MyBoshi Häkel-WM 2014
Klorollenüberzieher, Topflappen, Eierwärmer? Pillepalle, finden die über 90 Personen, die sich am Samstagabend in Zirndorf eingefunden haben. Hier zählt nur eins: der Sieg auf Zeit! Naja, und vielleicht auch ein bisschen das Dabeisein, aber das ist schließlich sehr olympisch und ergo durchaus zeitgemäß. Bei der zweiten „Häkel-WM“, ausgerichtet vom Oberfränkischen „Myboshi“-Erfolgsunternehmen auf dem Segment für Mützen (japanisch: Boshi) flogen die Nadeln und floss der Schweiß, und am Ende gab’s eine alte neue Weltmeisterin, die ihren eigenen Weltrekord um Längen schlagen konnte.
Aber von vorn. 96 von Moderator Jörg sportlich-konsequent als „Athleten“ titulierte Häkel-Freunde waren in die „erlebe wigner!-Arena“ gekommen, um sich mit der Konkurrenz zu messen und bestenfalls das Siegertreppchen zu besteigen. Die Qualifikation war durch unzählige Vorentscheide in Deutschland und der Schweiz erfolgt, aber weil der Schweizer halt jetzt nicht der Schnellste ist, schafft’s nur eine Eidgenössin aus dem besonders gemächlichen Berner Land ins ferne Fränkische und sichert sich dank kuhbeglockter Entourage den Publikumspreis bereits im Vorfeld. In Portionen zu je 48 wird Aufstellung zu Runde eins bezogen – Aug‘ in Aug‘ mit der Konkurrenz, das erhöht das Spannungsfeld. Die Startnummer sitzt, das neonpinke Knäuel ruht unschuldig auf den Schößen, aber wehe dem, der den Faden zückt, bevor alle bereit sind! Dann noch eine La-Ola-Welle und „Auf die Nadel, fertig los!“ Es gilt, in Windeseile die Wolle zu etwas zu verarbeiten, was später eine Mütze werden könnte. Ist die letzte Masche geknüpft: aufstehen und schreien! Tempo versus Akribie, halbes Stäbchen versus Büschelmasche. Die Band spielt beschwingt, die Köpfe ruckeln, die Nadeln fliegen, doch dann – o Schreck! – fliegt eine zu weit. Das Werkzeug von Nr. 7 ist entzwei! Doch es gibt ja noch eine Runde. Nach 7:17 springt die erste auf, weitere folgen, unter denen auch einer von insgesamt nur vier Herren ist, die sich ans Knäuel wagen. Nach und nach liefern alle ab, und die Jury akzeptiert großzügig, was da so an Wollwerk zum Vorschein kommt. Der Variantenreichtum zeigt sich, als alle fürs Gruppenfoto die „Mützen“ auf den Kopf setzen: Pilzartiges und solches, das aussieht, als käme es direkt aus der Luftschlangen-Spraydose, aber von Schönheitspreis war ja nie die Rede. Unter den Vorrückern ist auch Shalina, die mit ihren elf Lenzen gemeinsam mit der 82-Jährigen Ingeborg Springer das Feld nach oben und unten absteckt und jetzt erstmal Durchatmen kann. Runde zwei wird eingeläutet, und da ist sie mit dabei, die Letztjahresmeisterin aus Leipzig, Vietnamesin Hai Nguyen, der 8:25-Weltrekord, der auf die Werkbank steigt gegen die Schweizer Meisterin. Nach 7:53 ist Nguyen sichtlich sauer: Sowohl die Schweiz (7:08) als auch Nr. 7 waren erheblich schneller, das kann doch wohl nicht wahr sein, und da verweigert Frau Nguyen gleich ganz und steht gar nicht erst auf, um anzuzeigen, dass sie fertig ist. Von so viel Ehrgeiz sind die zwei männlichen Häkler weit entfernt. Nr. 89 kämpft zitternd mit der Aufregung, während Nr. 88 strahlend etwas produziert, das stark an einen Haufen frisch gekochter Spaghetti erinnert. Freude auch bei den Myboshi-Jungs, den Urhebern des Spektakels: „500 Leute schauen grad den Livestream an, das ist schon phänomenal.“ In der Pause vor dem Grande Finale gibt’s noch ein bisschen Charity, freilich auch mit der Erfolgswolle, nur diesmal verarbeitet von zwei Feuerwehrlern in voller Montur. Derweil stärken die Athleten sich mit Getränken und einer Runde Shopping, nur Nr. 89 nicht: Mit frisch gebabypuderten Schwitzehänden bringt ein Mann nach 53 Minuten zuende, was er begonnen hat! Sarah aus dem Erzgebirge darf noch ihr Häkelnadel-Tattoo zeigen, und dann ist Schluss mit lustig. Jetzt geht’s um den Sieg, den auch Mike gern mit nach Hause nehmen würde, schließlich hat er extra eine Facebook-Seite über seine Vorbereitungen gemacht. Unter ohrenbetäubendem Lärm dank Kuhglocken, Pappklatschen und Bossa Nova beginnt die Endrunde, wieder sirren die Nadeln, wer jetzt keine Büschelmasche kann, hat eh verloren, und wenn ein Knoten im Zwirn den Fortschritt bedroht, schreitet Myboshi-Thomas beherzt ein und zerreißt den Widerborst. Bald zeig sich: Es wird ein Kampf der Giganten, Schweiz gegen Vietnam, dicht gefolgt von Nadelbrecherin Luisa Köhler aus Michelau, und dann verliert Hai Nguyen die letzte Masche, ist es denn zu glauben, doch sie rettet, was zu retten ist und überhäkelt in einem Kraftakt die Ziellinie – geschafft! Nach 6:40 Minuten ist die Vorrunden-Schmach vergessen, die Mutter von vier Kindern strahlt übers ganze Gesicht, wieder hat sich ausgezahlt, dass sie „immer alles ganz schnell machen will“ und der von Kopf bis Fuß eingehäkelte Nachwuchs ist stolz wie Wolle. Äh, Bolle. Nicht minder stolz: die mit 6:45 zweitplatzierte 18-jährige Luisa, die sich der Ungemach des Materialbruchs nicht beugen wollte und konstatiert, dass „das mit der fremden Nadel eigentlich egal war“, sowie Renate Lengbacher, der im heimatlichen Aeschierird im Berner Oberland ein Staatsempfang mit gesperrter Ortschaft versprochen wurde, sollte sie mindestens Bronze erhäkeln. Das ist der 44-Jährigen wohl gelungen, unterbot sie ihre Schweizer Meisterzeit doch mit 7:05 um über zwei Minuten und „hätte nicht gedacht, dass ich so schnell werden kann“. Es bleiben Sieger, Verlierer, Mitmacher und ein Haufen Fussel. Bis zum nächsten Jahr. (08.02.2014)
Katharina Wasmeier
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