Interview mit Walter Momper

von Margita Gürtler

Walter  Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin von 1989 bis 1991 und Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses von 2001 bis 2011 (SPD), war zusammen mit Familienangehörigen Teilnehmer der Rundreise des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. im September 2015 zu Kriegsgräbern in Weißrussland / Belarus

Fragen und Antworten

Frage:
Herr Momper, Sie sind Teilnehmer der gemeinsamen Rundreise von 62 Teilnehmern zu Kriegsgräbern ihrer Angehörigen in Weißrussland/Belarus, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. in diesem Jahr wieder angeboten hat.
Wie kam es zu Ihrer Verbindung mit dem Volksbund?

Walter Momper:
Mein Vater ist Ende 1944 im Ruhrgebiet noch vor meiner Geburt gefallen. Mein Vater wurde auf einem Gemeindefriedhof beerdigt und das Grab wird vom Volksbund gepflegt. Deshalb war mir der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge immer schon ein Begriff.
In meiner Zeit als Abgeordnetenhauspräsident war ich Schirmherr für Volksbund-Veranstaltungen und habe das Ganze dann auch etwas verbessert. Es gab ein Buffet und ähnliche Hilfen.
Mitglied bin ich seit rund 15 Jahren.

Frage:
Für viele hat der Name Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge einen merkwürdigen Geschmack; da befürchtet man leicht eine Rechtslastigkeit. Sehen Sie das auch so?

Walter Momper:
Das ist eine Belastung. Aber der Name ist historisch zu erklären. Es hat nichts mit rechts oder links zu tun; immer schon.

Heute gibt es beim Volksbund eine Leitbilddiskussion; das ist gut so. Die Bayern sind zwar dagegen, weil man alle Opfer explizit einbeziehen will, auch die in den KZs und die der Gegner. Vorgesehen ist, die Jugendarbeit auszuweiten und einen ganzheitlichen Ansatz zu finden auf die Fragestellung hin „Was ist wo passiert?“; also nicht nur der gefallenen Soldaten zu gedenken, sondern aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
Eine Änderung in dieser Richtung ist schon die Umbenennung der Verbandszeitschrift „Stimme & Weg“ in „Frieden“.

Frage:
Wie kam es dazu, dass Sie an dieser Rundreise im Bus zusammen mit vielen anderen teilnehmen?

Walter Momper:
Es war vor 10 Jahren, da haben wir das erste Mal an die Deutsche Dienststelle Berlin geschrieben und uns nach dem Grab des gefallenen Onkels meiner Frau erkundigt. Damals war die Antwort, eine Umbettung werde überlegt. Später kam die Nachricht, dass die Umbettung erfolgt sei. Dann kam diese Reiseankündigung und wir meldeten uns an.

Frage:
Wir haben beim Besuch des ersten Soldatenfriedhofs in Berjosa die Umbettungen von gefallenen ungarischen und deutschen Soldaten miterlebt. Warum sind diese Umbettungen aus einem Soldatenfriedhof zu einem anderen sinnvoll?

Walter Momper:
Jedes Jahr werden in Osteuropa, also in Russland, Weißrussland und in der Ukraine, 30.000 gefallene Soldaten umgebettet. Das ist eine ganz heikle Arbeit. Mit Suchgeräten, Stangen und dann auch Traktoren wird vorsichtig gesucht. Mit Pinseln wie auch bei archäologischen Grabungen werden dann bei der Feinarbeit Uniformknöpfe, Erkennungsmarken und Ritterkreuze gefunden und geborgen.
Diese Arbeit ist schon deshalb wichtig, weil hier Grabräuber am Werk sind und alles suchen, was sie auf den Märkten verkaufen können.
Die größeren Friedhöfe werden zuerst umgebettet, nicht die kleinen. Damit erreicht es der Volksbund, dass effektiver vorgegangen werden kann. Es ist besser, die gefallenen Soldaten auf wenige große Friedhöfe zu konzentrieren. Da ist die Pflege rationeller.

Einen großen Unterschied gibt es bei den Traditionen der Soldatengräber zwischen Deutschland und Russland oder vorher der Sowjetunion. Wir versuchen, die Identitäten zu erkennen und zu erhalten. Bei den russischen Anlagen wird aller gedacht, nur einige Helden bleiben als Person zu erkennen. Dazu trägt schon bei, wie der Soldat zu Lebzeiten identifiziert wird. Der Deutsche trägt eine zweiteilige Erkennungsmarke; wenn er gefallen ist, wird ein Teil abgetrennt und damit sein Tod zweifelsfrei dokumentiert. Die russischen Soldaten bleiben meist ohne Identität. Sie tragen ein Röhrchen, in dem ein Seidenpapier mit dem Namen aufbewahrt wird, das aber nach dem Tod nicht immer aufzufinden ist.

