Mann (58) sucht Frau (bis 35)

von Anika Haider

Erschienen in an.schläge – das feministische Magazin, 01/2021


Online-Dating boomt. Anika Haider hat mit Hetero-Frauen ab vierzig gesprochen und weiß: Für sie ist es oft eine ernüchternde Erfahrung. 


Ein paar Fotos, einige Zeilen Text, eine Daumenbewegung über den Bildschirm, nach links oder nach rechts. Onlinedating-Plattformen bleiben unweigerlich oberflächlich. Allen voran ihr Marktführer Tinder. Doch die digitalen Partner*innenbörsen bieten mehr Möglichkeiten denn je, um neue Menschen kennenzulernen, selbst wenn es draußen Ausgangssperren und Social Distancing gibt. Doch je schneller über die Eignung potenzieller Partner*innen entschieden wird, desto mehr wird diese Entscheidung von oberflächlichen Faktoren beeinflusst, die oft auf Vorurteilen und Diskriminierung basieren – Sexismus gehört dazu. Besonders Frauen über vierzig, die nach männlichen Partnern suchen, haben darunter zu leiden. 


Altersdiskriminierung. „Männer ab vierzig wollen keine gleichaltrigen Frauen“, erzählt Martina (48), die die kostenpflichtigen Datingbörse Parship nutzt. Dort, so erzählt sie, seien zwar auch Männer meist auf der Suche nach ernsthaften Beziehungen. Doch die Männer in ihrem Alter suchen oft nach wesentlich jüngeren Partnerinnen und wollen eine Familie gründen. 

Altersdiskriminierung ist ein wichtiges Stichwort, wenn es um Dating geht,“ sagt Sexualpädagogin Barbara Rothmüller im an.schläge-Interview. Welche Körper wie sexualisiert werden, sei sehr stark von Diskriminierung geprägt. „Sexualität wird mit Jugend assoziiert, ältere Menschen werden hingegen quasi als asexuell wahrgenommen und die Sexualität alternder Körper tabuisiert, so die Soziologin, die nun auch eine Studie zum Thema „Liebe, Intimität und Sexualität in der Pandemie“ durchgeführt hat.


Dass viele Männer sowohl beim analogen als auch beim digitalen Daten eher nach jüngeren Frauen suchen, erklärt Barbara Rothmüller mit einem patriarchalen Statusgefälle, das gesellschaftlich tief verankert und in heterosexuellen Beziehungen weit verbreitet sei. Deshalb hätten „statushohe“ Frauen – also meist ältere Frauen mit einem hohen Einkommens- und Bildungsniveau – so wie „statusniedrige“ Männer Schwierigkeiten bei der Partner*innensuche. Das heterosexuelle Paarideal sieht vor, dass die Frau den Status ihres Partners durch ihre sexuelle Attraktivität regelrecht verkörpert. Und diese Attraktivität sei gesellschaftlich stark an Jugendlichkeit gekoppelt. „Ein Verlernen dieser Verbindung wäre aus feministischer Sicht sehr wichtig“, betont Rothmüller.


„Viele schreiben schon in ihre Profilbeschreibung „Suche blonde, schlanke, junge Frau“, erzählt Monika (53). Diese Ehrlichkeit werde von manchen Frauen begrüßt, kritikwürdig ist dieser „Lookismus“, also die Reduktion auf Äußerlichkeiten, die Datingplattformen dominiert, freilich dennoch.


Macho-Klischees. Andere Frauen wiederum beklagen, dass Männer auf Datingplattformen häufig nicht auf ernsthafte Beziehungen aus zu sein scheinen – und sich oft sogar in festen Partnerschaften befinden. Bei Frauen komme das weit seltener vor. Das hänge stark mit der Tabuisierung weiblicher Sexualität und Lust zusammen, sagt dazu Barbara Rothmüller. Weibliche Promiskuität werde in der Gesellschaft nach wie vor stark geächtet. Bei heterosexuellen Männern werde Unverbindlichkeit hingegen gesellschaftlich regelrecht belohnt. „Das Macho-Klischee vom Mann, der mit vielen Frauen schläft, gilt immer noch als cool. Dieses Männlichkeitsbild ist für alle Seiten anstrengend, denn es wird angenommen, dass Männer immer Lust auf Sex haben – und das stimmt nicht.“ Zudem sei Männlichkeit mit Autonomie und Stärke assoziiert, was eine Angst vor Intimität zu Folge haben und auch ein Grund sein kann, warum viele heterosexuelle Männer unverbindliches Dating einer Beziehung vorziehen.

