Schauspiel Der Theatermacher ist witzig und richtig stark
von Andreas Schröter

Szene aus Der Theatermacher mit Janine Kreß im Vordergrund. Foto: Birgit Hupfeld
Das Schauspiel Dortmund hat nach der Rückkehr an den Hiltropwall einen richtig guten Lauf. Nach Biedermann und die Brandstifter/Fahrenheit 451 und Das Internat ist auch die dritte neue Produktion im großen Saal ein Hammer: Der Theatermacher von Thomas Bernhard unter der Regie von Schauspielchef Kay Voges. Premiere war am Samstag, nachdem sie wegen Krankheit einer Schauspielerin um gut zwei Monate verschoben worden war.
Der Eiserne Vorhang geht auf und die Zuschauer stoßen ein überraschtes „Oh“ aus – die Bühne ist mit grauen Betonwänden, vielen Feuerlöschern und elektrischen Rolltoren an Tristesse kaum zu überbieten. Sie spiegelt die deprimierende Atmosphäre wieder, in der der große Staatsschauspieler Bruscon sein nach eigener Einschätzung großartiges Stück Das Rad der Geschichte aufführen soll: irgendeine Gastwirtschaft in einem Ort namens Utzbach. Der arrogante Bruscon drangsaliert den Wirt des Hauses und kommt dabei immer wieder auf sein Hauptanliegen zurück: Die Notbeleuchtung muss am Ende des Stücks fünf Minuten lang komplett aus sein – ein Alptraum für die Feuerwehr. Auch mit dem Ensemble, das aus den Mitgliedern seiner Familie besteht, hat Bruscon seine liebe Not: die Frau hat einen Dauerhusten, und die Kinder sind völlig untalentiert.
Neun Wiederholungen
Oben in dem Betoneinerlei sind neun Zahlen zu erkennen, und zunächst leuchtet lange nur die 1 auf. Irgendwann wird klar, was das zu bedeuten hat. Die fünf Schauspieler Andreas Beck, Uwe Rohbeck, Christian Freund, Janine Kreß und Xenia Snagowski spielen die Sequenz in der Gastwirtschaft insgesamt neun Mal – ein Stilmittel, das Kay Voges auch in früheren Produktionen verwendet hat (Das goldene Zeitalter, Die Borderline-Prozession). Beim Wechsel von 1 auf 2 sind die Veränderungen nur minimal: Andreas Beck als Bruscon bekommt eine Perücke mit längeren Haaren verpasst. Doch danach wird’s rasant und immer abgedrehter: In Sequenz 3, die womöglich sogar der Höhepunkt dieser Inszenierung bildet, spielt Uwe Rohbeck einen total überkandidelten Bruscon, und man darf sich als Zuschauer einmal mehr über das Können dieses Schauspielers und seine Wandlungsfähigkeit wundern. Wahnsinn, was er speziell in dieser Szene leistet! Kleiner Gag am Rande: Uwe Rohbeck sieht mit Nadelstreifenanzug und weißem Hemd in diesem Durchlauf exakt so aus wie Kay Voges (zumindest an diesem Abend) selbst. Soviel Selbstironie vom Chef kann man nur sympathisch finden.
Tolle Schauspieler
Aber auch die anderen Schauspieler haben im Laufe dieser 2:40 Stunden langen Inszenierung (ohne Pause) noch reichlich Gelegenheit, sich zu profilieren: Christian Freund als Sohn mit zwei gebrochenen Armen und vor allem als Sänger in einer von Tommy Finke komponierten Musical-Version des Stoffes – Xenia Snagowski, eine Gastschauspielerin mit Fernseh- und Kinoerfahrung, als leicht bekleidete Rockröhre in einer fetzigen Version zum Ende hin und Janine Kreß als eine weibliche Bruscon-Version. Und Andreas Beck mimt den schlecht gelaunten Regisseur in den ersten Durchläufen sehr überzeugend.
Thomas Bernhard selbst hat dieses Stück als Komödie bezeichnet, und in der Tat gibt’s auch für die Zuschauer in Dortmund viel zu lachen, was vor allem am Können der Schauspieler liegt. Wenn Uwe Rohbeck als untalentierte Tochter auf einen Tisch springt und verzweifelt versucht, irgendeine Textzeile so zu sprechen, wie der Vater es will, könnte man schreien vor Lachen – um nur ein Beispiel zu nennen. Aber witzig sind im Grunde die kompletten 2:40 Stunden.
Selbstkritik am Theaterbetrieb
Natürlich ist dieses Stück – und das war es auch schon bei seiner Uraufführung 1985 bei den Salzburger Festspielen – eine Selbstkritik am Theaterbetrieb und den exaltierten Persönlichkeiten, die sich darin tummeln. Aber in Dortmund ist es noch mehr: Es ist auch eine Kritik an Brandschutzbestimmungen, die womöglich gelegentlich ein wenig übers Ziel hinausschießen. Bekanntlich konnte das Schauspiel sein Domizil am Hiltropwall lange nicht nutzen und musste ins Megastore nach Hörde umziehen, weil der Bau in der Innenstadt brandschutzsaniert werden musste. Ins Bild passt da ein Alarm neulich bei einer Aufführung von Biedermann und die Brandstifter/Fahrenheit 451, weil die neue Anlage auf den Theaternebel reagiert hatte. Kay Voges gab in der Einführung im Institut zu, dass ihn die permanenten Auseinandersetzungen mit der Feuerwehr in den vergangenen Monaten einige Nerven gekostet hatten.
Meine Empfehlung: Sichern Sie sich Karten für Der Theatermacher! Und wenn Sie schon dabei sind, kaufen Sie gleich welche für Biedermann und die Brandstifter/Fahrenheit 451 und Das Internat dazu!
Andreas Schröter
www.theaterdo.de
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