Lutz Jäkel

Foto- und Videojournalist, Autor, Berlin

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Feature

Dialog der Kulturen - Orient trifft Okzident

Die „Wiege Europas“ wird der Mittelmeerraum oft genannt. Hier begegnen sich Okzident und Orient, die vor allem durch die großen Religionen Judentum, Christentum und Islam geprägt sind. Ideen- und religionsgeschichtlich bilden diese Glaubensrichtungen Unterschiede. Aber sie blicken ebenso auf ein gemeinsames kulturelles Erbe zurück. Der gegenseitige Einfluss war zu allen Zeiten größer als das Trennende.

König Salomo sammelte im 1. Jahrtausend vor Christus lieber Reichtümer an als Kriege zu führen. Für diese und andere Weisheiten gewährte Gott ihm ein langes Leben und eben jenen Reichtum. Auch der phönizische König Hiram von Tyros, ihm heutigen Libanon gelegen, bewunderte Salomo, so überliefert es das Alte Testament. Als Salomo seinen Tempel in Jerusalem bauen wollte, schickte Hiram auf Flößen Zedernholz und Zypressen aus den libanesischen Wäldern. Und hundertzwanzig Zentner Gold, damit der Palast prächtig würde.

Die beiden Könige bauten außerdem eine Flotte auf, die sie bis an das Ende des Roten Meeres schickten. Alle drei Jahre brachten diese Gold, Silber und Elfenbein. „So war der König Salomo größer an Reichtum und Weisheit als alle Könige auf Erden. Und alle Welt begehrte, Salomo zu sehen, damit sie die Weisheit hörten, die ihm Gott in sein Herz gegeben hatte“. Davon wollte sich auch die Königin von Saba überzeugen. Sie kam aus dem Jemen nach Jerusalem heraufgezogen, mit Kamelen, beladen mit Gold und Edelsteinen, Gewürzen und Weihrauch. Und die Königin war beeindruckt: „Du hast mehr Weisheit und Güter, als die Kunde sagte, die ich vernommen hatte.“

Die traurige Tatsache allerdings: Bis heute hat man keine irdischen Nachweise für die Königin von Saba finden können. Die ältesten Inschriften belegen ein sabäisches Reich erst für das 8. Jahrhundert v. Chr, einige Jahrhunderte nach König Salomo. Auch im Alten Testament findet sich nur eine kurze Erwähnung im 1. Buch der Könige. Im Koran wird sie wegen ihrer Weisheit gerühmt, die durch ihre Begegnung mit Sulaiman (Salomo) zum Glauben an den einzigen Gott bekehrt wird.

Für Juden und Christen ist sie also Beweis für die Weisheit Salomos, den Muslimen gilt sie außerdem als Sinnbild für den Glauben an den einen Gott. Die Überreste des sagenhaften sabäischen Reiches lassen sich noch heute in der alten Hauptstadt Marib im nördlichen Jemen bewundern. Massive Steinquader zeugen von ausgeklügelten Bewässerungsanlagen, mit der die Bauern ihr Kulturland bewässerten. Und im Andenken hat sich „Malika Bilkis“, wie die Königin von Saba auf Arabisch genannt wird, bis heute in der Phantasie der Jemeniten bewahrt.

Im Norden handelten die Sabäer bis in das erste Jahrhundert hinein mit den Nabatäern, einem Wüstenvolk, das sich im 6. Jahrhundert vor Christus in das heutige Jordanien aufmachte. Zunächst überfielen sie Karawanen, dann verlangten sie Zölle, Abgaben und Gebühren und gingen schließlich dazu über, Karawanenhandel in eigener Regie zu betreiben. Sie kontrollierten damit den nördlichen Bereich der Weihrauchstraße auf dem Weg von Südarabien zum Mittelmeer. Etwa 90 Tage benötigte man für diese Strecke.

Die Nabatäer wurden reich und bauten ihre Königsstadt Petra prächtig aus. Eine Aura des Geheimnisvollen umgibt die alte Karawanenstadt noch immer, die gut geschützt nur über eine lange Schlucht zu erreichen ist. Am Ende dieser Schlucht entfaltet sich wie aus dem Nichts die Pracht des so genannten Schatzhauses, bevor es in die Überreste der „Totenstadt“ von Petra übergeht. Riesige Grabanlagen wurden in den Felsen gehauen, nach hellenistischen und römischen Vorbildern. Die Nabatäer wussten sich ein glanzvolles Andenken zu setzen.

