Lutz Jäkel

Foto- und Videojournalist, Autor, Berlin

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Buch

VAE: Übermorgenland

Mit dem Zusammenschluss der Emirate Abu Dhabi, Dubai, Scharjah, Fujairah, Ajman und Umm al-Qaiwan 1971 zu den Vereinigten Arabischen Emirate (ein Jahr später folgte noch Ras al-Khaima) setzte eine Entwicklung ein, deren Ausmaß und Geschwindigkeit nicht nur in der arabischen Welt Ihresgleichen sucht. Kaum vorstellbar, bis in die 1960er Jahre hinein gehörten die Emirate zu den ökonomisch schwächsten Gebieten der damaligen Welt. Einst waren es Fische und Perlen, dann der Handel nach Iran und Indien. Doch das Erdöl katapultierte auch diesen Teil der Golfregion in eine neue Zukunft, der neuzeitliche Turmbau zu Babel konnte beginnen. Emiratis zählen statistisch zu den reichsten Menschen der Welt. Dabei sind Emiratis Angehörige einer Minderheit, sie machen nur rund 20 Prozent der Bevölkerung der VAE aus. Der Rest von gut vier Millionen sind „Expats“, Gastarbeiter. Die meisten von ihnen kommen aus Indien, Pakistan, Bangladesch und den Philippinen, wenn Jobs als Bauarbeiter, Taxifahrer oder Händler zu vergeben sind. Sie kommen aus Europa, Australien und Amerika wenn Banker, Manager oder Ingenieure gesucht werden. Die „Expats“ vor allem tragen zum Boom der VAE bei.

Treibende Kraft dieser Entwicklung sind die Herrscher von Abu Dhabi und Dubai, die wegen ihrer Wirtschaftskraft – sie besitzen das meiste Erdöl – politisch den Ton angeben. Doch beide Emirate sorgen durch eine Art Länderfinanzausgleich dafür, dass die wirtschaftlich schwächeren Emirate am Wohlstand teilhaben können. Finanziell am stärksten ist Abu Dhabi, die Hauptstadt der VAE. Als während der Finanzkrise 2010 Dubai strauchelte, griff Abu Dhabi finanziell unter die Arme. Erdöl ist endlich, das wissen die Herrscher, deren Gebot lautet deswegen: wirtschaftlich diversifizieren. Mit Erfolg: Die VAE und allen voran Dubai sind heute die Handelsdrehscheibe Nummer Eins in der arabischen Welt und haben eine der wichtigsten Brückenfunktionen für Handel, Dienstleistung und Tourismus zwischen Europa, Amerika und Asien übernommen. 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden bereits im Nichtölsektor erwirtschaftet, Tendenz steigend. Die luxuriösesten Ferienanlagen, die feinsten Einkaufszentren, die exquisitesten Restaurants, künstliche Inseln im Meer, die größten Flughäfen der Welt – Alltag in den VAE.

Damit es aber kein reines Disneyland für Erwachsene wird, setzen die Herrscher seit Jahren auch auf Kunst: in Dubai mit der „Gulf Art Fair“, in Abu Dhabi mit der Kulturinsel „Saadiyat“, auf der ein Guggenheim-Museum und ein Ableger des Louvre entstehen. Das benachbarte Emirat Scharjah besitzt so viele Museen, Kunstakademien und Galerien wie alle anderen Emirate zusammen, die jährliche Biennale hat inzwischen Weltrang erreicht. Kritiker allerdings sehen die VAE als im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut, von dem man nicht genau weiß, wie lange er diesem Bauboom und Streben nach immer Höheren und Luxuriöserem standhalten wird.


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Dieser Text ist ein Auszug aus einem Lexikon-Artikel der Brockhaus-Reihe "Die Welt - Arabische Halbinsel"