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torial Blog | 5 Jahre Flattr: Erinnerung an eine gescheiterte Revolution

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Flattr überall: vor fünf Jahren versprach der Dienst vielen eine ökonomische Revolution im Netz (Bild: Flattr auf Flicks, Lizenz: CC/by/2.0)

Das Aussperren des nicht-zahlenden Publikums gilt als Ultima Ratio für die Finanzierung von Online-Inhalten. Dass das so ist, geht auch auf eine kollektive Fehlentscheidung großer Verlage zurück: die Verweigerungshaltung gegenüber Flattr, das vor fünf Jahren eine kleine Revolution anzetteln wollte.


Rückblick: wir schreiben das Jahr 2010, es ist Frühjahr, und ein Hauch von Revolution liegt in der Luft. Der schwedische Piratebay-Aktivist Peter Sunde hatte mit Flattr einen Bezahldienst für Onlineinhalte vorgestellt. Das Prinzip war simpel, zwar nicht ganz neu, aber dennoch genial. Man zahlt zwei Euro oder auch mehr ein. Gefällt einem ein Netzartikel, klickt man den dort eingebauten Flattr-Button. Am Ende des Monats wird ein Teil des eingezahlten Betrags an jeden „geflatterten" Artikel ausgeschüttet.


Der Darling der deutschen Blogosphäre 

Nutzer*innen konnten so ihre Lieblingsblogs für gute Arbeit belohnen und auf die Art zukünftige Inhalte anregen. Für viele Blogger*innen bot Flattr als niedrigschwelliger Erlöskanal die Aussicht, das erste Mal jenseits von Google-Werbung echtes Geld mit Inhalten zu verdienen.

Vor allem in Deutschland eroberte der Mikro-Bezahldienst die Herzen der Blogosphäre. Ein Blog nach dem anderen beteiligte sich. Überall wurde Flattr mit monatlichen Erfolgsmeldungen über die ersten größeren und kleineren Erlöse gefeiert. Im Juni 2010 wurde die restriktive Beta-Phasenpolitik gelockert. Für Juni 2010 berichtete das Blog Netzpolitik.org über Einnahmen in Höhe von 577 Euro, der Blogger Stefan Niggemeier über 353 Euro und das Gemeinschaftsblog Carta über 201 Euro. Die ökonomische Revolution im Netz, so schien es, war zum Greifen nahe.


Bezahlmauern statt Flattr-Erlöse 

Irgendwann aber blieben die Erfolgsmeldungen aus. Und fünf Jahre später ist gar keine Rede mehr von Flattr. Ein Medium nach dem anderen entscheidet sich heute für eine andere Spielart von Paid Content: das Einziehen von Paywalls. Als erste überregionale Zeitung machte Ende 2012 Die Welt den Anfang, im März 2015 führte auch die Süddeutsche ein eigenes Modell ein. Und immer wieder gibt es Andeutungen neuer Verlage, eventuell bald auch eine Bezahlmauer einzuführen. Zuletzt haben das die neuen Spiegel-Chefredakteure angedeutet. Das freiwillige Bezahlen für besonders gute Artikel ist keine ernsthaft diskutierte Option mehr. Wieso ist Flattr gescheitert, das vor fünf Jahren so hoffnungsvoll gestartet ist?

Während Blogs den innovativen, schwedischen Bezahldienst gefeiert hatten, hielten sich die großen Verlage sehr zurück. Der Dienst tauchte zwar als Berichterstattungs-Objekt auf, bis auf die taz und den Freitag haben sich allerdings alle größeren Medien Flattr verweigert. Hätten Spiegel online, Zeit online & Co. sich auf das Experiment eingelassen, den Flattr-Button eingebaut und einen Teil ihres jeweiligen Publikums zu Flattr-User*innen gemacht, hätte das vielleicht den Durchbruch im Massenmarkt gebracht. Die großen Medienhäuser hätten aus dem zarten, stetig wachsenden Pflänzchen Flattr einen großen, starken Baum machen können.


Ein Erlösmodell auf dem Silbertablett 

Vielleicht hätten die eigenen Leser*innen die neue Bezahloption ignoriert, vielleicht wäre aber doch ein relevanter Teil aufgesprungen. Die taz mit ihrer kleinen Online-Gemeinde hatte es Ende 2010 auf knapp 1.500 Euro geschafft. Was geschehen wäre, wenn die wirklich Reichweiten-starken Verlage den Bezahldienst eingebaut hätten, werden wir nie wissen. Sie haben Flattr schlicht keine Chance gegeben. Und das war eine gewaltige, kollektive Fehlentscheidung.

Gut bezahlte Medienmanager*innen und Berater*innen philosophieren seit Jahren angestrengt, wie sich auch im Netz Inhalte zu Geld machen lassen. Den Verlagen, denen meist nur die zwei Optionen Werbe-Finanzierung und Bezahlmauer einfällt, wurde mit Flattr ein alternatives Erlösmodell auf dem Silbertablett präsentiert. Sie haben einfach Nein gesagt, ob das nun aus vermeintlich rationalen Gründen geschah, aus Ignoranz oder aus Angst vor einer neuen Entwicklung.


Flattr als Nischendienst 

Der einstige Hoffnungsträger führt heute ein Nischendasein. Seit 2012 sucht Flattr sein Heil in der Anbindung an soziale Netzwerke. Neues Wachstumspotenzial wird auf Social Media vermutet, wo kurze Facebook-Posts oder Tweets geflattert werden können. Die ökonomische Revolution im Netz ist heute klar gescheitert.

Und das ist ein Verlust für alle, für Leser*innen, Blogger*innen und auch für Verlage, denen durch eigene Schuld seit fünf Jahren Einnahmen entgehen. Paid Content meint heute das vorsichtige Aussperren von Nutzern und gilt mit der Definition weitgehend als alternativlos. Mit dafür gesorgt hat eine Fehlentscheidung der Verlage. Und das war vielleicht deren größte kollektive Fehlentscheidung nach der Unterschätzung des Internets in seinen frühen Tagen.

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