Bewegende Momente Auf Soldatengräbersuche in Belarus
von Margita Gürtler
Der Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. hatte im Februar 2015 zur Belarus-Rundreise Ende September zu Soldatenfriedhöfen eingeladen. Wenn sich weniger als 25 Teilnehmer meldeten, sollte die Reise ausfallen. Aber es meldeten sich so viele, dass ein Bus gar nicht ausreichte. 62 Teilnehmer aus Deutschland und Österreich begaben sich auf die Suche nach den Gräbern ihrer gefallenen Väter und Onkel, eine Frau suchte nach dem Grab des Bruders.
Auch wenn nicht alle Gräber gefunden wurden, es gab aufwühlende Szenen. Positiv, wenn der Sohn erfahren durfte, dass sein Vater in guter Erinnerung geblieben war als einer, der abends vorbeikam und Kinder auf seinen Knien reiten lies; weniger – schon weil uneinlösbar – , wenn einer im Druck eines etwas unscharfes Bilds eines schießenden Soldaten seinen Vater vermutete und mehr dazu erfahren wollte, er hielt sich meist abseits und verfolgte eigene Wege.
Eine Reise nach Belarus führt in die Mitte Europas und doch in ein Land, das auch für Vielgereiste noch ein weißer Flecken war. Zur Überraschung zeigte sich Belarus, „die letzte Diktatur Europas“, wie das Land gerne genannt wird, äußerst gepflegt, modern und europäisch. Verkleidete
Puppen am Straßenrand aus Strohballen auf dem Land wie hierzulande und in den Städten, vor allem in Minsk am Wasser Hochhäuser, wie sie auch in Frankreich an der Küste stehen könnten. Nur selten trifft man auf alte Bauten, hatten doch die Deutschen das Land weitgehend zerstört. „Die deutsche Besatzungsherrschaft 1941 bis 44 führte zum Tod von 25 Prozent der Bevölkerung, darunter fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes.“ Und „Fast alle Städte des
Landes waren vollständig zerstört.“
Eindrucksvolle Mahnmale erinnern an Vertreibung, Ghettoisierung und Ermordung von Juden. In Minsk ist es eine Plastik von Leonid Lewin, ein Zug von lebensgroßen Juden neben einer Treppe hinunter in die Grube – so heißt sie auch „Jama“. Dort waren Juden erschossen wurden. Viele weitere Mahnmale stehen im Ghetto und erinnern an das grausame Unrecht gegenüber den Juden. Erst in diesem Sommer, im Juni 2015, wurde ein Gedenkstein aufgestellt mit Bronzetafeln in russischer und deutscher Beschriftung: „Im Gedenken an die jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Königsberg und der Provinz Ostpreußen, die am 24. Juni 1942 aus ihrer Heimat verschleppt und zwei Tage später in der Vernichtungsstätte Malyj Trostenez bei Minsk ermordet wurden.“ Errichter waren Stiftung und Stadtgemeinschaft Königsberg, Ostpreußische Kulturstiftung, Landsmannschaft Ostpreußen, Gemeinschaft evangelishcer Ostpreußen, Jüdische Gemeinde Kaliningrad und Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Nach der politischen Wende in Osteuropa begann der Volksbund seit 1991 über 500 Soldatenfriedhöfe zu gründen und wieder herzustellen. Die riesigen Grabfelder sollen erinnern an die Folgen von Krieg und Gewalt. Der Volksbund zitiert Albert Schweitzer: „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens, und ihre Bedeutung als solche wird immer zunehmen.“
Der Volksbund will dies der Jugend vermitteln. Er lädt zu Fahrten zu den Kriegsgräbern ein, veranstaltet nationale und internationale Jugendbegegnungen und Workcamps zur
Pflege von Kriegsgräberstätten und bietet in vier Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten nahe bei Friedhöfen die Rahmenbedingungen für „friedenspädagogische Projekte“.
Auf der Rundreise konnten wir die Jugendarbeit des Volksbunds praktisch erfahren.
