Die Scham überwinden

von Anika Haider

Erschienen in an.schläge – das feministische Magazin, 10/2021

 

FGM steht für Female Genital Mutilation – weibliche Genitalverstümmelung bzw. -beschneidung. Die weit verbreitete Praxis hat massive gesundheitliche Folgen für die betroffenen Frauen. Aufklärung bräuchte es beim medizinischen Personal und in der Politik, auch in Europa. Anika Haider hat zwei Expertinnen nach ihren Forderungen gefragt. 

 

 

Mindestens ein bis zwei Mal pro Woche kommt eine Betroffene von FGM in die Ambulanz von Daniela Dörfler, Fachärztin für Gynäkologie am Wiener AKH. Erwachsene Frauen kommen etwa gleich häufig wie Mädchen, die das Jugendamt schickt, wenn feststellt wurde, dass sie beschnitten wurden. Erwachsene suchen die Ambulanz wegen verschiedensten Beschwerden auf. Sie leiden unter Infektionen, Menstruationsbeschwerden oder Schmerzen beim Sex. Der Zusammenhang mit ihrer Beschneidung ist ihnen oft gar nicht klar. 

 

Ungefähr 8.000 FGM-Betroffene gab es in Österreich im Jahr 2000 laut der bis dato letzten repräsentativen Erhebung durch die Organisation Desert Flower. Neue Zahlen werden laut Dörfler gerade erhoben, die alte Zahl sei jedenfalls eine „Unterschätzung“ gewesen.

Weltweit wird die Zahl der betroffenen Frauen laut UNICEF auf rund 200 Millionen geschätzt. Besonders verbreitet ist FGM in mittelafrikanischen Ländern wie Somalia, Ägypten oder dem Sudan, wo über neunzig Prozent der Frauen beschnitten sind. Meist im Kindesalter und unter schlechten hygienischen Bedingungen werden den Mädchen dabei die Klitoris und je nach Beschneidungsgrad auch Teile der Schamlippen entfernt, bei besonders invasiven FGM-Formen werden danach die äußeren Schamlippen zugenäht, bis nur noch ein streichholzkopfgroßes Loch übrig ist, durch das Urin und Menstruationsblut abfließen soll.

 

Empowerment. Ein Verein, der sich in München des Themas angenommen hat, ist NALA. Fadumo Korn, die dem Verein vorsteht, ist selbst von FGM betroffen und will nun andere Betroffene unterstützen.

 

Unter NALA ist sowohl ein Präventionsprojekt in Burkina Faso entstanden als auch eine Anlaufstelle für Betroffene in Deutschland. „Mädchengruppe“ nennt Korn das zweite Projekt. Dort steht das Empowerment der betroffenen jungen Frauen im Zentrum, die sich an NALA wenden. „Die Betroffenen müssen auf eigenen Beinen stehen können. Sie dürfen nicht glauben, dass sie von einer Heirat abhängig seien“, sagt Fadumo Korn im an.schläge-Gespräch. Denn in Ländern, in denen FGM üblich ist, gelten unbeschnittene Frauen oft nach wie vor als unverheiratbar. Viele Frauen lassen deshalb trotz Schmerzen keinen Defibulationseingriff vor der Ehe vornehmen, oder fühlen sich schuldig, wenn sie es tun. Bei einem solchen Eingriff wird die Narbe, die bei invasiven FGM-Formen entsteht, aufgetrennt. Ein großer Teil der Beschwerden der Betroffenen kann so meist behoben werden. 

 

Fadumo Korn hat selbst vor vielen Jahren eine Defibulation vornehmen lassen, die ihr Leben entscheidend verändert hat. Die Zeit davor hat sie traumatisch in Erinnerung. „Der Schmerz hat mich beherrscht, jahrzehntelang. Er hatte mich in einem geistigen Würgegriff“, erzählt sie. Vor allem die Angst vor der Periode, die für sie jeden Monat kaum aushaltbare Schmerzen bedeutete, beherrschte sie zunehmend. Doch ihre Probleme wurden, wie so oft, zunächst nicht mit FGM in Verbindung gebracht. 

 

Den Defibulationseingriff beschreibt Korn heute als „Erlösung“. Denn schon das tägliche Urinieren war davor eine Herausforderung, die mehrere Stunden in Anspruch nehmen konnte. „Mittlerweile gehe ich eigentlich sehr gerne auf die Toilette“, erzählt sie lachend. 

