Mit Fat Activism gegen Fat Shaming
Sie ist mit dem eigenen Körper zufrieden, sie akzeptiert sich: Magdalena Klopf, 25. Mit ihrem Körperumfang hat sie keine Probleme. Das passt vielen auf der Tinder Dating-App nicht. Sie schlägt sich durch Nachrichten Perverser und Fetischisten und hält sich in ihren Antworten nicht zurück.
Es klingelt an der Wohnungstür – der Essenslieferant bringt vegane Burger. Dazu wird ein Film gestartet, ein Bier geöffnet und nebenbei auf Tinder herumgewischt – ein gemütlicher Sonntagabend für Magdalena Klopf. Mit der Suche nach Liebe hat die App für Magdalena schon lange nichts mehr zu tun: „Mittlerweile ist es mehr Spiel als ernsthafte Partnersuche für mich.“ Problematisch sieht sie ihren spielerischen Umgang mit der App nicht: Probleme findet sie eher im gegenseitigen Umgangston, der dort gepflegt wird. Sie selbst ist bekennende Vertreterin der Body Positivity-Bewegung. Magdalena schämt sich für nichts, und schon gar nicht für ihren Körper. „Das ist halt so! Ich bin dick – ich bin nicht schirch. Dick sein ist nicht außergewöhnlicher als braunhaarig zu sein. Viel Persönlichkeit braucht eben viel Platz“.
Wischen für die Liebe
Ein Schluck vom Bier und Magdalena liest vor: „She: I only date 6 feet guys – Me: with only two feet“, sie lacht dabei laut. „Das finde ich lustig, der kriegt sofort ein Like“. Mit einem Wisch auf dem Bildschirm nach rechts ist der lustige Kerl gematcht und macht Platz für einen neuen Anwärter: „Ich koche gerne“, steht in seiner Kurzbeschreibung. Magdalena dazu ganz pragmatisch: „...und ich esse gerne“. Sie selbst hält ihr Tinder-Profil eher minimalistisch mit einer kleinen Auswahl an Fotos und dem Spruch: „I try not to be as boring as I look.“ Über eines ihrer Profilbilder sagt sie: „Da habe ich einen Platz mit gutem Licht gefunden und musste sofort ein Selfie machen.“
Das Fleisch am Spieß
Nicht alle verbreiten lustige Sprüche, manche würden sich „wie ausgehungerte Zirkustiere auf der Suche nach einem Fetzen Fleisch“ benehmen: „Hey bisch du fett i würd di trotzdem.“
Schon schreibt der nächste Kandidat: „Wieso immer stärkere frauen mich liken. Liegt das an meinem grossen S... oder wie. Sieht man das?“ Magdalena kontert: „Wieso liken mich immer solche Deppen? Und dein S... ist sicher größer als mein Geduldsfaden, das ist aber auch nicht schwer.“ Der aus eigenen Angaben gut ausgestattete Mann erkundigt sich weiter: „Brauchst du keinen schönen S...? Was ist jetzt. Willst du gef... werden von mir oder nicht?“
Die Datingplattform Tinder vereint nonexistente Rechtschreibung mit einer niedrigen Hemmschwelle. Magdalena verdreht die Augen und blockiert den großen S...: „Ich habe genug Selbstbewusstsein, mit solchen und schlimmeren Nachrichten umzugehen. Was machen die, die sich nicht trauen zu kontern?“ Wer also auf der Suche nach Bilderbuchromantik ist, sollte womöglich woanders nachforschen. Magdalenas Geduldsfaden hält sich an der letzten Faser: „Ich gehe mittlerweile davon aus, dass jeder Mann ein Depp ist.“
Schön dick
„Natürlich ist auf Tinder alles sehr oberflächlich“, räumt Magdalena ein. Ausgesucht werde eben primär nach dem ersten Eindruck vom ausgewählten Profilbild des anderen. Über sich selbst sagt sie: „Ich fühl mich wohl in meiner Haut und nehme blöde Bemerkungen nicht ernst.“ Da das Aussehen für Magdalena nicht das allerwichtigste Kriterium bei der Partnersuche ist, erwartet sie diese Einstellung oft vergebens bei ihrem Gegenüber. „Viele schreiben mir nur, weil ich dick bin.“ Dabei gebe es entweder Nachrichten a lá „Ich wollte schon immer eine Dicke f...“ oder jene, die sich vermeintlich „besorgt“ erkundigen, ob sie denn wisse, wie grausig und abstoßend sie sei.
„Es verletzt nicht, aber es regt mich auf.“ Besonders Beleidigungen, die das Aussehen betreffen: „Warum beleidigt man überhaupt jemanden? Ich gehe ja auch nicht auf einen fremden Menschen zu und frage ihn, ob er überhaupt weiß, wie schirch er ist.“
Ziel: Deppenminimierung
Für Magdalena gilt: „Fat Activism gegen Fat Shaming“. Ihr Werkzeug dazu: Veröffentlichung im Internet. Sie beschließt ein Best-of sämtlicher Blödheiten an Nachrichten auf Instagram in der Serie „Daily Dating by @maggifridolin“ zu veröffentlichen: „Ich will nicht, dass Leute glauben, so etwas machen zu können, nur weil es über das Internet passiert.“ Einerseits sei es ein Racheakt, andererseits dienen manche Nachrichten dem eigenen Amüsement und dem ihrer Followerschaft: „Viele, vor allem Frauen, schreiben, ihnen sei Ähnliches passiert. Die meisten davon kenne ich gar nicht.“ Männer würden dabei oft eine verteidigende Position in Richtung: „Wirklich? Nein, ich würde so etwas nie schreiben“ einnehmen.
Magdalena spielt ihr Spiel weiter und versucht, Anstand und Benehmen auf der Tinder-Dating-App zu verbreiten. „Ich glaube nicht, dass ich einen Auftrag für die Menschen habe. Ich glaube aber, dass ich mir diesen Auftrag selber gegeben habe.“ Magdalena will aufzeigen, wie grausig sich manche Leute im Internet über das Aussehen anderer äußern. Ob dick oder nicht: „Ich verstehe nicht, warum sich überhaupt jemand für sein Aussehen rechtfertigen muss.“ Magdalena geht es um Respekt. Das formuliert sie als Zukunftswunsch prägnant: „Weniger Deppen!“
Rainer Manzenreiter
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