Ein Programmpunkt der Rundreise war die Teilnahme an der Gedenkfeier zum 10-jährigen Bestehen des Soldatenfriedhofs Berjosa. Bewegend hier war die Beisetzung von 25 ungarischen und 1000 deutschen Soldaten am 26. September. 2004 war es dem Volksbund nach Jahre langen Verhandlungen gelungen, ein vier Hektar großes Gelände Nahe der Verbindungsstraße Minsk – Brest, etwa 80 Kilometer vor Bresk, für einen neuen Sammelfriedhof für bis zu 50.000 Gräbern zu erhalten. Mit dem Ausbau wurde 2005 begonnen und am 1. Oktober 2005 konnte der Friedhof eingeweiht werden; damals waren 400 Soldaten beigesetzt worden. Ende Juni 2015 lagen in Berjosa über 10.000 tote Soldaten. Bei der Feier zum 10-jährigen Bestehen erhielten alle Teilnehmer kleine Holzkreuzchen mit den Namen der Toten; Jugendliche hatten sie im Workcamp in Mjadel bei Minsk mit der Hand beschriftet und mit dem Vergiss-mein-nicht-Anstecker geschmückt, der 2014 herausgegeben wurde unter dem Leitspruch „100 Jahre Erster Weltkrieg – gegen das Vergessen“. Nach der Beisetzung der vielen kleinen frischen Holzsärge, steckten alle Anwesende die erhaltenen Kreuzchen am weiten Rand der Grube in die Erde; viele legten noch ein paar Blumen dazu.
Während der Feier waren auch 19 Berufsschüler aus Rostock zu Wort gekommen; ihr Lehrer Holger Hagemann hatte zuvor für alle Kollegen und Schüler aus Rostock (Deutschland), Riga (Lettland), Brest (Belarus), Iasi (Rumänien) und Moskau (Russland) gesprochen. Die Jugendlichen gaben Bekenntnisse, warum sie Frieden wollen, etwa, „weil ich eine Familie gründen möchte und meine Kinder friedlich aufwachsen können.“ Oder, „weil Krieg tötet und jeder Mensch nur ein Leben hat.“ Oder, „weil der Mensch dem Krieg ein Ende setzen muss, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“
„Dass wir vor zehn Jahren hier eine deutsche Kriegsgräberstätte einrichten durften – dafür sind wir den belorussischen Behörden und unseren Partnern äußerst dankbar“, sagte Volksbund-Präsident Markus Meckel in seiner Ansprache; Meckel war nach den ersten freien Wahlen 1990 von April bis August 1990 Außenminister der DDR in der Großen Koalition. „Ein großer Teil derer, die heute hier ihr Grab erhalten, sind in den letzten Monaten am Stadtrand von Minsk ausgebettet worden. Ich möchte den Verantwortlichen der Regierung und dem Spezial-Batallion der belarussischen Streitkräfte danken, dass sie das ermöglicht haben.“ Das Umbetten macht die Grabpflege einfacher; oft ist sie am ersten Grab gar nicht mehr ordentlich durchführbar, etwa weil der Grund anders genutzt wird. Es war das erste Mal, dass so eine Feierlichkeit mit Belarus zusammen organisiert wurde. Vielleicht ein kleines Zeichen, dass nun nach fast 20 Jahren das bilaterale Abkommen von Belarus ratifiziert wird? Von rund 50 bilateralen Abkommen ist es das einzige, das diesen Abschluss noch nicht erhielt.
Einmal wurde Meckel sehr persönlich:„Aus Aufzeichnungen weiß ich, dass auch mein Vater als Offizier der Deutschen Wehrmacht in Minsk war. Ich weiß nicht, was er dort getan hat. Ich hoffe inständig, dass er an diesen Verbrechen nicht beteiligt war – und weiß doch: auch ohne unmittelbare Beteiligung, mittelbar war er Teil des Systems, welches diese Tötungsmaschinerie ermöglicht hat. So stehe ich mit großer Betroffenheit vor diesen Gräbern, denn er hätte selbst auch hier liegen können.“
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Mehr dazu www.vdk-belarus2015.de
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Am Volkstrauertag, 15. November 2015, überträgt die ARD ab 13.30 Uhr die zentrale Gedenkstunde des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge „70 Jahre nach Kriegsende“ im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Berlin unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten.
