Lutz Jäkel

Foto- und Videojournalist, Autor, Berlin

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Buch

Syrien: Tal der Christen. Tal der Begegnungen

Man kommt ins Grübeln, worum es sich wohl handeln könnte. Hassan zündet sich eine Zigarette an, schaut gelassen auf das Ungetüm und sagt: „Doch, doch, es funktioniert, sogar richtig gut.“ Auf dem Weg in das kleine Städtchen Safita kommen wir am Al-Basil-Stausee vorbei und machen eine Rast in Hassans kleinem Restaurant. Neben ein paar typischen Vorspeisen und etwas gegrilltem Fleisch serviert der 48-jährige Alawit außerdem eine ganz besondere Spezialität: Seinen selbst gebrannten Anisschnaps, den Araq. Und tatsächlich, aus dem offenbar aus vielen Einzelteilen zusammen geschusterten Ungetüm tropft das Destillat, das Hassan in kleine Flaschen füllt. Etwa sieben Liter kommen aus dem Brennkessel, wenn er 40 Liter Most einfüllt und darauf zwei Liter Anis gibt.

Hassan zeigt uns seinen Vorrat, viele bunte Flaschen Hochprozentiges, die Nachfrage ist offenbar groß. „Aber ich verkaufe die Flaschen eigentlich nicht“, sagt er, „ich brenne nur für mein Restaurant. Legal ist es zwar nicht, aber es macht trotzdem jeder.“ Genau darin sieht Hassan auch ein Problem: „Nicht jeder kennt sich aus im Schnapsbrennen. Es gibt immer wieder Todesfälle.“ Hanna und ich schauen uns an, entschließen uns aber, dem selbsternannten Meister zu vertrauen und kaufen ihm zwei Flaschen ab. Seine Gäste trinken schließlich auch und machen einen fidelen Eindruck.

Der Weg durch das Tal der Christen führt durch satte Wiesen, bunte Obstplantagen und auch die Ölbäume reichen bis an den Horizont. Was uns beiden in dem idyllisch gelegenen Safita sofort auffällt: Es gibt viele schöne Frauen und die meisten von ihnen sind schlank. Das fällt gerade nach Lattakia besonders auf, wo man vor allem den Frauen ansieht, dass Essen sehr beliebt ist. Daraus schließt Hanna: „Die können hier eben nicht besonders gut kochen.“ Das scheint allerdings nicht für alle Damen von Safita zu gelten. Denn dort treffen wir Umm Bassam, die Frau eines alten Freundes von Hanna.

Umm Bassam hat früh von ihrer Mutter kochen gelernt, „Essen spielte in unserer Familie schon immer eine große Rolle. Mein Vater ist ein großer Genießer und Feinschmecker“, erzählt sie. Und so verrät sie Hanna ein paar Tricks beim Kochen, es sprudelt aus ihr nur so heraus, alles kann sie ganz akkurat beschreiben, worauf es bei feinsten Geschmacksnuancen ankommt. Das Lieblingsrezept ihres Vaters? Die Spezialität von Safita: Diik Rumi, Truthahn auf römische Art, bei dem der Truthahn mit Reis, Kastanien und getrockneten Früchten wie Aprikosen und Pflaumen gefüllt wird und mit viel Basilikum, Piment und Zimt im Ofen bei Naar Chafife, sanfter Flamme, gegrillt wird. „Okay“, sagt Hanna nach einer Weile lachend, „hier kann man doch kochen.“

Wir stehen auf einem kleinen Hügel und betrachten die idyllischen Häuser, die sich die Hänge hochziehen, und sehen jene gewaltigen Mauern des Burgfrieds, der Schutz sein sollte, letzter Rückzugsraum vor den anrückenden Soldaten des Feindes. Hatte man den Feind rechtzeitig erkannt, wurden von der in Sichtweite auf einer Bergkuppe thronenden Burg „Craq des Chevaliers“ mit Fackeln Zeichen gesendet, von Safita aus wedelte man mit den Fackeln in Richtung Küste, wo die Verstärkung wartete. Wurden die Lichtzeichen nicht gesehen oder zu spät ausgesendet, dann half oftmals nur noch beten, dass die Mauern hielten. Beide Festungen sind Zeugnisse einer Zeit, in der sich Christen und Muslime mal friedlich, mal feindlich gegenüberstanden.

Jerusalem war durch die arabischen Eroberungen im 7. Jahrhundert fest in muslimischer Hand. Doch christliche Pilger hatten uneingeschränkten Zutritt zu den heiligen Stätten. Als aber auf Befehl des fatimidischen Khalifen al-Hakim vor rund tausend Jahren die Grabeskirsche zerstört wurde und keine hundert Jahre später türkische Seldschuken, die kurz zuvor die byzantinischen Heere in Kleinasien besiegten, Jerusalem eroberten, war dem christlichen Abendland klar, dass es vorbei sein könnte mit der Pilgerfahrt in das Heilige Land. Also machten sich Ritter und ihre Heere, nachdem Papst Urban II. sie dazu aufgerufen hatte, auf gegen die „Ungläubigen“, um Jerusalem und die anderen heiligen Stätten Palästinas zu befreien.