Frage:
Wir haben verschiedene Kriegsgräber besucht, reiseplanmäßig
den großen Soldatenfriedhof in Berjosa nahe Brest mit der Feier zum 10-jährigen Bestehen, veranstaltet von Weißrussen, Ungarn und Deutschen,
den kleineren in Schatkowo nahe Bobruisk und
den Kriegsgefangenenfriedhof Cholmy in Mogilev

Darüber hinaus kamen wir zu einem Soldatenfriedhof Gefallener des ersten Weltkriegs. Wir besuchten Gedenkstätten der Gräueltaten an Juden, so Jama (auf Deutsch, „die Grube“, ein Denkmal von Leonid Lewin) in Minsk und das Ghetto dort, beides Hinrichtungsorte. Wir fuhren zu Stellen, an denen Angehörige ihrer Gefallenen ganz persönlich gedachten und wir kamen zu einem jüngeren Lewin-Denkmal in Bobruisk, das für Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft der ehemaligen Sowjetunion errichtet wurde; Sie haben dort gesprochen und einen Kranz niedergelegt.

Was sind Ihre Eindrücke?

Walter Momper:
Es war eine hochinteressante Reise, in ein Land, in dem ich noch nie war. Sehr eindrucksvoll der Gegensatz zum Beispiel zur Ukraine.

Cholmy bei Mogilev, der Zustand des kleinen Kriegsgefangenenfriedhofs tat ein bisschen leid. Da gab es die verschlossene Kapelle und den verdreckten Gedenkstein, herabgefallenes Laub und viele leere Plastikflaschen, -becher und Zigarettenschachteln. Aber der Volksbund ist da überfordert; er kann einen so kleinen Ort nicht pflegen und wir haben ja mit bescheidensten Mittel, mit unseren Händen, erst einmal etwas Ordnung gemacht.

Mogilev, die Stadt selbst, da erstaunte mich unsere Reiseleiterin Ludmilla, die sehr viel wusste von früher; ich habe ihre Berichte mit einem alten Stadtplan verglichen. Sie wusste genau, wo überall Deutsche waren, wohl in jedem dritten Haus.

Bobruisk, auch dort war erst die Deutsche Wehrmacht, dann kamen die Russen.
Der Soldatenfriedhof Schatkowo hat schon fast 30.000 Einbettungen, aber es werden noch mehr werden. Ich fand die Anlage schlicht, aber eindrucksvoll.

Zum Lewin-Denkmal (erst nach Lewins Tod von der Tochter vollendet) im Gebiet der Festung in Bobruisk ist anzumerken, dass um dieses Denkmal die Diskussion um die Art des Gedenkens in Belarus geht. Lewins Denkmal gedenkt aller Toten, nicht nur der des Krieges, sondern auch der der Gewaltherrschaft. Hinter dieser Ausrichtung des Gedenkens steht ein großer Teil der Zivilgesellschaft und die Opposition. Die Regierung gedenkt eher der Helden mit monumentalen Denkmälern, wie in der Festung Brest.
Lukaschenko, der Präsident, und das östliche Weißrussland gehen dagegen Schulter an Schulter mit den Russen und den Partisanen – sie gedenken nur der Helden. Brest, heute an der polnischen Grenze, etwa ist als Heldenstadt zurechtgemacht. Es ist eine Heldengeschichte der Russen. Dort gilt nicht das Individuum, sondern die Masse, und abgehoben die wenigen Helden.

Eindrucksvoll in Bobruisk war die ganz persönliche Herangehensweise eines Sohns, der die Reise mit seiner Mutter unternahm. Er hatte Material zum Lewin-Denkmal gesammelt und er wusste, dass sein Großvater dort in der Nähe im Festungsgebiet begraben wurde. Eine Umbettung wurde abgelehnt, da die Grabstelle sich in militärischem Gebiet befindet. Für die Mutter hatte er eine Minidrehorgel mitgebracht und am Zaun zum Militärgebiet damit „Eine feste Burg ist unser Gott“ gespielt.

Berjosa, ja, es war gut, diese Veranstaltung gemeinsam mit den Ungarn zu machen, weil die mit der Wehrmacht gekämpft haben, aber nicht so viele Gefallene haben, um selbst Friedhöfe zu bauen.

Frage:
Seit den Sicherheitstagen in München 2014 wird öfters davon gesprochen, dass Deutschland wieder Verantwortung übernehmen müsse. Damals waren es Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Für Kritiker hört sich das wie Säbelrasseln an. Wie stehen Sie dazu?

Walter Momper:
Das war in Ordnung. Ich denke, man muss sehen, dass wir ein 80-Millionen-Volk sind und unseren Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der Welt leisten müssen.


Margita Gürtler

Seefeld

Zur Person

Margita Gürtler

  • legasthenie
  • arbeit des volksbund deutsche kriegsgräberfürsorge in belarus
  • mietnomaden
  • deutsch für asylbewerber

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cahap.de ,  margita-guertler.de