Michael Neubauer

Freier Korrespondent, St. Germain-en-Laye

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Reportage

Das Heft der Überlebenden

Zeit Online | 14.01.2015    Schon um 7 Uhr stehen mehr als 30 Leute vor dem Zeitungs- und Tabakladen Narval in Saint-Germain-en-Laye westlich von Paris. Sie alle wollen Charlie Hebdo. Auch Laurent Mathis. "Mit den Zeichnungen von Cabu und Wolinski bin ich groß geworden, die 68er des Blattes haben mich in meiner politischen Haltung bestärkt", sagt der 50-Jährige. Jetzt steht er in der Kälte an, weil er sie unterstützen will. Auch nach ihrem Tod.

1178 ist die Nummer der ersten Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift vor einer Woche. Zwei Minuten vor 8 Uhr gehen die Fensterläden im ersten Stock auf, der Zeitungsverkäufer macht noch schnell mit seinem Smartphone ein Foto von der Schlange, in der inzwischen mindestens 100 Leute stehen.

"Nur ein Exemplar für jeden", sagt der Verkäufer hinter der Kasse, ein Schildchen " Je suis Charlie" am Pullover. Zig Kunden wollten gestern vorbestellen - darauf hat er sich nicht eingelassen. Laurent Mathis bekommt sein Exemplar und freut sich. "Jetzt muss ich nur aufpassen, dass man es mir nicht in der Metro klaut."

Es ist viel Grün heute an Frankreichs Kiosken - denn die Farbe der Hoffnung ist die Hauptfarbe auf der Seite 1. Es war der Redaktion sehr schwergefallen, diese Titelseite zu finden. Sie sollte etwas über den Geist der Zeitschrift aussagen. Aber auch über das Schreckliche, das die Überlebenden - wie sich die Redakteure selbst nennen - erlebt haben. Es gab kurz die Überlegung, die Gesichter der toten Redakteure auf den Titel zu zeichnen, mit Schildern "Wir sind Gott". Aber man entschied sich dagegen.

Jetzt schaut also Mohammed die Franzosen am Kiosk an. Mohammed mit weißem Turban, aufgerissenen Augen, Bart und langer Nase. Er hält ein Schild, als würde er auf einer Demo stehen: "Je suis Charlie". Eine Träne rinnt über seine Wange. Der Prophet wirkt wie ein kleiner, sympathischer einfacher Mann, verletzt und hilflos. Darüber steht: " Tout est pardonné" ("Alles ist vergeben"). Und lässt manche Franzosen über die Mehrdeutigkeit diskutieren. Eine Interpretation: Selbst der so oft von Charlie Hebdo auf den Arm genommene Mohammed hätte ein solches Verbrechen niemals befürwortet. Auf die Frage, ob der Satz auch bedeute, dass die Redaktion den Terroristen vergebe, kommt der neue Chefredakteur Gérard Briard ins Stottern. "Nein, wir vergeben nicht denen, die unsere Freunde getötet haben."

Dass Charlie Hebdo bereits eine Woche nach dem Anschlag erscheinen konnte, ist ein kleines Wunder. Acht Redaktionsmitglieder waren getötet worden, darunter vier der bekanntesten Cartoonisten Frankreichs: Jean Cabut alias Cabu, Tignous (Bernard Verlhac), Charb (Stéphane Charbonnier) und Georges Wolinski. Auch die Zeichner und Autoren Philippe Honoré und Bernard Maris, die Kolumnistin Elsa Cayat und der Korrektor Mustapha Ourrad wurden ermordet.

Die verbliebenen Redaktionsmitglieder hatten einen logistischen Kraftakt unter unglaublichem Zeitdruck geleistet. Unterstützung bekamen sie von vielen Seiten: die Zeitung Libération beherbergte die Kollegen der Satirezeitschrift unter ihrem Dach. Le Monde ließ Computer bringen, damit die Überlebenden arbeiten können. "Keine Journalisten" steht in roter Schrift vor dem Raum in der Libération, ein Paravent verhindert den Blick hinein. Konzentriert, höchst emotional, sei die Atmosphäre gewesen - immer wieder hätten die Redakteure Weinkrämpfe bekommen. Man zeichnete gemeinsam am großen runden Tisch oder alleine in einer Ecke. Trotz der Zeitnot wollten die verbliebenen Mitglieder der Charlie Hebdo die Ausgabe alleine stemmen. Angebote anderer Karikaturisten aus dem In- und Ausland, Zeichnungen beizusteuern, lehnten sie ab.