Auch wenn nicht alle Gräber gefunden wurden, es gab aufwühlende Szenen. Positiv, wenn der Sohn erfahren durfte, dass sein Vater in guter Erinnerung geblieben war als einer, der abends vorbeikam und Kinder auf seinen Knien reiten lies; weniger – schon weil uneinlösbar – , wenn einer im Druck eines etwas unscharfes Bilds eines schießenden Soldaten seinen Vater vermutete und mehr dazu erfahren wollte, er hielt sich meist abseits und verfolgte eigene Wege.
Eine Reise nach Belarus führt in die Mitte Europas und doch in ein Land, das auch für Vielgereiste noch ein weißer Flecken war. Zur Überraschung zeigte sich Belarus, „die letzte Diktatur Europas“, wie das Land gerne genannt wird, äußerst gepflegt, modern und europäisch. Verkleidete
Puppen am Straßenrand aus Strohballen auf dem Land wie hierzulande und in den Städten, vor allem in Minsk am Wasser Hochhäuser, wie sie auch in Frankreich an der Küste stehen könnten. Nur selten trifft man auf alte Bauten, hatten doch die Deutschen das Land weitgehend zerstört. „Die deutsche Besatzungsherrschaft 1941 bis 44 führte zum Tod von 25 Prozent der Bevölkerung, darunter fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes.“ Und „Fast alle Städte des
Landes waren vollständig zerstört.“
Eindrucksvolle Mahnmale erinnern an Vertreibung, Ghettoisierung und Ermordung von Juden. In Minsk ist es eine Plastik von Leonid Lewin, ein Zug von lebensgroßen Juden neben einer Treppe hinunter in die Grube – so heißt sie auch „Jama“. Dort waren Juden erschossen wurden. Viele weitere Mahnmale stehen im Ghetto und erinnern an das grausame Unrecht gegenüber den Juden. Erst in diesem Sommer, im Juni 2015, wurde ein Gedenkstein aufgestellt mit Bronzetafeln in russischer und deutscher Beschriftung: „Im Gedenken an die jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Königsberg und der Provinz Ostpreußen, die am 24. Juni 1942 aus ihrer Heimat verschleppt und zwei Tage später in der Vernichtungsstätte Malyj Trostenez bei Minsk ermordet wurden.“ Errichter waren Stiftung und Stadtgemeinschaft Königsberg, Ostpreußische Kulturstiftung, Landsmannschaft Ostpreußen, Gemeinschaft evangelishcer Ostpreußen, Jüdische Gemeinde Kaliningrad und Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Nach der politischen Wende in Osteuropa begann der Volksbund seit 1991 über 500 Soldatenfriedhöfe zu gründen und wieder herzustellen. Die riesigen Grabfelder sollen erinnern an die Folgen von Krieg und Gewalt. Der Volksbund zitiert Albert Schweitzer: „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens, und ihre Bedeutung als solche wird immer zunehmen.“
Der Volksbund will dies der Jugend vermitteln. Er lädt zu Fahrten zu den Kriegsgräbern ein, veranstaltet nationale und internationale Jugendbegegnungen und Workcamps zur
Pflege von Kriegsgräberstätten und bietet in vier Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten nahe bei Friedhöfen die Rahmenbedingungen für „friedenspädagogische Projekte“.
Auf der Rundreise konnten wir die Jugendarbeit des Volksbunds praktisch erfahren.