Diesbezüglich hat Barbara Rothmüller in ihrer Studie allerdings eine Veränderung während der Corona-Pandemie festgestellt. Durch die Kontaktbeschränkungen finde ein Rückzug auf Zweierbeziehungen und eine Monogamisierung von intimen Beziehungen statt. Unverbindliches Daten wurde von vielen Menschen stark reduziert. Ob dadurch auch die langfristige Bereitschaft zu verbindlichen Beziehungen steige, sei allerdings noch nicht abzuschätzen.


Ghosting. Ein mittlerweile viel diskutiertes Dating-Phänomen ist auch das sogenannte Ghosting. „Einfach zu verschwinden, ist sehr üblich“, sagt eine Nutzerin. Auch musste die Erfahrung machen, dass ein Mann, mit dem sie während der Kontaktbeschränkungen einige Treffen hatte, irgendwann ohne Vorwarnung auf keine ihrer Nachrichten mehr reagierte.


Ghosting ist kein rein männliches Phänomen. Dennoch betonen alle Frauen in den Interviews, beim Dating immer ehrlich kommuniziert zu haben, sobald sie kein Interesse mehr gehabt hätten. Im Gegensatz dazu gaben sie alle an, schon Ghosting von der anderen Seite erlebt und als sehr unangenehm empfunden zu haben. „Ghosting ist ein zerstörerisches Verhalten, weil es bei der anderen Person die Gedanken weiterkreisen lässt und sie nicht mit der Situation abschließen kann“, bestätigt auch Rothmüller.


Fehlende Ehrlichkeit ist das, was die meisten Nutzerinnen an ihren „Matches“ bemängeln. Falsche Angaben zu Alter, Größe, aber beispielsweise auch zum eigenen Beruf scheinen gängig zu sein. So wollte ein Mann während ihres Dates nicht aufstehen, um nicht preiszugeben, dass er nicht 1,90 Meter groß, sondern einen halben Kopf kleiner als sie ist, erzählt Martina. 


Dating-Kulturen. „Auch Onlinedating spiegelt im Grunde nur die sexuelle Kultur wider, in der es stattfindet“, sagt Barbara Rothmüller. Es gebe unterschiedliche Milieus mit verschiedenen sexuellen Kulturen. So sei die sexuelle Kultur in Österreich sehr konservativ geprägt, was sich auch negativ auf die Kommunikationsfähigkeit in Beziehungen auswirke. In konsensuell nicht-monogamen Beziehungen herrsche der geringste Geheimhaltungsdruck, so Rothmüllers Studienergebnisse.  


Onlinedating ist nicht die Ursache für Unehrlichkeit, erweitert aber die Möglichkeiten dafür. So gaben auch fast alle Frauen an, schon Opfer von Scam-Versuchen geworden zu sein. „Immer wenn man sich denkt ‚Das ist eigentlich eine Spur zu schön‘, hat er plötzlich Schulden und man wird nach Geld gefragt.“, so ist zumindest die Erfahrung von Eva (45). Viele Frauen wissen mittlerweile, wie wichtig digitale Sicherheit ist. Persönliche Daten behält man auch bei sympathischen Matches lieber erstmal für sich.


Onlinedating hat aber auch positive Aspekte – gerade aus feministischer Sicht, findet auch Rothmüller. Gerade für Menschen mit kleinem Partner*innenumfeld seien Datingportale wichtig und daher besonders für queere Menschen von großer Bedeutung. Insbesondere in ländlichen Gebieten, wo diese Szene kaum sichtbar ist. Außerdem kann Onlinedating emanzipatorisch sein, indem es Möglichkeiten bietet, Sexualität über Milieugrenzen hinweg selbstbestimmt anzubahnen – vorausgesetzt, es geht allen gut dabei. 


Dickpics. Aber auch die enthemmende Funktion des Internets hat ambivalente Seiten. So kann der Schutz des Internets für zurückhaltende Menschen befreiend sein, er senkt aber auch die Hemmschwelle, sexuell übergriffige Nachrichten und Bilder zu verschicken. Und auch dieses Phänomen ist auffallend stark gegendert. So sind es überwiegend Frauen, die unerwünschte „Dickpics“ bekommen und nach dem ersten Smalltalk nach ihren sexuellen Vorlieben gefragt werden. Auch meine Interviewpartnerinnen haben solche Erfahrungen gemacht. Doch sie schätzen auch den Schutz, den ihnen die digitale Anonymität umgekehrt bietet. „Wenn man solche Nachrichten bekommt, kann man die Absender zumindest einfach blockieren“, sagt Anja (45). 

Quelle: an.schläge – das feministische Magazin
Porträt von Anika Haider

Anika Haider

Wien

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