Forumtheater
von Fritz Letsch

Forumtheater ist die zentrale Methode im Theater der Unterdrückten von Augusto Boal, der die neuen Methoden aus den Inszenierungen und in den Befreiungsbewegungen Lateinamerikas sowie aus den Ideen Bert Brechts und der Pädagogik Paulo Freires entwickelt hat, um ein kommunikatives Theater zu schaffen.
Augusto Boal inszenierte in Brasilien, studierte in den USA, migrierte nach Argentinien und dann ins Exil nach Europa, am 2. Mai 2009, genau 12 Jahre nach Paulo Freire, schloß er sein letztes Buch "Ästhetik der Unterdrückten" mit dem Leben.
Von 1981 bis 1999 hatten wir ihn öfter zu Besuch in München, dann seine Mitarbeitenden aus Rio de Janeiro, mit denen er dort das Legislative Theater im Stadtrat als Ratsherr (Vereador) mit vielen engagierten Gruppen der Stadt entwickelt hatte.
In seinem ersten Arbeitsfeld, das ich erleben durfte, zeigte er Forum-Szenen mit arbeitslosen Schauspielenden in der Alabama-Halle, und es wurde zu einem ersten Wochenend-Workshop eingeladen, ein paar Monate später folgte die erste der 14-tägigen Werkstätten mit allerlei Theater-Leuten im Theaterhaus Berlin.
Über die Jahrzehnte wanderte die Methode dann mit mir in die Bildungsarbeit der Jugendverbände, in die Eine-Welt-Bewegung und die Gewaltfreie Aktion in der Friedensbewegung, gewerkschaftliche und kirchliche Akademien, Kirchenkreise und Lehrerfortbildungen, während Augusto es mit Inszenierungen in Theatern versuchte;
der Bayrische Jugendring gab dann, zuerst unter "Aktionstheater" viele Fortbildungen auch in der politischen Bildung, dann ein erstes Werkstatt-Arbeitsheft "Theater macht Politik" heraus, das so gefragt war, dass mit Simone Odierna ein Buch mit Erfahrungen von vielen KollegInnen daraus wurde, das beim AG SPAK Verlag erschien.
Theater macht Politik, AG SPAK Verlaghttp://www.agspak-buecher.de Die abenteuerliche Reise mit dem Forumtheater brachte mich ab 1986 in den Friedens-Untergrund der DDR, zum schönsten Zeugnis der STASI: Sie nannten mich "Inspirator", weil der Text in der Akte mit: "L. inspiriert Gruppen der DDR zu antisozialistischem Widerstand" begann ... sie konnten Boals Arbeit nicht akzeptieren und einordnen ...

und später in die Flüchtlingsarbeit, nach Kroatien und mit Jugendlichen und Frauen aus Bosnien, während dem Krieg dort, später Kosova, nach Cuba ins "Museum des Untergrundkampfes" und nach Toronto zum internationalen Festival des Theatre of the Oppressed, wo wir 1997 den Nachruf für Paulo Freire begingen:

