Sina Horsthemke

Medizin- und Sportjournalistin, München

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Fleischersatz: Das falsche Fleisch

Es sieht aus wie Fleisch, es blutet und brutzelt wie totes Tier in der Pfanne: Ist Fleischersatz die Lösung für alle, die vegetarisch oder vegan nicht leben wollen? © Westend61 /​ Werner Dieterich /​Getty Images

Tofusteak, Seitanwürstchen und jetzt auch noch Burger aus Erbsen - der Markt für Fleischersatzprodukte wächst wie die Nachfrage danach. Discounter Lidl zog im Sommer sogar Ärger auf sich, weil der neue Beyond-Meat-Burger aus den USA zwar dort im Sortiment, das vegane Patty aber oft vergriffen war. Für knapp fünf Euro erstand, wer schnell genug war, die fleischlose Frikadelle tiefgefroren im Zweierpack. Weil die Regale schneller leer waren, als Lidl nachordern konnte, setzt der Discounter nun auf sein veganes Hack der Eigenmarke Next Level Meat.

Die Gemüsemasse mit dem Eiweiß aus Erbsen, Weizen und Sojabohnen soll Fleischesser glücklich machen. Vegetarier vergessen beim Biss in den Burger vielleicht sogar, dass sie Vegetarier sind: Fleischersatzprodukte sehen mittlerweile aus wie echtes Fleisch. Sogar das tierische Blut imitieren die Hersteller - mit dem Saft Roter Bete oder, das ist der neueste Schrei, roten Häm-Verbindungen aus der Wurzel der Sojapflanze.

Fleisch zu ersetzen, wäre durchaus sinnvoll. 14,5 Prozent der Treibhausgasemissionen, das berichtet die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO, stammt aus der Tierhaltung, ein Großteil davon von Kühen für die Milch- und Fleischproduktion.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat rotes Fleisch zudem vor einigen Jahren als " wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Mehrere Studien hatten zuvor Hinweise gefunden, dass zu viel davon bösartige Tumorerkrankungen oder Herzkreislaufleiden begünstigen könne. Ein Forschergremium, das Ernährungsempfehlungen entwickelt, kam zuletzt allerdings zu einem anderen Ergebnis (Annals of Internal Medicine: Johnston et al., 2019): Die Studienlage gebe es nicht her, Menschen allgemein zu empfehlen, an ihrem üblichen Konsum roten Fleisches etwas zu ändern. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät dennoch dazu, pro Woche nicht mehr als 600 Gramm davon zu essen. Nicht zuletzt ist das Leid der Schlachttiere ein starkes Argument für den Verzicht.

Schätzungsweise 60 Kilogramm Fleisch verzehrt der Durchschnittsdeutsche jedes Jahr, mehr als die Hälfte davon vom Schwein und weitaus mehr als die DGE empfiehlt. Rechnet man die industrielle Verwertung, Tierfutter und Abfälle aus der Fleischproduktion dazu, liegt der Verbrauch bei knapp 90 Kilogramm pro Kopf. Obwohl sich an dieser Zahl seit Jahren nicht viel ändert und nur 13 Prozent der Menschen hierzulande die neuen Fleischersatzprodukte als " positive Innovation" betrachten, steigt der Konsum von Fake-Fleisch seit einigen Jahren rasant an. 2018, das ergab eine Umfrage, kauften in Deutschland bereits rund eine Million Menschen "mehrmals pro Woche" Fleischersatzprodukte.

Zwischen 2025 und 2040, so die Prognosen, wird der weltweite Umsatz mit fleischlosem Fleisch auf 450 Milliarden US-Dollar steigen, während der mit echtem Fleisch sinkt. Längst hat das deutsche Fleischer-Familienunternehmen Rügenwalder Veggie-Fleisch im Sortiment, ebenso der 1932 als Geflügel-Brüterei gegründete Betrieb Wiesenhof. 2019 zog Nahrungsmittelgigant Nestlé mit seinem Incredible Burger nach. Die Düsseldorfer Unternehmensberatung A.T. Kearny prognostiziert, dass im Jahr " 2040 nur noch 40 Prozent der Fleischprodukte von Tieren" stammen.

Doch was kann das falsche Fleisch? Erfreut es nur das Auge der Grillmeisterin, weil es blutet wie ein Schwein? Oder ist ein Erbsen-Patty gar gesünder als ein Burger aus Rinderhack? Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale hat erst kürzlich einen Vortrag zu dem Thema an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg gehalten. "Wir verspeisen rund doppelt so viel Fleisch wie von Ernährungswissenschaftlern empfohlen. Es wäre ein Fortschritt, wenn wir weniger essen würden", sagt der Experte. "Deshalb sind Fleischersatzprodukte sinnvoll."

Die veganen Pattys hätten jedoch ein paar Nachteile, sagt Valet. "Sie sind hochverarbeitet. Beyond Meat beispielsweise hat 21 Zutaten, fünf Zusatzstoffe und Aromen." Der Verbraucherschützer rät Kundinnen und Kunden deshalb, sich die Zutatenliste vor dem Kauf genauer anzuschauen. "Wem sie zu lang erscheint, der kann zu natürlicheren Gemüsebratlingen, etwa aus Bohnen oder Linsen greifen."

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