Unogwaja - Florian Holstein gegen 1700 Kilometer Südafrika

von Katharina Wasmeier

89 Kilometer laufen in unter zwölf Stunden und das bei sengender Hitze– der „Comrades“-Marathon in Südafrika dürfte den meisten als Vorlage für einen veritablen Albtraum gereichen. Nicht so für Florian Holstein. Der 30-jährige Nürnberger wird in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal gegen gut 20 000 Teilnehmer, die Strecke und sich selbst antreten. „Weil mir das Angst macht“, sagt er, und Angst, die muss besiegt werden. Und weil diese Angst schon 2013 besiegt wurde, setzt Florian Holstein, gelinde gesagt, noch eins drauf – und freut sich über Hilfe von „Sadisten mit gutem Herz.“ Aber von vorn.

„Ich nehme mir jedes Jahr etwas Großes vor“, sagt Holstein. Eigentlich sei er ein Läufer, und so stand auf der Liste freilich auch ein Marathon. Den habe er 2010 dann „hinter sich bringen wollen“, und weil es ja nicht genug Möglichkeiten gibt für sowas, flog er nach Griechenland, um sich dort von einem Taxi an der originalen „Marathon“-Strecke aussetzen zu lassen und die dann „alleine ohne jedwedes Event“ zu laufen – in lockeren 3:17 Stunden, man gönnt sich ja sonst nichts. Hierbei, erzählt er, habe er „gemerkt, dass ich das eigentlich ganz gerne mache. Und dann ist alles irgendwie ein bisschen eskaliert.“ Den Berlin-Marathon lief er dann 2013 unter drei Stunden, im selben Jahr „Comrades“, ein südafrikanisches Riesenspektakel, Fernsehen, Volkssport, Heldentum. Gelaufen wird im einen Jahr von Pietermaritzburg nach Durban, im anderen zurück, „Up Run“ und „Down Run“ heißt das, wegen des abschüssigen Geländes. 2013 war ein „Down“-Jahr, Holstein schaffte 10:40 Stunden bei glühender Hitze, „die letzten 20 Kilometer“, sagt er, „bin ich nur noch gegangen“, während links und rechts die Menschen vor Erschöpfung zusammenbrechen. Aber „die machen das da alle wegen des Willens und des Herzens, nicht für den Sieg.“ Zwölf Stunden hat man Zeit, wer nicht auf die Sekunde exakt im Ziel steht, ist raus, verloren, Pech gehabt. Der Rekord liegt bei 5:20. Aber weil Florian Holstein diesen Hauch von Wahnsinn in sich trägt, hat er etwas gefunden, was dem ganzen noch die Krone aufsetzt. Dem „Comrades“ voran nämlich geht etwas, das heißt „Unogwaja Challenge.“ Das ging so: 1933 konnte sich ein junger Afrikaner das Zugticket zum „Comrades“ nicht leisten, wollte aber keinesfalls auf die Teilnahme verzichten. Also fuhr er mit dem Fahrrad. 1700km in zehn Tagen. „Diese Geschichte ist für Südafrikaner Inspiration und Hoffnungsspender“, sagt Holstein, „weil er nicht aufgegeben hat.“ Deswegen wird diese Reise alljährlich nachgestellt. Ein zwölfköpfiges Team radelt also exakt dieselbe Strecke, bevor dann noch schnell der Ultramarathon hinten drangehängt wird. Als Holstein davon hörte, bewarb er sich sofort um die Teilnahme – auch hier zähle nicht die Leistung, sondern „was für ein Mensch man ist.“ Er wird angenommen. Als erster und einziger Deutscher im „Team mit Heldenstatus“ fühlt Holstein sich geehrt, machen zu dürfen, was für die meisten Menschen der blanke Horror bedeutet. Neben der „emotionalen Geschichte“ verfolgt die „Unogwaja-Challenge“ allerdings vor allem eine caritative: Eine Million südafrikanischer Rand (~70 000 Euro) muss das Team sammeln, um den Betrag wohltätigen Zwecken zu spenden, eigentlich während der Fahrt, aber „jeder sammelt bereits jetzt schon“. Alle außer Florian Holstein, der als Kreativdirektor in einer Werbeagentur arbeitet und „nicht um Geld bitten möchte und dann warten, bis es vom Himmel fällt, sondern was dafür leisten.“ Deswegen hat er sich die Aktion „Florian vs. The Internet“ ausgedacht. „Weil mir das Angst bereitet, und schon allein darum mach ich’s gerne.“ Holstein verkauft die Kilometer des Belastungstrainings, das er zwischen dem 24. und 27. April absolviert. 2 Kilometer für 10 Euro, 10 für 25, 50 für 100, „und wer mich richtig bluten sehen will, kann mir für 500 Euro nochmal 300 draufbrummen.“ Je mehr Menschen Kilometer „kaufen“, desto mehr muss er radeln, und desto mehr Geld kommt für die Organisation „Community Chest“ zusammen, die sich um Bildungs-, Armuts- und Gesundheitsprojekte in SA kümmert (www.communitychest.org.za). 400 Kilometer (~800 Euro) hat er bislang aufgedonnert bekommen, das reicht nach München und zurück. Aber: „Ich wünsche mir, das noch mindestens das Doppelte zustande kommt.“ Alles, was in der Zeit machbar ist, sagt er, macht er. Machbar oder nicht – jeder gespendete Cent wird weitergeben. Ab dem 23. Mai wird sich dann in Kapstadt zeigen, ob Florian Holstein sich diesmal nicht doch seinem Angstgegner in Form von 1700km Radfahren und 89 Kilometer laufen geschlagen geben muss. 
Quelle: Nürnberger Zeitung
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