Sophia Boddenberg

Freie Journalistin, Santiago de Chile

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Kolumbien: Ein lebensgefährlicher Frieden

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Im Tal liegt die Millionenstadt Medellín. An den Hängen wachsen die Armenviertel in die Höhe. Foto: Sophia Boddenberg

An kaum einem anderen Ort hat man so einen Blick auf das weitläufige Tal, in dem sich die Millionenstadt Medellín ausbreitet. Über viele Treppen gelangt man hinauf in das Viertel Altos de la Torre in der Comuna 8. Altos de la Torre ist eines der Armenviertel, die um die zweitgrößte Stadt Kolumbiens herum die Hügel empor wachsen. Die meisten Häuser bestehen aus Brettern, Pappe und Wellblech. Fast alle Bewohner leben illegal hier, aber die Regierung duldet diese „desplazados", zu Deutsch: Vertriebenen. Es sind Menschen, die hierhin geflüchtet sind vor den Kämpfen, die sich Paramilitärs, staatliche Truppen, Drogenkartelle und Guerilla-Gruppen bis heute in den Provinzen liefern. Das am 30. November 2016 in Kraft getretene Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC sollte den 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikt beenden, in dessen Verlauf mehr als 220 000 Menschen getötet und mehr als sieben Millionen vertrieben wurden. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Zahl der intern Vertriebenen in Kolumbien ist seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens angestiegen. Die Vereinten Nationen nennen sie „internally displaced people". Kolumbien ist Angaben des UN-Flüchtlingswerks zufolge das Land mit den meisten intern Vertriebenen weltweit.

Eine dieser „desplazados" ist Piedad Arango. Sie ist 44 Jahre alt und vor fünf Monaten mit ihrer Familie in die Stadt geflohen, weil sie von Paramilitärs bedroht wurden. „Zuerst haben sie meinen Sohn vertrieben. Sie wollten, dass er mit ihnen zusammenarbeitet, aber er wollte nicht." Sie drohten damit, ihn umzubringen, also flüchtete der 23-Jährige zur Tante. Als die Paramilitärs auch Piedad Arango mit dem Tode bedrohten, „sind wir auch hierhergekommen", erinnert sie sich und blickt mit ihren dunklen, traurigen Augen ins Leere. Ihre Sätze sind kurz, sie erinnert sich nur ungern an diesen Moment zurück. Die Familie musste alles zurücklassen. Nur mit der Kleidung, die sie am Leib trugen, machten sie sich auf den Weg nach Medellín. Es fällt schwer, sich einzuleben. „Auf dem Land war alles einfacher. Dort gab es Arbeit. Hier in der Stadt braucht man für alles einen Abschluss", sagt Piedad Arango. Sie selbst besuchte immerhin drei Jahre die Schule, ihre jüngeren Kinder gehen seit der Vertreibung nicht mehr hin. Die Uniformen seien zu teuer und der Weg zu weit. Und für ihre jüngste Tochter hat sie bisher keinen Platz in einer Schule bekommen. Im Moment arbeitet sie mit ihrer Schwester und drei weiteren Familien in einem Gemeinschaftsgarten. Das Gartenprojekt wird von der deutschen Johanniter Unfallhilfe gefördert, die mit der Nichtregierungsorganisation „Las Golondrinas" in Medellín zusammenarbeitet. Mit der Ernte aus dem Garten sollen sich die Familien mit Lebensmitteln versorgen. Manchmal verkaufen sie auch überschüssiges Gemüse auf dem Markt.

Die Bauern werden entweder von Bergbaufirmen oder Großgrundbesitzern vertrieben - oder von Paramilitärs, die sich das Land aneignen wollen.