Eine Mischung aus religiöser Inbrunst und weltlichen Belangen trieb diese Heere an, bedeutende Ritter waren unter ihnen: Gottfried von Bouillon, Robert von Flandern, aber auch Herrscher wie Kaiser Friedrich I. Barbarossa und der englische König Richard I. Löwenherz. Auf muslimischer Seite stellten sich Persönlichkeiten wie Saladin und später Baibars ihnen in den Weg. Was aber folgte, war nicht allein eine kriegerische Zeit von zweihundert Jahren.

Die Kreuzzüge waren eine Zeit von Hass und Toleranz, Freundschaft und Fanatismus, großen Schlachten mit vielen Verlusten, aber sehr viel längeren Friedensphasen dazwischen. Die Kreuzfahrer waren eine Minderheit, die nur Teile der eroberten Länder beherrschten, in denen arabische Muslime und arabische Christen lebten. Ohne eine Kooperation mit dem Umland – ob nun mit Christen oder Muslimen – wären die Kreuzritter auf ihren Burgen nicht überlebensfähig gewesen. Und jeder hatte seine eigenen Ziele. 

Muslime verbanden sich mit Kreuzrittern gegen Muslime und Kreuzritter mit Muslimen gegen Kreuzritter. In der Schlussphase der Kreuzzüge Ende des 13. Jahrhunderts zogen sich die Ritter zurück. Viele aber hatten im Orient eine neue Heimat gefunden. Die Oberherrschaft über Jerusalem blieb bei den Muslimen, das eigentliche Ziel der Kreuzzüge wurde verfehlt. Doch in kultureller Hinsicht wurde durch den Austausch viel gewonnen und auch dem Handel hatten die Eroberungen des Heiligen Landes neue Wege eröffnet.

Der Duft Syriens

Somit blieb das „Tal der Christen“, in dem sich die meisten Kreuzritterburgen befinden, bis heute ein Teil Syriens mit einem hohen christlichen Bevölkerungsanteil. In vielen Dörfern steht keine einzige Moschee, dafür ragen Kirchtürme in den Himmel. Auch in Safita leben fast nur Christen und Alawiten. Auf dem Weg weiter nördlich in das Dorf Baqa’u, wo wir zusammen mit Ahmad, einem Freund Hannas, dessen Familie besuchen wollen, kommen wir am Ort Dreikiisch vorbei, an dem eine berühmte Quelle entspringt. Auf gleichnamigen Wasserflaschen ist Dreikiisch so transkribiert, dass man daraus „Dreikirchen“ lesen kann und man sich fragt, ob Kreuzfahrer aus Südtirol sich hier niedergelassen haben. Allmählich erreichen wir Baqa’u.

Viele traditionelle Häuser dieses Tals sind, wie auch in diesem Dorf, aus Bruchstein mit einem aus Lehm abgedichteten Flachdach gebaut, meist lehnen sie an einem Hang. Auf diesem Dach arbeiten meist die Frauen und das Dach hat die Funktion, die in der Ebene bei den Bauernhäusern der offene Hof einnimmt. Die Wände sind sehr dick, so halten sie im Sommer das Haus kühl, im Winter warm. Das Haus der Familie von Ahmad ist modern gebaut, Satellitenschüssel ist selbstverständlich, aber es hängen noch, wie an vielen anderen Häusern auch, ein paar kleine Fähnchen herum. Reste des Frühlingsfestes vor ein paar Tagen, das zu Ehren Baals gefeiert wurde, des altsyrischen Fruchtbarkeits- und Wettergottes. Der Volksglaube ist auch hier noch ausgeprägt.

 Hier, im Nordwesten des Landes im Ansariye-Gebirge, haben die Alawiten, die zahlenmäßig die zweitgrößte Religionsgemeinschaft Syriens bilden, ihr traditionelles Siedlungsgebiet. Während der französischen Mandatszeit zwischen 1920 und 1936 hatten die Alawiten sogar einen eigenen Staat mit Lattakia als Hauptstadt. Sie glauben an die Vergöttlichung Alis, des Schwiegersohns des Propheten Muhammad; die Prophetentochter Fatima, Alis Ehefrau, hat eine ähnliche Bedeutung in der Verehrung wie Maria bei den Christen (nur nicht als Mutter Gottes). Zusätzlich mit ihren gnostischen Zügen und ihrem Glauben an Seelenwanderung, entfernen sie sich stark vom orthodoxen Islam, weswegen sie immer wieder Verfolgungen ausgesetzt waren und nur in den abgelegenen Gebirgsregionen überleben konnten. Umm Adnan, der Mutter von Ahmad, ist Religion ziemlich egal.

