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Tunesien: Tourismus soll nach IS-Anschlag keinen Schaden nehmen

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NZZ - 29.06.2019
Zwei Selbstmordattentäter sprengten sich am Donnerstag in der Hauptstadt Tunis in die Luft. Der Islamische Staat hat sich zu den Anschlägen bekannt. Nun sollen vor allem die Auswirkungen auf den Tourismus begrenzt werden.

Alles wie üblich: Dieses Bild will der tunesische Tourismussektor nach den zwei Anschlägen vermitteln, die sich am Donnerstag in der Hauptstadt Tunis ereignet haben. Innerhalb weniger Minuten hatten sich am späten Vormittag zwei Selbstmordattentäter in der Innenstadt und am Eingang des Sitzes der Antiterrorbrigade in die Luft gesprengt. Neben den beiden Attentätern, von denen erst einer identifiziert werden konnte, wurde ein Polizist getötet. Acht weitere Personen, darunter auch Zivilisten, wurden verletzt. Ihr Zustand gilt als stabil. Zu den Anschlägen hat sich die Terrormiliz Islamischer Staat bekannt.

In Tunis nimmt der Alltag schnell wieder seinen gewohnten Gang, deshalb hoffen auch die tunesischen Hoteliers von grösseren Stornierungswellen verschont zu bleiben. "Noch ist es zu früh, um das ganze Ausmass abzusehen", so Mouna Ben Halima, Sprecherin des tunesischen Hotellerieverbands. Allerdings hätten alle ausländischen Reiseveranstalter und Fluggesellschaften ihr Programm aufrechterhalten, bestätigte sie.

Ben Halima, die selbst ein Fünf-Sterne-Hotel in Hammamet besitzt, einer Hochburg des Tourismus rund eine Stunde südlich von Tunis, berichtet, dass am Donnerstag vier Kunden hätten stornieren wollen. "Nachdem wir ihnen per Mail die Umstände erklärt haben, haben sich drei von ihnen entschieden, doch zu kommen." Dass die Anschläge gezielt Sicherheitskräften gegolten hätten und nicht Touristen, habe offenbar viele beruhigt. Beunruhigt und mit Unverständnis reagierte die Unternehmerin allerdings auf das ihrer Meinung nach unverhältnismässige mediale Interesse vor allem in Frankreich. "Absolute Sicherheit gibt es schliesslich nirgendwo auf der Welt."

Zur Schadensbegrenzung nach Paris

Tunesiens Tourismusminister René Trabelsi war noch in der Nacht auf Freitag nach Paris geflogen, um in der Morgensendung eines französischen Senders aufzutreten und potenzielle Tunesien-Touristen zu beruhigen. Der wichtige französische Markt hatte dieses Jahr um mehr als ein Viertel zugelegt. Er versprach, dass Tunesien alles tue, um die Sicherheit seiner Gäste zu garantieren.

Der Tourismussektor ist ein wichtiger Pfeiler der krisengebeutelten tunesischen Wirtschaft. Nachdem er nach dem politischen Umbruch 2011 massiv eingebrochen war, generiert er derzeit rund 14 Prozent des tunesischen Bruttoinlandproduktes, so Trabelsi. Rund 500 000 direkte und 2 Millionen indirekte Arbeitsplätze hängen in dem Elf-Millionen-Einwohner-Staat von ihm ab. Die Tourismussaison hatte in Tunesien dieses Jahr gut angefangen. "Die Hotels auf Djerba sind bis September ausgebucht," freute sich Trabelsi, der vor kurzem noch optimistisch verkündet hatte, dass dieses Jahr rund zehn Millionen Touristen nach Tunesien kommen würden.

Dies sei nach wie vor möglich, glaubt Mouna Ben Halima. Sie betont, dass sich seit den zwei grossen Anschlägen 2015 - als im Bardo-Museum in Tunis und in einem Hotel in Sousse mehr als sechzig Personen getötet wurden - viel getan habe. Seitdem gibt es unter anderem auch strengere Sicherheitsauflagen für Hotels. "Jede Person, die eine Hotelanlage betritt, wird kontrolliert, Gepäck und Fahrzeuge ebenfalls", sagt Ben Halima. Der Hotellerieverband habe noch am Donnerstag seine Mitglieder zu verstärkter Wachsamkeit aufgerufen.

Immer wieder kleinere Angriffe

Seit 2015 gab es in Tunesien keine grossen Anschläge mehr, bei denen auch Ausländer getroffen wurden, auch die Sicherheitslage insgesamt hat sich stabilisiert. Allerdings kommt es immer wieder zu Angriffen von Extremisten, die vor allem Sicherheitskräfte ins Visier nehmen, so wie auch am Donnerstag. In der Nacht zuvor hatten ausserdem Bewaffnete eine Sendestation nahe der Stadt Gafsa im Südwesten des Landes angegriffen, die von Sicherheitskräften bewacht wird. Bei einem Schusswechsel wurde niemand verletzt.

Was vielen Tunesiern allerdings fast grössere Sorgen bereitet, ist der Gesundheitszustand des 92-jährigen Staatspräsidenten Beji Caid Essebsi, der Donnerstagmorgen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Nachdem das Präsidialamt zunächst von einem kritischen Gesundheitszustand sprach und bereits Gerüchte über seinen Tod die Runde machten, wurde später mitgeteilt, sein Zustand habe sich stabilisiert und er könne das Krankenhaus bald wieder verlassen.

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