Theater der Unterdrückten: Lernen von der „3. Welt“
Unsere weitgehende Unfähigkeit zum echten Dialog zeigt sich in unserer Sucht zum Helfen, in unserem schlechten Gewissen, in unserer kulturellen Arroganz.
Im Münchner Dialog ’94 forderte uns Paulo Freire (1) auf, dieses
schlechte Gewissen abzulegen, uns frei zu machen zu einem wirklichen
Dialog. Diese erschreckend einfache Sprache, diese Klarheiten von
Positionen und Denken sind von einem Kontinent zu lernen, der mit seiner
Verschuldung und seinem politischen Umbruch in weit größeren Problemen
steckt, als wir sie uns in unserer Privilegien-Welt vorstellen können,
auf dem die Menschen wohl aber mehr Fähigkeiten zeigen, damit umzugehen,
als wir das derzeit tun.
Und doch können wir guten Gewissens davon profitieren: Indem wir
lernen, den Gedanken der Befreiung nachzugehen, die in
gleichberechtigter Begegnung liegt. Was für die Einen erst mit der
Theologie der Befreiung klar geworden ist, hat für die Pädagogik Paulo
Freire schon früher in seiner „Pädagogik der Unterdrückten (2)“
festgehalten:
Der Abschied von einer Belehrung von oben herab, von entfremdenden
Autoritätsverhältnissen, und zu einem gegenseitigen gemeinsamen
Lernen. Augusto Boal hat diese Methoden in die Theaterarbeit übersetzt,
indem er von der Brecht-Tradition, die er vorher im Theater in die
brasilianische Wirklichkeit übertragen hatte, auch politisch anwandte
(3).
So entstand im brasilianischen Aufbruch der 60er Jahre die
Verwandlung von Agit-Prop zu simultaner Regie, in der die Zuschauenden
im Gespräch mit einem Spielleiter das Stück der Schauspieler verändern
konnten. Auf den Impuls einer sehr beeindruckenden Frau (4) entwickelte
Boal daraus das Forum-Theater, wie wir es heute regelmässig auch für
unsere Themen verwenden.

Dabei wird dem Publikum eine Szene vorgestellt, die es in der zweiten
Phase verändern kann, indem jemand aus dem Publikum die Rolle der
unterdrückten Person in der Szene übernimmt und zu einem anderen Ende
bringt.
Die Anwendung von Theatermethoden in der Erwachsenen-Alfabetisierung
in verschiedenen südamerikanischen Ländern brachte eine
Weiterentwicklung zu entsprechenden Techniken: Statuen- und
Bilder-Theater machen eine Situation in ähnlichen Schritten
durchsichtig, wie die Silben-Arbeit bei Freire’s Wort- und
Schreib-Lern-Technik.
Zentral ist bei beiden Freunden der Ansatz an den Themen der
Teilnehmenden, die jeweils den Inhalt des gemeinsamen Lernens prägen.
Entsprechend geht es bei unserer Arbeit um die europäischen Modelle der
Unterdrückung: Sie findet bei uns weniger offensichtlich, aber weit
hinterhältiger in Erziehung, Tabuisierung und Psyche statt.
Nach Verhaftung und Folter im Verlauf des brasilianischen
Militärputsch entwickelte Boal im europäischen Exil seinen Ansatz vom
„Polizisten im Kopf“, dem er mit einem Zentrum zur Heilung von
Autoritäts- und Erziehungsschäden begegnen wollte. In der Fortbildung
von SchauspielerInnen, Theater- und Sozialpädagogen sowie
Erwachsenen-BildnerInnen kam der „Regenbogen der Wünsche“ dazu, der
inzwischen zu einer ausgefeilten Technik der Vertiefung
gesellschaftlicher Themen für das Theater entwickelt wurde.
Dieser Ansatz ist – im Gegensatz zu Psychodrama als therapeutischer
Arbeit am Einzelnen und in der Gruppe – breit auf die gemeinsamen
politischen Hintergründe ausgerichtet und kann Gespräche in Gang
bringen, wie wir sie in unserer verkorksten Diskussionskultur nicht mehr
kennen.