Die kleine runde vergnügte Frau macht vor allem eines sehr gerne: kochen. Hanna zeigt sie, wie sie eines seiner Lieblingsrezepte – gefüllte Zucchini – und vor allem M’tabale, Weizengrütze und Hülsenfrüchte in Joghurt, macht. Obwohl Umm Adnan schon 77 Jahre alt ist, kocht sie noch jeden Tag und es macht ihr noch immer Freude. Azizi, die Nachbarin, die „nur ein paar Jahre jünger ist als ich“, wie Umm Adnan betont, kommt aber gerne vorbei und hilft. Außerdem lässt es sich dabei besser tratschen. „Der Weizen“, erklärt Umm Adnan, „muss mit einem alten Stein gemahlen, dann gut ausgewaschen und zwei Stunden eingeweicht werden.“ Mit den über Nacht eingeweichten Kichererbsen kocht sie schließlich die Weizengrütze auf, gibt Joghurt dazu, rührt vorsichtig, rührt ein paar Gewürze ein und lässt es immer wieder aufkochen, bis eine sämige Masse entsteht.

Das Ganze, erklärt Umm Adnan, immer bei Naar Chafife, bei kleiner Flamme. Natürlich, wie immer. „Aywa! So!“, ruft sie schließlich, „jetzt abkühlen lassen und dann ist das herrlich erfrischend an heißen Tagen wie heute!“ Dann nimmt sie eine der Olivenölflaschen aus dem Regal. Fast alle Bewohner im Ansariye-Gebirge machen ihr eigenes Olivenöl. „Riech mal!“ sagt sie zu Hanna. „das ist doch der Duft Syriens. Ein wunderbares Aroma!“ Abu Adnan, Ahmads Vater (der „Vater von Adnan“ genannt wird, weil Adnan der älteste Bruder ist), sitzt währenddessen auf der Terrasse, wo Weinranken erfrischenden Schatten spenden. 82 Jahre alt ist er und über die Alawiten weiß er: „Es gibt eigentlich keinen Unterschied zwischen Schiiten und Alawiten. Wir Alawiten sind vielleicht ein bisschen liberaler. Und da der Islam die Propheten anerkennt, also auch Abraham, Moses und Jesus, kann man auch die christlichen Feste feiern.“ Aber sein langes Leben, so Abu Adnan, habe ihn vor allem eines gelehrt: „Mir ist völlig egal, ob mein Nachbar Muslim, Christ oder Jude ist. Hauptsache ich komme mit ihm zurecht. Die Nachbarschaft ist genauso wichtig wie die Religion.“ 

Gott ist Allah

An der Kreuzung auf dem Rückweg in das Tal der Christen gibt es einen Wegweiser nach Antakya. Die Stadt, in der heutigen Türkei gelegen, war einst in der Antike als Antiochia die syrische Hauptstadt. Hier begann die Verbreitung des Christentums in aller Welt. In Antiochia wird die erste Gemeinde begrifflich greifbar, davon berichtet Lukas in seiner Apostelgeschichte, denn der Name „Christen“ taucht hier zum ersten Mal auf. Heute leben rund zehn Prozent Christen in Syrien, doch lange Zeit waren sie in der Mehrheit.

Als die Muslime im 7. Jahrhundert den Vorderen Orient eroberten und sehr bald ihr erstes Weltreich mit der Hauptstadt Damaskus gründeten, durften Juden und Christen als Ahl al-Kitab, als Angehörige einer heiligen Schrift und Anhänger einer monotheistischen Religion ihren Glauben behalten. Muslime sehen sich als Nachfolgereligion des Judentums und Christentums, Propheten wie Abraham, Moses und Jesus sind auch Teil der koranischen Überlieferungen. Juden und Christen mussten allerdings eine Kopfsteuer zahlen. Dafür gewährte man ihnen einen gewissen Schutz, der vertraglich durch ein Abkommen (dhimma) geregelt war.

Mit dieser Kopfsteuer wurde ein Teil des Finanzhaushaltes des Khalifats finanziert, die frühen muslimischen Herrscher strebten also wenig danach, alle zum Islam zu bekehren. Doch immer mehr Christen konvertierten, ihre Zahl nahm langsam, aber kontinuierlich ab. Doch das dauerte. Schätzungsweise erst seit gut 500 Jahren sind Christen und Juden gegenüber den Muslimen in der Minderheit. Die Christen wurden zwar nach und nach arabisiert (Arabisierung heißt nicht: Islamisierung!), doch sie verwendeten noch lange Syrisch, das nicht das heutige Arabisch, sondern ein Teil des Aramäischen war, und Griechisch für ihre Literatur und Liturgie. Und tun es zum Teil noch heute.


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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Salibas Welt. Eine Reise durch Syrien."