 

Fatale gesundheitliche Folgen. Stundenlanges, schmerzhaftes Urinieren ist nur eine der vielen Folgen, die FGM für Betroffene hat. Ebenso wie die verlängerte Periode begünstigt es schmerzhafte Infekte. Auch Geschlechtsverkehr mit vaginaler Penetration ist für FGM-Betroffene oft mit starken Schmerzen verbunden oder ganz unmöglich. Daniela Dörfler erzählt auch von Patientinnen, bei denen FGM Zysten, Fisteln oder andere gynäkologische Erkrankungen verursacht hat. Und im Gegensatz zu den vielen von Täter*innen verbreiteten Mythen, wie jenem, dass beschnittene Frauen besonders fruchtbar wären, kann FGM auch zur Infertilität führen.

 

Eine besonders große Herausforderung stellen bei FGM-Betroffenen oft vaginale Geburten dar, weiß Dörfler. Bei Frauen mit einer invasiven FGM muss spätestens vor dem Gebären eine Defibulation vorgenommen werden. Im AKH finden jährlich rund zwanzig solcher Geburten statt.

 

Viele FGM-Patient*innen leiden auch an Schmerzen, für die keine konkrete gynäkologische Ursache festgestellt werden kann. Sie haben psychosomatische Schmerzen, die auf das erlittene Trauma zurückgehen. 
„Die psychischen Folgen von FGM sind oft ein absolutes Tabuthema in den Communities der Betroffenen“, erzählt Dörfler. „Sagen würden sie das aber nie, man merkt das erst mit der Zeit“, erzählt die Ärztin. Viele Frauen leiden unter Posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Angststörungen. Bei einer anonymen Umfrage gaben eine Reihe von Dörflers Patient*innen entsprechende Symptome an. Diese werden von europäischen Ärzt*innen jedoch oft nicht ernstgenommen, kritisiert Fadumo Korn. Das Gefühl nicht verstanden zu werden, sei der Hauptgrund, weshalb Betroffene in ihr Büro kommen. „Auch wenn viele der Schmerzen, die die Betroffenen haben, psychosomatisch sind, sind sie für die Frauen absolut real.“

 

Psychische Belastung. Die psychischen Folgen von FGM sind für die Betroffenen immens. Laut Korn „genauso groß wie die physischen.“ Vor allem Angststörungen belasten Betroffene oft langfristig. „Alles ist mit Angst verbunden – Angst vor Sexualität, Angst vor der Periode, Angst vor der Geburt.“ Oft werden so Ereignisse, die eigentlich schön sein sollten, bei Betroffenen zu Triggern und können Depressionen hervorrufen.

 

Dass FGM und vor allem dessen psychische Folgen in den betroffenen Communities Tabuthemen sind, bestätigt auch Fadumo Korn. „Da hat man diesen tiefen Schock und es ist verboten darüber zu sprechen“, beschreibt sie ihre eigene Erfahrung. „Es ist alles in dir verschlossen. Verschlossen und der Schlüssel ist weggeschmissen worden.“ So ein Trauma könnten Betroffene aber nur überwinden, indem sie darüber sprechen, ist sie überzeugt.

 

Dieses Angebot richten Korn und NALA an die Betroffenen: „Dass die Frauen nicht mehr schweigen müssen.“ Doch dieser Prozess ist nicht immer einfach. „Wir verlangen, dass sie ihre ganze Kultur, ihre Erziehung und ihre Eltern infrage stellen müssen.“ Wichtig sei vor allem, dass die Betroffenen erkennen, dass das, was ihnen angetan wurde, falsch war. Dass sie selbst Opfer sind und sich nicht schuldig machen, wenn sie eine Infibulation rückgängig machen.

 

Trotzdem hält Korn es für wichtig, die Betroffenen nicht zu überfordern. „Alles Schritt für Schritt“, lautet die Devise. Man müsse sich der Geschwindigkeit der FGM-Betroffenen anpassen. 

„Wenn sie laufen, laufen wir im selben Tempo mit. Und wenn sie stehen bleiben, bleiben wir auch stehen.“

 

Barrieren abbauen.  Auch die richtige Sprache für die Beschreibung von FGM in der Beratung zu verwenden, sei essenziell. Weibliche Beschneidung klingt harmloser, ist es aber nicht, heißt es auf der Website von Nala.Möglicherweise helfe es Betroffenen darüber zu sprechen, denn wahrscheinlich empfänden sie sich nicht als verstümmelt.
Vor allem ihre weißen Kolleg*innen müssten hierbei oft vorsichtiger sein, kritisiert Korn. 

