Intensiv: 4.48 Psychose von Sarah Kane

von Andreas Schröter

Intensiv: 4.48 Psychose von Sarah Kane
Sarak Kane

Szene aus 4.48 Psychose Sarah Kane mit Björn Gabriel. Foto: Edi Szekely

Passend zur ersten Ausgabe von Enjoy Complexity, einer Konferenz für Digitalität und Theater, hat das Schauspiel am Samstag im Studio ein Stück wiederaufgenommen, das sehr auf Technik und Digitalität setzt: 4.48 Psychose von Sarah Kane. Premiere war bereits am 3. Mai 2014.

Regisseur Kay Voges setzt die drei Schauspieler Merle Wasmuth, Björn Gabriel und Uwe Rohbeck in einen Kubus, der auf allen vier Seiten mit Gaze bespannt ist. Durch diesen Stoff können die Zuschauer, die um diesen Kubus herum sitzen, die Schauspieler schemenhaft wahrnehmen. Zugleich werden Bilder von ihnen – zumeist Nahaufnahmen ihrer Gesichter – in erheblicher Übergröße auf den Gazestoff übertragen. Die Zuschauer sitzen nur zwei oder drei Meter davon entfernt. Das schafft eine manchmal fast schmerzhafte Nähe zu den Schauspielern und ihrer Mimik, die kaum zu erreichen wäre, würde man auf die Videotechnik verzichten. Laute Musik und Soundeffekte, live von einer sichtbaren Technikcrew im Hintergrund fabriziert, verstärken den Eindruck eines Theatererlebnisses, das zwischen beeindruckend, verstörend und die Nerven strapazierend wechselt, in jedem Fall aber äußerst intensiv ist.

Körperfunktionen werden gemessen

Zugleich sind die Schauspieler an eine Apparatur angeschlossen, die permanent Körperfunktionen wie Puls, Atmung und Temperatur misst. Auch diese Daten werden immer mal wieder eingeblendet.

Inhaltlich geht’s um die düsteren Gedanken und Wahnvorstellungen einer psychisch Kranken. Sarah Kane war eine britische Dramatikerin, die sich im Jahre 1999, nur 28-jährig, das Leben nahm. Somit dürfte ihr letzter Text „4.48 Psychose“ autobiographisch sein.
Mit Haut und Haaren
Die Schauspieler stürzen sich einmal mehr mit Haut und Haaren in ihre Rollen. Und das darf man diesmal sogar wörtlich nehmen: Merle Wasmuth schert sich mit einem Langhaarschneider die langen Haare kurz, und sie schlitzt sich mit einem Teppichmesser die Arme auf, dass das Blut nur so sprudelt. Alles Theater natürlich, aber es wirkt täuschend echt.

Am Ende reißen die (theater-)blut-überströmten Schauspieler den Gazestoff herunter, die Geräte zeigen keine Daten mehr an, und nur noch ein fernes Licht wie das, das Menschen mit Nahtoderfahrungen beschreiben, ist zu sehen.
Insgesamt ein Theaterabend, der kontraproduktiv wäre, wollte man einen entspannten Abend mit etwas kultureller Unterhaltung erleben, den man aber gesehen haben sollte, wenn man sich für die von Kay Voges so forcierte Verbindung von (digitaler) Technik und Theater interessiert.
"Meilenstein für Gründung einer Akademie für Digitalität und Theater"
Zur Konferenz „Enjoy Complexity“ schreibt das Schauspiel: „Diese Konferenz markiert für uns einen Meilenstein bei der Gründung der Akademie für Digitalität und Theater als sechste Sparte am Theater Dortmund.“ Und: „Die Akademie will die klaffende Lücke zwischen technischem Fortschritt und nur langsam wachsendem Knowhow an den Theaterbühnen in Deutschland und darüber hinaus schließen. Sie will forschen, ausbilden, selbstermächtigen und qualifizieren und die immensen Möglichkeiten digitaler Technologien fruchtbar machen: nicht nur für die Kunst auf der Bühne, sondern auch für die Betriebsabläufe, die in ihrem Dienst stehen. Es geht um Robotik, Sensorik, Augmented Reality, Virtual Reality, Mixed-Reality, Motion Tracking und Künstliche Intelligenz. Wir haben drei Säulen entwickelt, die der Akademie ihre Grundstruktur verleihen wird: Labor, Studium und Weiterbildung.“

Andreas Schröter

www.theaterdo.de

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