Vorher lebte Piedad Arangos Familie auf dem Land in Puerto Valdivia, etwa 180 Kilometer nördlich von Medellín. Dort arbeitete sie mit ihrer Familie in der Landwirtschaft. In Puerto Valdivia wird Koka angebaut, das Gebiet befand sich bis vor einem Jahr unter Kontrolle der FARC-Guerilla. Seit dem Friedensabkommen habe die Gewalt zugenommen, denn die Paramilitärs „haben jetzt das Sagen", schildert Piedad Arango die Lage. „Die Guerilla war gut zu den Bauern, aber die Paramilitärs bringen einen einfach um." Sie ist sicher: Frieden gebe es erst, wenn dem Treiben der Paramilitärs ein Ende bereitet werde. Der Fall von Piedad Arango ist kein Einzelfall. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärt in einem Bericht, dass in den Gebieten, die die FARC verlassen habe, nun andere Guerilla-Gruppen und Paramilitärs um die Vorherrschaft kämpfen. „Viele Menschen von außerhalb denken, dass in Kolumbien jetzt Frieden herrscht, weil die Regierung ein Friedensabkommen mit der FARC geschlossen hat. Aber das ist nicht so", betont auch Carolina Betancur. Sie ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet im Museum der Erinnerung in Medellín. „Es gibt immer noch soziale, ökonomische und politische Herausforderungen im Land. Soziale Aktivisten werden ermordet, Menschen vertrieben und der Drogenhandel heizt den bewaffneten Konflikt weiter an." Der kolumbianische Konflikt sei nicht schwarz-weiß: „Es gibt nicht nur zwei Akteure, sondern eine Vielzahl an Akteuren, an Graustufen. Deshalb ist der Konflikt so schwer zu lösen", sagt die junge Wissenschaftlerin. Die Gewalt in Kolumbien richtet sich insbesondere gegen indigene und afrokolumbianische Gemeinden. Es gibt mehr als 90 indigene Völker in Kolumbien. Werden sie nicht von Bergbau- und Landwirtschaftsunternehmen vertrieben, dann von rechten Paramilitärs, die sich die Ländereien aneignen wollen. Den Bauern bleibt nur die Flucht in die Städte, heute sind ein Fünftel der Bewohner Medellíns - also rund 500 000 Menschen - Opfer von Vertreibung, darunter viele Indigene und Afrokolumbianer. Die Comuna 8 wiederum ist einer der ärmsten Bezirke der Stadt und Zufluchtsort für viele Vertriebene.

Jugendliche in den Armenvierteln denken noch heute, der Handel mit Drogen bringe Geld und Ansehen - zu lange haben die Kartelle das Leben dort bestimmt.

Das führt häufig zu Konflikten, da viele verschiedene Kulturen aufeinanderprallen, sagt Mauricio Giraldo, der für die Organisation Las Golondrinas arbeitet. „Die Comuna 8 ist eine der konfliktreichsten und gewalttätigsten von Medellín. Früher gab es hier blutige Auseinandersetzungen zwischen paramilitärischen Gruppen und den afrokolumbianischen Gemeinden. Es gibt viel Armut und Arbeitslosigkeit, vor allem die Jugendlichen haben es schwer", erklärt Giraldo. Die Comuna 8 wurde lange von Drogenkartellen kontrolliert - und deren Einfluss ist bis in die Gegenwart zu spüren. „Auch heute noch denken die Jugendlichen, durch Drogengeschäfte kommen sie schnell an Geld und Ansehen", sagt Giraldo. Die Organisation Las Golondrinas widmet sich deshalb vor allem der Bildung von Kindern und Jugendlichen in konfliktreichen Stadtvierteln. So sollen sie eine Zukunftsperspektive bekommen, anstatt sich kriminellen Drogenbanden anzuschließen. Zukunft heißt auch hier: Bildung.

Im Stadtteil Caicedo in der Comuna 8 hat die Mehrheit der Bewohner afrokolumbianische Wurzeln. In der Schule „Camino de Paz" - was so viel heißt wie „Weg zum Frieden" - läuft laute Musik. In mehreren Klassenräumen wird getanzt. Die Kinder schwingen ihre Hüften und singen laut. „Der Großteil der Schüler sind Afrokolumbianer und Bewegung und Rhythmus gehört zu ihrer Kultur. Deshalb integrieren wir Tanz und Musik in den Schulalltag", erklärt Lina Rodriguez, die Koordinatorin der Schule. Auch die bunten Farben der Schule sind der afrokolumbianischen Kultur angepasst. Die Schule wird von der Organisation Las Golondrinas mit Unterstützung der deutschen Johanniter Unfallhilfe verwaltet.

Reinel Arias ist Sozialpsychologe und arbeitet seit zwölf Jahren für die Organisation Las Golondrinas in der Comuna 8. Damit die Schüler in seine Beratungsstunde kommen, musste er sein Diplom abhängen, den Tisch wegräumen und Musikinstrumente anschaffen. Er weiß, wie schwer es viele Afrokolumbianer bei der Ankunft hatten, denn sie erlebten Diskriminierung und Rassismus. „Sie kamen von einem Krieg in den nächsten. Sie wurden von bewaffneten Gruppen vertrieben und kamen in die Comuna 8", sagt Arias. Aber: Die Schulgemeinschaft habe sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Die Kinder kommen morgens geduscht und gekämmt in die Schule - keine Selbstverständlichkeit im Stadtviertel. Und das Wichtigste: Sie haben Träume und Pläne für die Zukunft. Aber Träumen reicht nicht, es muss auch gehandelt werden, sagt Reinel Arias - und auch er sieht den Staat in der Pflicht. „Der kolumbianische Konflikt dreht sich nicht nur um bewaffnete Zusammenstöße. Es geht um Vernachlässigung durch den Staat, um fehlende Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten, um ein prekäres Gesundheitssystem, um Wirtschaft und Ernährung. Der Konflikt ist das Resultat der sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Realität dieses Landes", betont Arias. Der Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla war zwar ein erster Schritt - aber der Weg Kolumbiens zum Frieden ist noch lang.

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