Das wichtigste Handelsgut damals: Weihrauch, das Harz aus dem Boswellia-Strauch, der im subtropischen Klima des Jemens und Omans optimale Klimabedingungen vorfindet und deswegen dort am besten gedeiht. Weihrauch war begehrt, man wog es zeitweilig mit Gold auf: die Ägypter verwendeten es für ihre Kulthandlungen – die Tropfen des Harzes waren für sie der „Schweiß der Götter“ – und die Mumifizierung ihrer Toten, die Israeliten verbrannten Weihrauch in ihren Tempeln, die römischen Kaiser verlangten Weihrauchopfer vor ihrem Abbild als Zeichen der göttlichen Verehrung.

In der katholischen Kirche steht der Weihrauch für Reinigung und Verehrung, er symbolisiert das Gebet, das an Gott gerichtet ist. Der berühmte persische Arzt und Philosoph Ibn Sina (Avicenna) empfahl im 10. Jahrhundert die Anwendung von Weihrauchharz zur „Stärkung des Geistes und des Verstandes“. Noch heute liegt das Zentrum der Weihrauchgewinnung im Jemen und Oman, an der so genannten Weihrauchküste.

Ex oriente lux

Das nabatäische Reich erstreckte sich zeitweise bis nach Damaskus. Dorthin, fernab in Syrien, kam wenige Jahre nach der Kreuzigung Jesu der strenge Jude Saulus, um die Christen innerhalb der jüdischen Gemeinde „gefesselt nach Jerusalem führen“ (Lukas) zu können. Plötzlich umleuchtete ihn ein Licht vom Himmel, er stürzte vom Pferd und war erblindet. Dann hörte er Jesus rufen: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Gott beauftragt den Jünger Ananias, Saulus die Hand aufzulegen, um ihn zu heilen. So geschehen, „fiel es von seinen Augen wie Schuppen“ und Paulus, wie Saulus nach seinem „Damaskus-Erlebnis“ nun mit seinem römischen Namen („der Kleine“) genannt wird, wurde nach seiner Heilung und Taufe zur wichtigsten Person für die Verbreitung des frühen Christentums.

Seine Missionsreisen, die von Antiochia ausgingen, wo zum ersten Mal der Begriff „Christen“ auftauchte, führten ihn durch den gesamten östlichen Mittelmeerraum, nach Zypern, nach Kleinasien, der heutigen Türkei, weiter in die mazedonischen Städte Philippi und Thesalonikki, nach Griechenland über Athen und Korinth, und nach Rhodos und schließlich wieder nach Ephesus, der nach Rom, Alexandria und Antiochia damals viertgrößten Stadt des römischen Reiches.

Ephesus zeugt noch heute, obwohl es wegen der Verlandung nicht mehr am Meer liegt, von dessen einstiger Pracht, ein riesiges Areal mit Ruinen von Theatern, Tempeln, Marktplätzen, Basiliken und Wohnhäusern erschließt sich dem Besucher und lässt die historische und religiöse Bedeutung für Kleinasien noch erkennen. In der Nähe des Osttores in der Altstadt von Damaskus, dort, wo noch immer überwiegend arabische Christen leben, erinnert die unterirdische Ananias-Kapelle an die Begegnung von Ananias und Paulus, sie gilt als eine der ältesten christlichen Gebetsstätten überhaupt.

Damaskus kündet auch von einer weiteren bedeutenden religiösen Phase. Hier soll der Legende nach nicht nur Kain den Abel erschlagen haben, sich das Grab Mose befinden und der Geburtsort Abrahams sein, sondern hier entstand im siebten Jahrhundert die Hauptstadt des ersten islamischen Reiches, das der Umayyaden. Zeugnis dieser Epoche wurde die Freitagsmoschee, die auf einem bedeutendem Areal gebaut wurde: Hier stand der vor Jahrtausenden der aramäische Haddad-Tempel, dann ein griechischer Tempel für Zeus, der bei den Römern Jupiter geweiht wurde, unter den Christen wurde daraus eine Basilika für Johannes den Täufer. Ein Relikt jahrtausender religiöser Tradition, bis heute.