Sie frage die Betroffenen immer, wie sie ihr „Erlebnis“ nennen wollen. „Halal“ oder „rein“, laute die Antwort häufig – vor allem von muslimischen Frauen. Andere sagen, sie seien „beschnitten“ oder „fein gemacht“ worden. „Manche sagen auch: ‚Ja, ich bin verstümmelt worden‘. Doch einfach so würde ich diese Bezeichnung nie verwenden.“

Das Bewusstsein über FGM ist unter österreichischen Ärzt*innen und Hebammen in den letzten Jahren zwar größer geworden. Trotzdem sind vor allem Ärzt*innen mit der Thematik vielfach überfordert, reagieren unsensibel oder schicken die Frauen einfach weiter. „Für viele Betroffene ist es ganz normal, beschnitten zu sein“, weiß auch Dörfler. Betroffene schämen sich so oft zu heimischen Ärzt*innen zu gehen, weil sie Angst vor deren Reaktionen haben. Deshalb wäre auch ein sprachlich sensibler Umgang gefragt. In Österreich erfahren die Betroffenen allerdings oft Stigmatisierung. So suchten deutlich weniger FGM-Patient*innen während der Pandemie ihre Ambulanz auf, so Dörfler, da schon am Eingang des AKH die Beschwerden angegeben werden mussten,

 

Für Gynäkologin Daniela Dörfler ist das Zuhören am Wichtigsten, um zu verstehen, was die Frauen wollen. Dafür braucht es auch neutrale Dolmetscher*innen, wenn die Betroffenen kein Deutsch oder Englisch sprechen. „Man weiß nie, welches Verhältnis jene Personen, die die Frauen begleiten, zu ihnen haben und welche Interessen dabei vielleicht bestehen“, sagt Dörfler.

Eine Anlaufstelle bietet auch das Fem Süd, ein Gesundheitszentrum für Frauen aus dem Globalen Süden, in dem es professionelle muttersprachliche Beratung gibt und diverse Therapie- und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten werden.

 

Aufklärungsarbeit. FGM gilt seit 2001 auch als schwere Körperverletzung, jede FGM-Diagnose müsste also eigentlich angezeigt werden, sofern ihre Verfolgbarkeit als realistisch angesehen wird. Dörfler und ihre Kolleg*innen sind sich einig, dass beim Thema FGM in Österreich Aufklärung an vorderster Stelle stehen muss.  Die Antwort auf die Frage, wie FGM überwunden werden kann, ist für Fadumo Korn entsprechend eindeutig: „Bildung, Bildung, Bildung!“ Aufklärung sei in allen Bereichen wichtig, vor allem aber in den betroffenen Communities und für FGM-Opfer selbst. „Nur eine gebildete Frau, die nicht von ihrem Mann abhängig ist, kann die Verstümmelung überwinden“, sagt sie. „Und eine starke Mama hat auch starke Töchter. So kann dieser Kreislauf durchbrochen werden.“ In den Communities der Betroffenen sei es dabei besonders wichtig, damit auch die Männer zu erreichen. Denn selbst wenn viele Frauen mittlerweile angeben, ihre eigenen Kinder nicht mehr beschneiden lassen zu wollen, kommt es für viele Männer weiterhin nicht infrage, eine unbeschnittene Frau zu heiraten, sagt Dörfler. 
Auf der anderen Seite braucht es Aufklärung auch für Mediziner*innen. So fordert der Beirat gegen FGM, dem Dörfler angehört, eine Aufnahme der Thematik ins Curriculum für angehende Mediziner*innen. 

 

Es gelte aber auch zwei weitere Gruppen in Europa aufzuklären, ist Fadumo Korn überzeugt. Das sind einerseits jene, die mit Betroffenen arbeiten und diesen bis heute oft unsensibel gegenübertreten. So sollten zum Beispiel Polizist*innen, Sozialarbeiter*innen und Kindergärtner*innen wissen, was FGM ist und wie das Thema angesprochen werden kann. Aber auch Politiker*innen sollten aufgeklärt werden. „Die müssen gezwungen werden, endlich anzuerkennen, dass das Thema FGM in Europa angekommen ist.“ 

 

Quelle: an.schläge – das feministische Magazin
Porträt von Anika Haider

Anika Haider

Wien

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