Ein Programmpunkt der Rundreise war die Teilnahme an der Gedenkfeier zum 10-jährigen Bestehen des Soldatenfriedhofs Berjosa. Bewegend hier war die Beisetzung von 25 ungarischen und 1000 deutschen Soldaten am 26. September. 2004 war es dem Volksbund nach Jahre langen Verhandlungen gelungen, ein vier Hektar großes Gelände Nahe der Verbindungsstraße Minsk – Brest, etwa 80 Kilometer vor Bresk, für einen neuen Sammelfriedhof für bis zu 50.000 Gräbern zu erhalten. Mit dem Ausbau wurde 2005 begonnen und am 1. Oktober 2005 konnte der Friedhof eingeweiht werden; damals waren 400 Soldaten beigesetzt worden. Ende Juni 2015 lagen in Berjosa über 10.000 tote Soldaten. Bei der Feier zum 10-jährigen Bestehen erhielten alle Teilnehmer kleine Holzkreuzchen mit den Namen der Toten; Jugendliche hatten sie im Workcamp in Mjadel bei Minsk mit der Hand beschriftet und mit dem Vergiss-mein-nicht-Anstecker geschmückt, der 2014 herausgegeben wurde unter dem Leitspruch „100 Jahre Erster Weltkrieg – gegen das Vergessen“. Nach der Beisetzung der vielen kleinen frischen Holzsärge, steckten alle Anwesende die erhaltenen Kreuzchen am weiten Rand der Grube in die Erde; viele legten noch ein paar Blumen dazu.
Während der Feier waren auch 19 Berufsschüler aus Rostock zu Wort gekommen; ihr Lehrer Holger Hagemann hatte zuvor für alle Kollegen und Schüler aus Rostock (Deutschland), Riga (Lettland), Brest (Belarus), Iasi (Rumänien) und Moskau (Russland) gesprochen. Die Jugendlichen gaben Bekenntnisse, warum sie Frieden wollen, etwa, „weil ich eine Familie gründen möchte und meine Kinder friedlich aufwachsen können.“ Oder, „weil Krieg tötet und jeder Mensch nur ein Leben hat.“ Oder, „weil der Mensch dem Krieg ein Ende setzen muss, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“
„Dass wir vor zehn Jahren hier eine deutsche Kriegsgräberstätte einrichten durften – dafür sind wir den belorussischen Behörden und unseren Partnern äußerst dankbar“, sagte Volksbund-Präsident Markus Meckel in seiner Ansprache; Meckel war nach den ersten freien Wahlen 1990 von April bis August 1990 Außenminister der DDR in der Großen Koalition. „Ein großer Teil derer, die heute hier ihr Grab erhalten, sind in den letzten Monaten am Stadtrand von Minsk ausgebettet worden. Ich möchte den Verantwortlichen der Regierung und dem Spezial-Batallion der belarussischen Streitkräfte danken, dass sie das ermöglicht haben.“ Das Umbetten macht die Grabpflege einfacher; oft ist sie am ersten Grab gar nicht mehr ordentlich durchführbar, etwa weil der Grund anders genutzt wird. Es war das erste Mal, dass so eine Feierlichkeit mit Belarus zusammen organisiert wurde. Vielleicht ein kleines Zeichen, dass nun nach fast 20 Jahren das bilaterale Abkommen von Belarus ratifiziert wird? Von rund 50 bilateralen Abkommen ist es das einzige, das diesen Abschluss noch nicht erhielt.
Einmal wurde Meckel sehr persönlich:„Aus Aufzeichnungen weiß ich, dass auch mein Vater als Offizier der Deutschen Wehrmacht in Minsk war. Ich weiß nicht, was er dort getan hat. Ich hoffe inständig, dass er an diesen Verbrechen nicht beteiligt war – und weiß doch: auch ohne unmittelbare Beteiligung, mittelbar war er Teil des Systems, welches diese Tötungsmaschinerie ermöglicht hat. So stehe ich mit großer Betroffenheit vor diesen Gräbern, denn er hätte selbst auch hier liegen können.“
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Am Volkstrauertag, 15. November 2015, überträgt die ARD ab 13.30 Uhr die zentrale Gedenkstunde des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge „70 Jahre nach Kriegsende“ im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Berlin unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten.
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