Der Islam führt diese Tradition fort, denn er brachte keine grundsätzlich neue Religion. Der Monotheismus war bereits durch Judentum und Christentum verkündet worden. Muhammad steht in einer Reihe der Propheten Abraham (arab. Ibrahim), Moses (Musa) und Jesus (Isa), aber er ist aus Sicht der Muslime der letzte und damit der Vollkommene. Und Jesus ist für sie nicht Gottes Sohn. Was sie alle vereint: Der Glaube an den einen Gott, den die Muslime Allah nennen. Und so verneigen sich Muslime in der Umayyaden-Moschee nicht nur nach Mekka, sie verehren auch das Haupt Johannes des Täufers, das dort in einem Schrein aufbewahrt sein soll. Eines der Minarette ist nach Jesus benannt, der am Tage des Jüngsten Gerichts von dort herabsteigen soll. Christen stehen ebenfalls in der Tradition der antiken Verehrungen, denn ihre Kirchen sind wie zuvor die antiken Tempel nach Osten ausgerichtet, denn „ex oriente lux“, aus dem Osten kommt das Licht.

Die muslimischen Umayyaden dehnten im achten Jahrhundert ihr Reich weit nach Westen aus, bis nach Spanien. Tariq, Gouverneur von Tanger, setzte mit einem großen Heer zum europäischen Festland über, am Felsen von Gibraltar, das seinen Namen trägt: Dschabal at-Tarik (der Felsen des Tariq). Er besiegte in kurzer Zeit die Westgoten und nahm Toledo ein, die Stadt, in der Spaniens Könige gewählt und gekrönt wurden. Innerhalb kurzer Zeit ergeben sich alle wichtigen Städte Spaniens, Sevilla, Córdoba, Saragossa, Cranada. Der allergrößte Teil wurde allerdings nicht mit Gewalt, sondern per Vertrag mit örtlichen Machthabern eingenommen.

Auch über Heiratspolitik versuchte man die Macht zu festigen: Abdalaziz nahm Egolina, die Witwe König Roderichs, zur Frau und residierte als Gouverneur in Sevilla, der islamische Teil Spaniens bekam nun den arabischen Namen al-Andalus. Abd ar-Rahman III. gründete 929 das Kalifat von Córdoba. In dieser Zeit entwickelte sich auf der iberischen Halbinsel eine kulturelle Vielfalt, die jüdisch, christlich und islamisch geprägt war. Kunst und Wissenschaft in Al-Andalus mit seinen berühmten Denkern wie der Philosoph Ibn Ruschd (Averroes), der ein leidenschaftlicher Anhänger des Aristoteles war, oder der jüdische Philosoph und Arzt Moses Ben Maimon (Maimonides) hatten erheblichen Einfluss auf die europäische Geistesgeschichte.

Christlicher Sultan

Auch weiter östlich machte sich der islamische Einfluss auf Europa bemerkbar. Im 9. Jahrhundert unternahmen die Araber erste Eroberungen auf Sizilien, sie nahmen Palermo ein, Messina, Syrakus, setzten auf das Festland über, so dass sie kurz vor den Toren Neapels standen. Rom konnte sich gerade noch erwehren, der byzantinische Widerstand drängte die Araber auf Sizilien zurück. Dort konnten sie sich jedoch umso länger halten, die islamische Kultur schlug tiefe Wurzeln. Allerdings währte die arabische Herrschaft über Sizilien nicht so lange wie in Spanien.

Normannischen Söldnern gelang es im 11. Jahrhundert, in Süditalien ein Fürstentum zu errichten und auch Sizilien zu besetzen. Doch die Insel blieb lange Zeit kulturell Teil der islamischen Welt. Die Lebensweise mancher Herrscher Siziliens wirkte auf Zeitgenossen eher muslimisch als christlich. Roger II. und dessen Enkel Friedrich II. von Hohenstaufen nannte man die beiden „christlich getauften Sultane Siziliens“. Friedrich II. ließ zahlreiche arabische Gelehrte an seinen Hof bringen und befragte sie nach den Problemen der Ewigkeit und oder der Erschaffung der Welt.

