Live: Wrongkong.extended
Zwei Erkenntnisse brachte die Premiere von „Wrongkong.extended“ am vergangenen Freitag in der Tafelhalle: Das musikalische Vorzeigequintett hat den Mund ganz schön voll genommen, kann es sich aber halt auch einfach erlauben. Und: Wenn der Nürnberger Gast seinen Nimbus als hochkulturell Interessierter erst einmal auf einen Sitzplatz getragen hat, dann bleibt er da auch. Punkt. Da kann Cyrena Dunbar, das sphärische Elfenmädchen, noch so oft aufs ausreichend vorhandene Tanzparkett aufmerksam machen – nix da, wir bleiben sitzen und gucken uns das mit gewichtiger Miene an! Aber zum Glück gibt’s auch noch die anderen, die bei all der multistilistisch-experimentellen Vorankündigung – „Music. Dance. Visuals. Lights.“ – schon auch auf dem Schirm hatten, dass primär ein Wrongkong-Konzert ins Haus steht. Und dass das bewegen heißt und mitsingen und fühlen und sich anstecken lassen von der Spielfreude der vier Herren, die wie ein Baum hinter ihrer Frontfrau stehen und nur manchmal mutig ihren Platz verlassen wie ein Gebruder Wurm, der sich zum Duett hinterm Bass vorlocken lässt oder ein Herr Lodhi, dessen frivole Ausflüge ins Zentrum des Geschehens von der Notwendigkeit der Keyboard-Bedienung eiligst unterbungen werden. Aber für Bewegung auf der Bühne ist dieses Mal ohnehin ausreichend gesorgt. „Choreographen, Videokünstler, Lichtdesigner, Tänzer, Gastmusiker und Freunde“ waren versprochen. Und halten Wort. Ploppen auf der Bühne auf und fideln virtuos auf der Geige, blasen kraftvoll die Trompete oder assistieren Drummer Friedrich mit percussionistischen Einlagen. Und umwölken nach Art des griechischen Chors tänzerisch immer wieder die Sängerin, die schwarzkapuzt und mit im UV-Licht knallendem Lippenstift freilich mitmacht bei der Choreo, ist ja nicht umsonst ausgebildete Tänzerin, die Cyrena. Die Kulturpreisträger präsentieren im wahrsten Sinne bunt gemischt das Beste aus drei Alben als eine Art Konzerttheater, überraschen mit immer neuen Einfällen, lassen dramatische Geisterwesen sich hinter Leinwand winden, bringen mit Feuertanz einen Hauch Orient ins Fränkische, verwirren das Auge mehrdimensional grell blitzend und versöhnen es gleich wieder, wenn die Dunbar im gleichen Tempo, in dem sie entgegen sonstiger Gepflogenheiten das Outfit wechselt, die Sängerin zur Tänzerin macht und das Alter Ego mit dem Chor stampfend den Rhythmus tanzt. Ah richtig, tanzen. Nach zehn Minuten hat sich die zapplige Spreu vom ruhigen Weizen getrennt und lässt sich nah, ganz nah an der Bühne mitreißen von den treiben Beats, von den schönen Tönen und vom Bad in Luftballons, mit denen das Experiment ein ebenso punktgelandetes Ende findet, wie es begonnen hat. Zugabe? Ist nicht drin bei so viel Taktung, aber dafür erscheint ja vorher aus dem Nichts des Tafelhimmels urplötzlich und silberspacig Chefchoreograph Ingo Schweiger, der akrobatisch am Tau schwingt, bevor zu guter Letzt Cyrena auch noch ein bisschen schweben darf, aber da schwinden dann die Kräfte nach eineinhalb Stunden Performance ohne Pause, während derer das (Steh-)Publikum gerade so richtig warm gelaufen ist. Immer schade, wenn’s abrupt vorbei ist. In diesem Fall: ganz besonders, und man kann nur neidisch auf die Samstagsgäste schielen, denen im Anschluss noch die große Feier beschert ist. Pilotfolge gänzlich geglückt, man darf darauf hoffen, dass derlei Experimente in Serie genommen werden. Sehr gerne. (14.02.2014)
Katharina Wasmeier
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