hat er ganz schön Action gemacht, dieser Tim Bendzko. Ob’s an irgendwelchen mobilisierten letzten Kraftreserven lag, einer ausgezeichneten Medikation, der Sicherheit, im Falle eines Ausfalls von sehr vielen Müttern wärmstens umsorgt werden zu können oder dem Stress, vor den akut anwesenden Schwiegereltern Leistung zeigen und sich als designiertes Familienmitglied unter Beweis stellen zu müssen – man weiß es nicht. Woran’s eher nicht gelegen haben kann: am Publikum, denn das hat nämlich zumindest in der ersten Stunde des Konzertes der „Ich steh nicht mehr still“-Tour, mit der der Bundesvision Song Contest-Gewinner von 2011 am Mittwoch in der leidlich gefüllten Frankenhalle zu Gast war, alle Hände voll zu tun. Damit, das Konzert in den Smartphone-Speicher zu bannen. Da klatscht und tanzt sich’s halt eher schlecht, obgleich die Background-Animierherrschaften sich wirklich redlich Mühe geben. Und der Tim, der eh. Hüpft, tanzt und dribbelt von links nach rechts, und schlösse man die Ohren, man könnte meinen, sich bei einem harten HipHop-Konzert zu befinden und nicht auf einer eher moderaten Schnulz-Pop-Veranstaltung. Weil der Tim, unser aller Bub von nebenan, der jammt ordentlich. Vielleicht doch die Medikamente. „Ich werde so lange singen, bis nichts mehr rauskommt“, kündigte der 28-Jährige tapfer an, was einen zu der Sorge verleitete, der Vortrag könnte ein eher kurzer werden. Aber da war nichtmal ein Räuspern zu hören, kein Zeichen von Schwäche, kein Knödeln. Sonor und weich gibt es eine Ballade nach der anderen, in der inhaltlich alles dabei ist, von der Selbsthilfegruppe (die Geschichte vom Shopaholic: „Auch wenn es gelogen ist“) bis hin zur vorsichtigen Gesellschaftskritik („Wo sollen wir nur hin“ im Duett mit Busenkumpel und Backgroundsänger Philipp) – die verplatinierte erste Hit-Single „Nur noch kurz die Welt retten“ wird umso interessanter, wenn das Auditorium wieder nicht so richtig mitmachen kann, weil es müssen ja kurz noch SMS geschrieben werden. Und Liebeliebeliebe: „Dieser Tag verlangt nur das eine von dir. Sag einfach ja für diese Reise mit mir“. Außerdem gelernt: Der Künstler trägt die Verantwortung für den diesjährigen Nichtwinter („Am seidenen Faden“), und zwar gerne, und der Künstler trägt mit einer in sympathischer Selbstironie kanalisierten Mischung aus Fassung und Verzweiflung sein Schicksal als Mädchenschwarm, der die Herren fragt, ob überhaupt einer freiwillig hier ist, und sich selbst einen Tinnitus bescheinigt, nachdem die Damen der Aufforderung, sich bemerkbar zu machen, hochtönend nachgekommen sind. Man wäre lieber gerne im Sommer vor der Berliner Waldbühne gelegen und hätte sich einlullen lassen von der Musik, als in der Tim-Bendzko-Fan-Leuchtstab durchschwenkten Frankenhalle. Aber man sucht sich’s halt nicht aus. Der Herr Bendzko hat sich das mit der Mandelentzündung ja auch nicht ausgesucht. Aber schau, Tim: „Es geht wieder vorbei, der Schmerz geht wieder vorbei.“ (19.02.2014)
Katharina Wasmeier
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