Als Mitte des 11. Jahrhunderts die türkischen Seldschuken Jerusalem eroberten, sah das christliche Abendland die Pilgerfahrt in das Heilige Land gefährdet. Papst Urban II. rief daraufhin zum Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“ auf, um Jerusalem und die anderen heiligen Stätten Palästinas zu befreien. Die Motive für die Kreuzzüge waren eine Mischung von religiöser Inbrunst und weltlichen Belangen. Bedeutende Ritter machten sich auf den Weg: Gottfried von Bouillon, Robert von Flandern, aber auch Herrscher wie Kaiser Friedrich I. Barbarossa und der englische König Richard I. Löwenherz. Auf muslimischer Seite stellten sich Persönlichkeiten wie Saladin und später Baibars ihnen in den Weg. Aber die Kreuzzüge waren nicht nur eine kriegerische Zeit von zweihundert Jahren.

Es war eine Zeit von Hass und Toleranz, Freundschaft und Fanatismus, großen Schlachten mit Verlusten, aber sehr viel längeren Friedensphasen. Denn Kreuzfahrer waren nur eine Minderheit, die Teile der eroberten Länder beherrschten. Ohne eine Kooperation mit dem Umland – ob mit Christen oder Muslimen – wären sie nicht überlebensfähig gewesen. Muslime verbanden sich mit Kreuzfahrern gegen Muslime und Kreuzfahrer mit Muslimen gegen Kreuzfahrer. Der englische König Richard Löwenherz hatte gute Beziehungen zu Saladins Bruder, dem er seine Schwester zur Frau geben wollte, um beide mit Jerusalem zu belehnen und damit die Streitigkeiten um die Stadt zu beenden. In der Schlussphase Ende des 13. Jahrhunderts zogen sich die Ritterorden zurück, die Templer auf Zypern, die Johanniter auf Rhodos. Viele aber blieben und hatten im Orient eine neue Heimat gefunden. Die Oberherrschaft über Jerusalem aber blieb bei den Muslimen, das eigentliche Ziel der Kreuzzüge wurde verfehlt.

Doch in kultureller Hinsicht wurde viel gewonnen. Arabische Handschriften, die die Araber wiederum aus dem Griechischen rezipiert und mit eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen bereichert haben, wurden ins Lateinische übersetzt. Es entwickelte sich in Westeuropa eine rege geistige Tätigkeit, man wollte sich alles aneignen, was sich Araber auf naturwissenschaftlichem und philosophischem Gebiet geleistet hatten. Eigene Erkundungen sollten die Werke ergänzen. Vor allem übertrug man die Werke Aristoteles, die dazu gehörenden Kommentar Avorroes (Ibn Ruschd) und die Werke des Avicenna (Ibn Sina) über Naturgeschichte und Medizin.

Auch dem Handel hatten die Eroberungen des Heiligen Landes neue Dimensionen eröffnet. Davon profitierten vor allem die italienischen Handelsstädte Genua, Pisa und Venedig. Wer sonst besaß die erforderten Flotten zur See, um die riesigen Heere in das besetzte Land zu bringen? Die Städte ließen sich das gut bezahlen, und nach und nach kontrollierten sie den gesamten Levantehandel. Der Neubau des Doms und des Campanilles in Pisa wäre ohne diese Gelder nicht möglich gewesen. Händler aus Damaskus profitierten ebenfalls im erheblichen Maße durch den Verkauf von Seide, Brokat und Stahl.

Akkon unterhielt Handelsbeziehungen nach Marseille, Montpellier und Narbonne. Nutzpflanzen, die in Europa zuvor unbekannt waren, wurden gehandelt: unter anderem Reis, Sesam, Hirse, Zitronen, Melonen und Aprikosen. Und der Handel zwischen Orient und Okzident hatte vor allem eines gelehrt: Wie praktisch die Anwendung der arabischen Zahlenzeichen gegenüber der komplizierten römischen Zählweise war. Die Einführung der Null (arab. sifr, daraus das deutsche Wort Ziffer) sollte einer der größten Errungenschaften sein.

Eine Reise auf jüdischen, christlichen und muslimischen Spuren durch das Mittelmeer ist immer auch eine Reise nach der eigenen Geschichte, nach der eigenen kulturellen Identität. Das wusste auch der Alchimist in Paulo Coelhos gleichnamigen Werk: „In Wirklichkeit waren es nicht die Dinge, die etwas zeigten; es waren die Menschen selber, die, indem sie sich auf die Dinge konzentrierten, die Möglichkeit entdeckten, in die Weltenseele einzutauchen.“