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Der Sound der Stars kommt aus der Hauptstadt

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Die richtigen Regler im richtigen Moment zu bewegen, das ist die Kunst im Umgang mit den Geräten von Native Instruments. Foto: Louise Amelie

Vor dem DJ-Pult bildet sich ein Kreis: Ein paar Jungs battlen sich mit immer spektakuläreren Break-Dance-Moves. Andere wiegen sich tranceartig mit erhobenen Armen zu den Beats und singen die Hip-Hop-Songs mit. Es ist Sonnabendnacht im Prince Charles Club am Berliner Moritzplatz. An den Turntables steht DJ Freshfluke, eine Pionierin der Branche, die schon mit der Rapperin Sookee auf Tour war.

„Wenn du eins mit der Crowd bist, dann ist da so eine Magie im Raum", beschreibt sie Momente wie diesen. Zwischen und neben den zwei Plattenspielern befinden sich auf dem DJ-Pult viele bunte leuchtende Knöpfe und Regler, die man drehen oder schieben kann. Damit kann man zum Beispiel die Lautstärke verändern, Loops setzen, Effekte und Filter steuern, scharfe oder weiche Übergänge kreieren. Seit den Nuller-Jahren kommen die Songs bei DJ Freshfluke aus dem Laptop, über sogenannte Timecode-Schallplatten kann sie die Musik steuern und scratchen - damals wirkte das noch exotisch, heute legen viele DJs digital auf.

„Neue Klangwelten aufgestoßen"

Das Digital-Vinyl-System „Traktor", das DJ Freshfluke nutzt, stammt von der Kreuzberger Firma Native Instruments, dem führenden Hersteller von Software und Hardware für digitale Musikproduktion. Native Instruments hat zusammen mit anderen Firmen nicht nur die DJ-Szene, sondern die gesamte Musikbranche revolutioniert. Als das Unternehmen 1996 gegründet wurde, beherrschten vor allem japanische Anbieter wie Yamaha, Pioneer und Roland mit Hardware-Synthesizern den Markt. Native Instruments trat gegen sie mit Software-Instrumenten an, also virtuellen Instrumenten, die real existierende Instrumente wie Geige oder Schlagzeug imitieren oder ganz neuartige Sounds erzeugen.

Weltweit arbeiten Künstler nun mit den digitalen Klängen und Effekten aus Berlin, darunter auch Stars wie Madonna, Ed Sheeran und Hans Zimmer. „Wir haben neue Klangwelten aufgestoßen", sagt CEO und Mitbegründer Daniel Haver, „aber das eigentliche Verdienst, das ich Native Instruments und anderen Firmen zuschreiben würde, ist, diese Klangwelten viel mehr Menschen zur Verfügung stellen zu können." Also, den Sound klassischer Instrumente oder elektronische Klänge. Oder was es sonst noch an Geräuschen gibt.

„Ohne Firmen wie uns gäbe es so ein Phänomen wie Soundcloud überhaupt nicht"

Ende des vergangenen Jahres hat die Beteiligungsgesellschaft EMH Partners rund 50 Millionen Euro in Native Instruments investiert. Diese Summe will Native Instruments nun in seine Vision von einer Plattform investieren, auf der die Firmenchefs eine ganze Industrie vereinen wollen. Die Basis für ihr Vorhaben bildet der neue Onlinedienst sounds.com. Sounds.com ist eine Online-Bibliothek, auf der neben Native Instruments auch andere Hersteller Loops, Samples und Sound-Pakete anbieten. Statt also wie bisher verschiedene Sample-Pakete zu kaufen, findet der User bei sounds.com alles an einem Ort und nutzt das, was er in dem Moment gerade braucht. Die Technologie soll der Kreativität dienen. „Es ist der Flow, auf den wir aus sind", sagt Native-Instruments-President Mate Galic. Zudem hat Native Instruments zwei weitere Plattformen erworben: Metapop, ein soziales Netzwerk für Musikmachende, und The Loop Loft, das eine große Sammlung an Loops anbietet, die von Musikern und nicht von Maschinen produziert wurden.

Bereits eine andere Berliner Plattform hat wesentlich zur Unabhängigkeit von Künstlern beigetragen: Soundcloud, die weltweit größte Musik- und Audio-Plattform, ermöglichte es Musikern wie Chance The Rapper, ohne Labelvertrag berühmt zu werden. Mit der Hilfe der Software-Instrumente baute sich der US-amerikanische Rapper seine Beats und vertrieb seine Songs schließlich selbst über Soundcloud. „Ohne Firmen wie uns gäbe es so ein Phänomen wie Soundcloud überhaupt nicht", sagt Galic, der in den 90er-Jahren selbst ein bekannter Techno-DJ und Viva-Fernsehmoderator war. „Das kommt wirklich durch die Digitalisierung und durch Firmen wie uns, die diese Tools in die Hände von so viel mehr Menschen geben."

Musikinstrumente, denen man emotional nahe sein kann

Größter Berliner Mitbewerber ist das Unternehmen Ableton, deren Gründer vor 19 Jahren Native Instruments verlassen hatten. Mit dem Konkurrenzbegriff tun sich beide Firmen allerdings etwas schwer. Native Instruments will Ableton bei ihrem Plattform-Projekt auf jeden Fall mit an Bord haben. Beiden ist es zudem wichtig, dass all ihre Produkte komplementär zueinander sind, sich also gut ergänzen und zusammen spielen lassen.

Neben den Software-Instrumenten haben die zwei Unternehmen auch Hardware-Instrumente hergestellt. Ableton-Gründer Gerhard Behles erzählt: „Wir wollten ein Musikinstrument bauen, also ein physisches Teil, das man lieben kann und dem man irgendwie emotional nahe sein kann." 2013 entwickelten sie daher Push, eine schwarze, flache Kiste mit Knöpfen und verschiedenen Reglern - ein digitales Alleskönner-Instrument, das sämtliche Beats, Melodien und Harmonien erzeugen kann. Native Instruments hatte bereits 2009 ein recht ähnliches Produkt namens Maschine entwickelt. Wie man dieses Instrument spielt, kann man zum Beispiel im Musikvideo von Justin Timberlakes aktuellem Hit „Say something" auf Youtube sehen.

Alleskönner-Instrumente

Das Musikinstrument ist etwa so groß wie ein Plattenspieler und besitzt 16 quadratische, bunt leuchtende Pads, die bei Berührung die gewählten Sounds abspielen. Darüber befindet sich ein kleines Display, über das man nach Sounds suchen, Noten editieren und Samples zurechtschneiden kann. Mit den vielen Knöpfen und Drehreglern auf der linken Seite können diese Sounds verändert, aufgenommen und abgespielt werden.

Wenn immer mehr Menschen schnell und intuitiv einen Song basteln und verbreiten können, werden gute Stücke nicht immer schwieriger zu finden sein? Die Schattenseite der neuen Technik? Gerhard Behles von Ableton sieht das gelassen: „Ich lebe damit im totalen Frieden. Es ist doch grundsätzlich wertvoll, dass Leute kreativ arbeiten." Für einen Profi wie DJ Freshfluke ist Musikmachen wie eine Art Therapie: „Manche machen Sport, um sich auszupowern und ihre Aggressionen loszuwerden, ich mache Gangsta-Rap", sagt sie.


von Julika Bickel

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