Nürnberger Dokumentarfilm: Sanktionen in der Süper Lig

von Katharina Wasmeier

Nürnberger Dokumentarfilm: Sanktionen in der Süper Lig

Strafen gegen Fußballfans in Deutschland mehren, härten sich. Knast für Pyro, Kollektivbestrafung für (zweifelsohne dumme) Aktionen Einzelner – deutsche Fans stehen in der Kritik. Die Überlegungen nach adäquaten Sanktionen sind angestrengt. Was aber passieren kann, wenn eben jene Sanktionen mit allzu straffer politischer Hand durchgesetzt werden, zeigt sich derzeit in den Stadien der Süper Lig, also dem türkischen Äquivalent der deutschen Bundesliga. Hier nämlich wird der Ball vor weitestgehend leeren Rängen gekickt, hallen die Rufe der Spieler lauter als die der Fangesänge. „Geisterspiele“ sagt man dazu. Und wieso und warum es soweit kommen konnte, damit will sich das gleichnamige Dokumentarfilmprojekt eines jungen Nürnbergers befassen. Der braucht einen langen Atem – und Unterstützung.

Friedemann Pitschak ist 25 Jahre alt und leidenschaftlicher Fußballgucker. Naz Gündogdu ist ebenfalls 25 Jahre alt, ebenfalls Fußballfan und absolviert ihr Auslandssemester für das Film- und Fotografiestudium in ihrer Heimatstadt Istanbul. Die beiden sind ein Paar. Die beiden haben sich ein Projekt ersonnen: Gemeinsam in der Türkei die Hintergründe dessen zu erforschen, was die dortige Fußballkultur zu zerstören droht. Bei einem ersten gemeinsamen Besuch, erzählt Friedemann Pitschak, haben sie sich getroffen mit Naz Gündogdus alten Freunden aus der Fanszene, Mitgliedern der Gruppe „KizilAslan“. Die haben erzählt. Von ihrer Einstellung zum Fußball, von der Gruppe. Und von verschärften Gesetzen. „Dass es Repressionen gegen politisch unliebsame Gruppe gibt, war in der Türkei schon jahrelang so“, sagt Pitschak. Das jedoch habe unter der AKP-Regierung Erdogans, die eine autoritär-radikale Linie gegen jede auch gemäßigte Gruppe fahre, enorm zugenommen. Das lasse sich belegen durch zahlreiche Gesetze oder Gerichtsverfahren gegen politische Gegner, wie beispielsweise die Verurteilung eines Studenten zu vier Jahren Haft wegen „Beleidigung des Präsidenten“. In ähnlichem Kontext stehe die Anklage der Fangruppe „Carsi“, die sich 2013 an den Gezi-Protesten beteiligt hatte und jetzt wegen Putsches vor Gericht stehe. „Dieser Vorwurf ist an den Haaren herbeigezogen. Selbst in der Anklage wird nicht konkret begründet, was die Gruppe zur Herbeiführung eines Staatsumsturzes getan haben soll.“ Dass die Stadien leer sind und die Fans protestieren, statt ins Stadion zu gehen, lässt sich konkret auf den Paragraphen 6222 „Verhinderung von Gewalt und Unruhe im Sport“, der bereits vor den Protesten diskutiert und 2013 eingeführt wurde, zurückführen. Ab diesem Zeitpunkt wurden politische Parolen in Stadien verboten, „was einen eindeutigen Einschnitt in die Meinungsfreiheit der Bürger darstellt“, zudem würden Fans der 1. und 2. Liga seitdem dazu gezwungen, Tickets zu registrieren. Die sogenannte „Passolig“ beinhalte alle Daten inklusive Fingerabdruck und werde ausschließlich von der „aktifbank“ verkauft – die Präsident Erdogans Schwiegersohn gehöre und die durch die mit der Karte verbundene Kredit- und EC-Kartenfunktion und den anfallenden Gebühren mehrere Millionen türkische Lira pro Jahr an Gewinn einstreiche. „Zusätzlich zu den repressiven Maßnahmen kommt also auch noch ein vetternwirtschaftlicher Effekt, weshalb viele Fans nicht mehr ins Stadion gehen, um gegen die Maßnahmen zu protestieren.“ Die Folge: Die Zuschauerzahlen sind bis dato um 60 Prozent zurückgegangen, die Stadien bieten Geisterspielatmosphäre. Die Vereine selbst hätten das System weitgehend kritiklos übernommen – „friss oder stirb“ laute das Motto. Dass da nicht unbedingt Türen und Tore für Dokumentarfilmer geöffnet werden, liegt auf der Hand. Zwar seien Friedemann Pitschak und Naz Gündogdu mit der landesweiten Fanszene vernetzt, so dass ein möglichst breit gefächertes Bild des Protestes gezeichnet werden könne. Die Gegenseite? Schwierig. „Die Profifußballer, die wir gerne zu Wort kommen lassen würden, weichen spätestens dann zurück, wenn sie hören, dass sie öffentlich vor einer Kamera sprechen sollen.“ Aber das ist ja vielleicht auch schon Aussage genug. Die Dreharbeiten jedenfalls beginnen jetzt – ein Miniteam, Studenten, Ehrenamtliche, das kostet nicht nur Zeit, sondern vor allem Geld. Mit 6000 Euro haben Friedemann Pitschak und seine Partnerin das Budget kalkuliert und hierfür ein Crowdfunding initiiert. Bis einschließlich 12. April kann man unter www.startnext.de/geisterspiel das Projekt finanziell unterstützen. Warum? „Weil ein Blick über den eigenen Tellerrand sowie Inspiration, wie Menschen in anderen Teilen der Welt mit Repression umgehen, nicht schadet.“ Siehe eingangs erwähnte Situation in Deutschland. 

Quelle: Nürnberger Nachrichten
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