Bereits am Dienstagnachmittag hatte die Redaktion die Titelseite auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Alle Journalisten klatschten, als Chefredakteur Briard, der Karikaturist Renald Luzier (Luz) und Kolumnist Patrick Pelloux sich an einen kleinen schwarzen Tisch setzten. Luz kämpfte mit den Tränen - er hatte die Seite 1 gezeichnet. Als er sie fertig gehabt und seinen Kollegen gezeigt habe, hätten alle gelacht und sich umarmt.

Luz selbst hat überlebt, weil er nicht pünktlich zur Redaktionssitzung erschien. "Ich dachte einen Moment lang, ich würde nie mehr zeichnen können", sagte er. Aber am Tag nach dem Anschlag habe er sich abends hingesetzt und die "Hintern meiner Freunde auf dem Boden" gezeichnet. Darüber schrieb er: "Meinungsfreiheit, mein Arsch!" Das sei für ihn eine Art Katharsis gewesen, sagt Luz. Er habe das Bild seiner erschossenen Freunde loswerden müssen. Als er die Karikatur fertig hatte, wusste er: Es geht wieder.

"Diese Ausgabe ist Charlie Hebdo, alle sind dabei", ist die Parole der Redaktion. Das heißt: Auch Karikaturen der Toten sind zu sehen. Das ist möglich, weil Zeichner wie Charb oder Cabu während der Konferenzen unaufhörlich zeichneten, vieles davon wurde nie veröffentlicht. Am Anfang gab es den Vorschlag, an den Rubriken der Getöteten weiße Stellen zu lassen. Aber das wurde schnell verworfen. Niemand sollte fehlen.

Die Ausgabe bleibt sich treu: Natürlich macht sich Charlie Hebdo – das ist sein Markenzeichen – über religiöse Fanatiker lustig. Auf einer Zeichnung von Tignous sitzen mehrere Islamisten zusammen. "Man darf den Leuten von Charlie Hebdo nichts tun", sagt der eine. "Sonst werden die noch zu Märtyrern gemacht, kommen in den Himmel und nehmen uns unsere Jungfrauen weg."

Riss, dem die Terroristen in die Schulter schossen, schickte Zeichnungen aus dem Krankenhaus. "Zeichnen bei Charlie Hebdo heißt 25 Jahre Arbeit, bei Terroristen wenige Sekunden. Terrorist, ein Beruf für oberfaule Wichser."

Auch Elsa Cayat ist posthum vertreten. Die renommierte Psychoanalytikerin hatte in Charlie Hebdo eine Kolumne mit dem Titel Charlie Divan, in der sie die Leser auf die Couch legte. Jetzt zeichnete die Karikaturistin Catherine eine Strecke, in der ein Terrorist auf der Couch von Cayat liegt und sagt: "Ich habe geträumt, ich würde Charlie Hebdo umbringen." Die Therapeutin empfiehlt ihm, er solle seine Albträume niederschreiben.

Vom Zeichner Babouse gibt es einen kleinen Seitenhieb auf den französischen Starkarikaturisten von Le Monde, Plantu. Der hält ein Schild "Je suis Charlie, mais …" ("Ich bin Charlie, aber …") hoch. Chefredakteur Briard sagte dazu in der TV-Sendung C à vous, in den vergangenen Jahren hätten viele Leute gesagt: Journalisten bedrohen sei nicht gut, aber andererseits dürfe man nicht provozieren oder noch mehr Öl ins Feuer gießen.

Auch der große Marsch in Paris wird auf einer Doppelseite auseinandergenommen. "Mehr Leute bei der Demo für Charlie als im Gottesdienst", heißt es in roten Lettern. Auf dem Triumphbogen steht "Paris ist Charlie", darunter brennt die Flamme der Erinnerung, die sagt: "Ich krieg 'nen Steifen!"

Selbst das Attentat wird satirisch verarbeitet. Es gibt ein Telefongespräch mit dem ermordeten Chefredakteur Charb über den Anschlag, als ob er noch leben würde. "Du wirst lachen: Der erste Gedanke, der mir kam, war die Sorge um meine Brille", sagt Charb darin.

Und Jean Cabut alias Cabu, berühmt für seine Topffrisur, fragt in einer Zeichnung: "Was wird aus unseren Dschihadisten?" "Wachmann beim Supermarkt Carrefour?", schlägt eine Dame vom Arbeitsamt den Männern mit Bart und Kalaschnikow vor.

So gesehen ist Nummer 1178 eine normale Ausgabe geworden. Die Redaktion tue das, was sie immer tut, sagt der Chefredakteur: Sie halte den Wert des Laizismus hoch, das Recht auf Blasphemie, den Geist des Widerstands, das Lachen und die Intelligenz – eine Nummer ganz im Geist von Charlie Hebdo eben.