Lutz Jäkel

Foto- und Videojournalist, Autor, Berlin

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Buch

Libanon: Handelstradition und Partyschick

Von der phönizischen Küste entführte Zeus in der Gestalt eines Stieres die schöne Jungfrau Europa, Tochter des Königs von Tyros und Sidon, über das Meer nach Kreta. Die irdische Gattin des unbesiegten Gottes wird nach einer Verheißung der Göttin Aphrodite die Namensgeberin des Kontinents Europa. Die phönizische Küste ist heute der Libanon, in der Fläche und mit einer Bevölkerung von knapp vier Millionen das kleinste Land im Vorderen Orient. Aber groß in Geschichte. 

Die Phönizier haben den kostbaren Farbstoff Purpur erfunden, das Glas und die Kursivschrift, von der sich über das Griechische die lateinische Schrift ableitet. Als König Salomo seinen Tempel in Jerusalem bauen wollte, ließ er Zedernholz und Zypressen aus den libanesischen Wäldern holen. In Baalbek stehen die größten Tempel der römischen Antike und in der Bekaa-Ebene liegen die ältesten Weinanbaugebiete der Welt, einige sagen, der Chardonnay komme von dort. Zumindest sind die Weine nicht nur im Libanon berühmt. In den hohen Bergen liegen bekannte Skigebiete, von den weißen Bergen leitet sich auch der Name Libanon ab.

Groß ist auch der Stolz der Libanesen, die sich gerne als Nachfahren der Phönizier begreifen. Deren jahrhundertelange Handelstradition haben sie jedenfalls beibehalten, inzwischen leben mehr Libanesen im Ausland als im Libanon selbst, vor allem in Lateinamerika, den USA und Westafrika. Ein Grund, warum die libanesische Küche weltweit so bekannt ist. Und Libanesen sind stolz, dass sie auferstanden sind nach dem langen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Die Hauptstadt Beirut wurde im Bürgerkrieg stark zerstört, die Front verlief durch die Altstadt. Zwar ist der Krieg im Stadtbild noch präsent, aber mitten in der Trümmerwüste wurde in den letzten Jahren ein nobles neues „Altstadtviertel“ mit Boutiquen, Bars und Restaurants aus dem Boden gestampft. 

Hier flanieren wohlhabende Libanesen und die Schickeria aus den Golfstaaten. Das Gebilde ist jedoch fragil, die Nachbarschaft zu Israel im Süden ebenso innerlibanesische Probleme wie die großen sozialen Unterschiede zwischen den Bevölkerungsruppen und den vielen Konfessionen führen immer wieder zu Konflikten. Dennoch: In Beirut erwacht wieder das Wirtschafts-, Finanz- und Bankenzentrum der Region, das es vor dem Krieg gewesen ist. Beirut gilt als extrem schick, als einer der besten Partyspots der Welt und neues Ziel des internationalen Jet-Sets. Die Stadt ist wohl die freizügigste der arabischen Welt, viel stärker als etwa Dubai, wo nur das Stadtbild und das Flair modern sind, nicht aber die Sitten.


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Dieser Text ist ein Auszug aus einem Lexikon-Artikel der Brockhaus-Reihe "Die Welt - Vorderasien"