Ein Entsprechendes verwendet Boal nun in seiner neuen brasilianischen
Zeit in Rio: Nach den einladenden Versprechungen bekam seine Gruppe
dort lange keine ausreichende Unterstützung, bis sie in den Wahlkampf
der Arbeiterpartei eingriffen. Was zuerst zur Durchsetzung von Räumen
und Finanzen gedacht war, endete mit der Kandidatur und einem Wahlsieg
Augusto Boals zum Ratsherrn der Millionenstadt Rio de Janeiro, als der
er 25 Personen anstellen konnte, mit denen er nun seine neueste
Theaterform entwirft:
Das Legislative Theater geht mit den Fragestellungen des Rathauses in
die Wohnviertel, diskutiert mit Theatermethoden und bringt die
Ergebnisse der Dialoge in Gesetzgebung und Verwaltung zurück.
Aufgrund der elementaren Sprache des Theaters ist das auch mit
Straßenkindern und Prostituierten möglich, sogar mit anderen Ratsherren,
denen Augusto auf den (typisch brasilianischen) Vorwurf, mit dem Teufel
im Bunde zu stehen, auch den ‚Leibhaftigen‘ ins Rathaus mitbrachte.
Zu unseren europäischen Fortbildungen bringt er vor allem sein
analytisches Denken mit, das auch in etliche Literatur gefaßt wurde,
wovon leider noch wenig in deutscher Sprache, mehr in französisch und
englisch erschienen ist.
Die Anwendung der Methoden des Theater der Unterdrückten in der
Erwachsenenbildung hat Simone Neuroth5 zusammengefaßt, für die Arbeit an
Schulen hat die Arbeitsstelle Weltbilder zusammen mit der
Schweizerischen Schulstelle der Arbeitsgemeinschaft Swissaid in Bern ein
Heft „Spielräume“ herausgebracht.

Regelmässige Fortbildungen gibt es beim entwicklungsdienst theater –
methoden in der Paulo-Freire-Gesellschaft (6), im Institut für
Jugendarbeit des Bayrischen Jugendrings in Gauting und bei KollegInnen
in Hamburg und Mainz. Für Mitarbeiterinnen im Jugendbereich und im
Sozialwesen haben wir die Fortbildung stop!tabu entwickelt,
LehrerInnenfortbildungen sind in Vorbereitung.
Bei der Linzer Friedenswoche ’95 wurde Boal in eine Reihe mit Mikis
Theodorakis und Ernesto Cardenal gestellt. Damit er für die
Bewußtseinsbildung auch an unseren Schulen und bei unseren
Bildungsträgern tatsächlich eine entsprechende Signalwirkung bekommt,
braucht es noch mehr mutige PädagogInnen, die den Einstieg in den
gleichberechtigten Dialog wagen und den Mut zur Freiheit einer echten
Partnerschaft mit den Lernenden eingehen. Das löst nicht den Beruf auf,
sondern die Berufskrankheiten.

1 Paulo Freire entwickelte in Brasilien in den 60er Jahren die
Pädagogik der Unterdrückten, dioe er später mit einer Pädagogik der
Befreiung und nun mit einer Pädagogik der Hoffnung weiterführte.
Letztere ist in deutscher Sprache noch nicht erschienen
2 Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten, Bildung als Praxis der Freiheit, rororo TB 6830
3 Augusto Boal: Theater der Unterdrückten, Übungen und Spiele für
Schauspieler und Nicht-Schauspieler, suhrkamp-TB Neue Folge Frankfurt/M
4 Boal hat dazu eine sehr anschauliche Erzählung einer peruanischen
Betrugsgeschichte, in der seine Gruppe sehr handgreiflich lernte.
5 Simone Neuroth: Augusto Boal’s „Theater der Unterdrückten“ in der
pädagogischen Praxis, Deutscher Studien Verlag Weinheim 1994
6 Zeitschrift für befreiende Pädagogik, Paulo-Freire-Gesellschaft,FacebookTwitterPinterestTumblrLinkedInWhatsAppDiasporaXING

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Fritz Letsch
Fritz Letsch
fairer Handel, faires Handeln in München? Rüstungsindustrie oder Bürgerstadt, Tourismus, Spekulation oder Selbstorganisation? Menschenmarkt.
Internationale Begegnungen mit Theater-Methoden über Denk- und Sprachgrenzen bringen: Magie im Urgrund unseres Wünschen, zukünftige Lebensformen in Selbstorganisation entwickeln, Anarchie in Genossenschaften und Räten
Auftraggeber
Forumtheater , Projekt Basis 3
Weitere Profile
Basis für neue Lebensabschnitte , Demokratie wäre Kunst ... , Münchner Künster*innen , Paulo Freire Gruppe , Räterepublik Baiern
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