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Mein Berlin Wonderland

Die Kastanienallee in Prenzlauer Berg war die erste Szenemeile im Ostteil der Stadt. Manches ist seit der Wende verschwunden, anderes behauptet sich bis heute trotzig.

Von Vera Rüttimann

Mein Archiv über die Kastanienallee umfasst über tausend Bilder. Mit unterschiedlichen Kameras rücke ich ihr seit 1990 auf den Leib. Manchmal auch mit der „Holga"-Kamera und Rollfilm. Nur wenige Bilder aber berühren mich so wie diese Schwarzweissaufnahmen, die vor 27 Jahren entstanden. So eine Strasse hatte ich, aus der Schweiz stammend, noch nie gesehen! Es sah hier aus wie kurz nach dem letzten Krieg: Schutthaufen, kaputte Fassaden und eingestürzte Dächer. Es roch nach Dreck, Kohle und Trabanten-Duft. Aber auch nach Freiheit. Das alte System war weg, das neue noch nicht ganz da. Meine ersten Wochen hier verbrachte ich oft mit Frühstücken auf den alten Teerdächern. Die Kastanienallee war mein „Berlin Wonderland". Viele sagen jetzt: Die gute Zeit der Kastanienallee ist vorbei. Ihr Gesicht glattgebügelt. Einerseits stimmt das: Die einst grauen Fassaden schimmern jetzt bonbonfarben. Mehr noch als das habe ich in den letzten Jahren viele coole Orte verschwinden sehen: Läden wie den „Alexanders" Getränkeshop, das „East Berlin", den „Koof im Kiez" und die Bar „103". Das „Luxus International" schließt demnächst. Und dann ist da noch dieser Klamottenladen an der Ecke Kastanie/Schwedter-Strasse, wo sich einst das Atelier des schrulligen Kiez-Fotografen Peter Woelck befand. Ich erlebte unvergessliche Kunstak tionen. So etwa im Haus an der Kastanienallee 15 Ecke Oderberger Straße 8, als sich ein riesiger roter Ballon durchs Fenster drückte. Als letzter Abschiedsgruss der Bewohner vor der Totalsanierung.

Und doch halte ich dieser Strasse bis heute die Treue. Geniesse, was noch noch da ist vom alten Charme. Vorbei geht es auf dem alten Ostpflaster am Vinyl-Laden „Da Capo", dem Frisör „Vokuhila", dem Prater und am „Fahrrad Linke", der schon seit 1912 existiert. Dann tauchen die Läden „Uranus" und „God bless you" auf. Alles noch da. Und da ist vor allem das Café „Schwarzsauer". Das erste Café an einer einst toten Strasse, die 1990 wieder zu leben begann. Hier schlägt noch immer das Herz dieser Strasse. Wenn es wärmer wird, verströmt dieses Café ein geradezu südländisches Flair. Und dann sind da noch immer die drei alternativen Hausprojekte: In der 85 führt ein linkes Kollektiv das Café „Morgenrot", neben dem politischen Buchladen „Schwarze Risse".

Die Bewohner der 85 haben ihr Haus gepachtet. Sie haben eine Vertragsoption bis 2023. In der 86 prangt unübersehbar der Spruch „Kapitalismus tötet" an der Fassade. Davor rostet ein Minipanzer vor sich hin - Hinweise darauf, dass die Situation hier unstabil sein könnte. In der 77, neben der Spielstätte „Dock 11", lebt eine selbstverwaltete Riesen-WG, in der noch viele Erstbetzer aus dem Jahr 1992 leben. Ein eigenständiges Kollektiv betreibt hier das Lichtblick-Kino, an das ich mein Herz verloren habe. Stuck an der Decke, alte Filmspulen und ein dreiäugiger Filmprojektor. Wunderbar. Hier wird klar: Die Kastanienallee, das ist auch ein Lebensgefühl. Eine Daseinsform.

Ein Plakat an der „K77" erregte diesen Sommer meine besondere Aufmerksamkeit: "Chestnut Paradise Quartier Luxus Townhouse mit Urban City Charme" stand über mehrere Wochen auf einem Baucontainer. Doch ich atmete auf: Das Plakat stellte sich als Kunstaktion heraus. Die Initiatoren des Plakates wollten jedoch zeigen, dass es noch immer alternative Modelle des Zusammenlebens in Prenzlauer Berg gibt. Immer wenn ich am Lichtblick-Kino vorbeilaufe, ist da eine Stimmung, die sofort Sehnsucht macht. Und doch ist da auch eine Ahnung, dass sich die Dinge in dieser Strasse schnell ändern können.

Also halte ich das, was mir kostbar erscheint, fest. Immer wieder neu.

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