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Integrationsrat sucht Sponsoren

Claus Niemann, Xenija Melnik und Aman Khan (v.l.) sind der aktuelle Vorstand des Integrationsrats. Foto: BA Harburg

Eltern-Kind-Turnen mit Geflüchteten – dafür brauchen die Ehrenamtlichen Geräte und eine Halle.

von Victor Meuche

Harburg. Sprachrohr und Ansprechpartner für alle zu sein, die im Bezirk ansonsten nur wenig Gehör finden – das hat sich der Harburger Integrationsrat auf die Fahnen geschrieben. Seit einem halben Jahr sind die insgesamt 19 Mitglieder des Gremiums, das im vergangenen Januar zum zweiten Mal gewählt wurde, im Amt.

Der Integrationsrat will für Harburger mit Migrationshintergrund Möglichkeiten zur Teilhabe und Mitbestimmung schaffen und arbeitet dafür mit der Bezirksversammlung, Vereinen, Bildungs- und sozialen Einrichtungen sowie Unternehmen zusammen. „Wir sind ein Bindeglied zwischen der bunten Bevölkerung Harburgs und der Verwaltung“, sagt Claus Niemann, der seit diesem Jahr eins der drei Vorstandsmitglieder des Rates ist.

44 Prozent der Menschen im Bezirk haben Migrationshintergrund

Den Vorsitz teilt sich der pensionierte Polizist mit Abiturientin Xenija Melnik und Ingenieur Aman Khan. Beide haben Wurzeln im Ausland – so wie fast jeder zweite in Harburg. 44 Prozent aller Menschen im Bezirk haben einen Migrationshintergrund, mit steigender Tendenz. Davon besitzt rund die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit, rund 35.000 Harburger sind auf dem Papier aber Ausländer. „Viele wissen nicht, an wen sie sich wenden müssen, wenn sie neue Papiere oder einen Sprachkurs brauchen“, sagt Niemann. „Wir zeigen den Leuten, wer der richtige Ansprechpartner ist.“

Schon seit der ersten Wahlperiode kooperiert der Integrationsrat so etwa mit der Hamburger Volkshochschule und der Deutschen Angestellten-Akademie. Dieses Projekt will man nun weiter ausbauen. „Wir vermitteln die Leute an die Sprachschulen und wenn keine finanziellen Mittel da sind, beantragen wir sie“, sagt der 72-jährige. Auch das Mentorenprojekt „S-Plus“, bei dem TUHH-Studenten gemeinsam mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund an Hausaufgaben und Motivationsproblemen arbeiten, soll ausgeweitet werden.

Eltern-Kind-Turnen für Geflüchtete

Mit den bisherigen Erfolgen geben sich Khan, Melnik und Niemann aber noch nicht zufrieden: In Zukunft will der Integrationsrat ein Eltern-Kind-Turnen für Geflüchtete auf die Beine stellen. Das helfe, die Ängste und Traumata der Familien zu bewältigen. „Dafür brauchen wir aber eine Halle und gute Geräte“, so Niemann. „Deswegen geht es jetzt darum, neue Sponsoren zu finden.“ Auch mit „Amal“, der digitalen Hamburger Tageszeitung für Flüchtlinge, will man Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit ausloten. Es gebe viele Kontakte zu Vereinen und Trägern, von denen die Zeitung auch profitieren könne.

In Harburg wird der Rat direkt gewählt

Claus Niemann hat sich auch vor seiner Zeit beim Integrationsrat sozial engagiert. Lange war er Bürgernaher Beamter, hat als Ehrenamtlicher im Wilhelmsburger Haus der Jugend gearbeitet. Die Mitgliedschaft im Integrationsrat bringt für Niemann aber eine große Entlastung: „Es ist für uns viel einfacher, für unsere Projekte finanzielle Unterstützung von der Behörde zu kriegen. Wir haben einen anderen Stellenwert, weil wir direkt gewählt sind.“ Dies ist das Alleinstellungsmerkmal des Harburger Integrationsrates. Denn die insgesamt 19 Mitglieder des Gremiums werden nicht, wie bei den Integrationsbeiräten der anderen Hamburger Bezirke, von den Politikern der Bezirksversammlung ernannt.

Die Wahlbeteiligung soll unbedingt steigen

Alle fünf Jahre können alle Einwohner Harburgs, die älter als 16 Jahre alt sind, bestimmen, wer den Rat bildet – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Die direkte Wahl soll dem Integrationsrat mehr Legitimation verleihen.

So zumindest die Idee, denn im Januar wählten von den mehr als 100.000 Einwohnern Harburgs nur etwa 1200 den neuen Integrationsrat. Das stört die Vorsitzenden: „Diese 1200 sind überwiegend Leute, die sich sowieso sozial engagieren. Wenn wir eine Brücke zwischen Bevölkerung und Verwaltung sein wollen, müssen wir aber auch die vielen hilfebedürftigen Menschen in Harburg erreichen.“

Rat setzt auf Öffentlichkeitsarbeit

Bei der nächsten Wahl möchte man vom Promille- in den Prozentbereich. „Wenn 2024 zumindest fünf Prozent mitwählen würden, wäre das schon ein gutes Ergebnis“, sagt Niemann. Der Rat setzt daher mehr auf Öffentlichkeitsarbeit als der erste Integrationsrat. Außerdem will Niemann noch stärker mit den Einwohnen Harburgs in Kontakt treten. Beim Fest „Sommer im Park“ will er auch dabei sein, für die Gäste kochen und Musik machen. „Reden wir nur über Politik, kommen vielleicht fünf Leute an unseren Stand, deswegen muss man die Leute neugierig machen“, sagt er.

Was die nächste Wahl angeht, ist Niemann optimistisch. Denn als der Integrationsrat 2014 zum ersten Mal gewählt wurde, stimmten lediglich 300 Harburger ab. „Insofern hat sich die Wahlbeteiligung von 2014 bis 2019 sogar schon vervierfacht“, sagt er. „Und das ist ja auch schon ein kleiner Erfolg.“

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