Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Glosse

Runter vom Sofa - Sommergeruch

Kennt ihr das wenn man in so ein Freundschaftsalbum hineinschreiben muss damit man nach drei Jahren Grundschule endlich einmal weiß wem man da immer Popel an den Rücken schmiert oder später bei so Fragebögen jeglicher Couleur, da steht dann sowas wie „Was ist dein Lieblingsgeruch?“ und dann schreibst du je nach Alter oder halt Erlebnishorizont hinein „Schnitzel“ oder „Jil Sander SUN“ oder „Tankstelle“. Oder es heißt gern auch einmal „Wie riecht für dich der Sommer?“, und dann krakeln die Menschen, die dir sonst auch gern einmal nachdenkliche Sprüche schicken oder sich Carpe diem auf den Steiß hinauf haben tätowieren lassen, mit Glitzergelstift auf die Zeile „Straßen nach dem Regen“ oder „Tiroler Nussöl“ oder „frische Wodkamelone“. Die vielleicht nicht ganz so romantisch angehauchten „aufgeplatzter Teer“ oder „Geschweißel in der U-Bahn“ oder „Grillfleisch“, vielleicht auch „so eine feine Melange aus fermentiertem Fisch und frisch Exkorporiertem“ (vgl. Wöhrder See, der) oder „Vanilleduftbaum“ oder ich weiß auch nicht, was einem da noch alles so einfallen könnte, Wartezimmer oder Umkleide find ich auch gut, generell eh alles was von einer Menschenansammlung verunreinigt worden ist, dazwischen ein Limonenkerzerl. Jedenfalls bei mir ist das so, dass ich schon sakrisch lang nicht mehr irgendwohinein hätt schreiben dürfen, wonach für mich der Sommer riecht, keiner möcht mich also kennenlernen, niemand fragt, und deswegen frag ich mich: „Katharina“, frag ich, „wonach riecht für dich der Sommer?“ und dann hol ich sehr, sehr tief Luft und die blas ich dann in eine große Tröte und hintnach schrei ich laut „NACH LEBKUCHEN, HIMMIHERRGOTTSAKRAMENTPFUIDEIFI!“ Weil das musst du dir einmal vorstellen, lebst du nicht nur in der Stadt die ausschließlich und der ganzen Welt nur wegen dieser Backware geläufig ist, nein, da musst du auch noch akkurat so wohnen, dass unbedingt auch ja jeder einzelne Fabrikschlot, wo du weißt, unten innendrin Wichtelgeschwader und Massenproduktionsstart und Orangeat und Zitronat und Mehl und Zimt und Nelke und Jinglebells und Honig und überhaupt der ganze klebrige Gatsch, jeder einzelne muss auch noch eine Abluft in die Stadt hinaus haben, nicht etwa vielleicht dass man die Abluft unterirdisch legt in die Westvorstadt beispielsweise oder meinetwegen in ein jedes U-Bahn-Tunnel, nein, es bläst mir alles ins Gesicht hinein! Im August!! Und du schnaufst und radelst und werkst und halluzinierst von Meeresbrisen und der Heumaht und ja meine Güte zur Not auch von Jil Sander, aber doch nicht willst du, dass der schlimmste aller Wintergerüche, weil es handelt sich hier eindeutig um einen Winter-Geruch!, mitten im August dir die Atemwege verklebt so dass du lieber in den Wöhrder See hineinatmen würdest als auch nur noch eine Sekunde die Nase aus einem Nordstadtfenster strecken! Papiertüte! Ich brauche eine Papiertüte! Mit Grillfleisch drin!