Suffragettendeutsch - Leitfaden feministisch Sprachhandeln
Es gab mal eine Zeit, da trug ich den Beinamen „Deutschlands jüngste Emanze“. Ich war mit der Zeitschrift EMMA sozialisiert worden, trug vorzugsweise Klamotten der Farbe Lila und verstand mich als Suffragette der deutschen Sprache, was sich dergestalt äußerte, dass ich sehr konsequent, nachdrücklich und vor allem in Form unqualifizierter, den Unterricht störender Zwischenrufe einforderte, jedes „man“ durch ein „frau“ zu ersetzen. Ich war damals zehn Jahre alt, und das ist jetzt, sagen wir mal so, eine Weile her. Seitdem habe ich mich beruhigt, meine Muttersprache verstanden und sogar studiert und mich nicht nur mit ihren Eigenarten abgefunden, sondern die allermeisten davon auch lieben gelernt. Die Suffragetten-Rüstung fiel im Lauf der Zeit nicht gänzlich, aber doch weitestgehend von mir ab – zumindest, was das zornige Beharren auf der vermeintlich geschlechterfairen Verwendung eines Indefinitpronomens betrifft, das, so lernte ich, im sprachlichen Organismus gewachsen und so gänzlich als vom bösen Männertum abgespalten zu betrachten ist.
Fertig. Das, was von der Suffragette übrig ist, konzentriert sich auf andere Themen als auf solche linguistischer Natur. Ich fand bislang, damit käme ich ganz gut zurecht und bewegte mich einigermaßen sicher auf sprachlichem Parkett. Doch wie sehr kann man sich irren! Ich muss erkennen, dass sich parallel zu meiner nestbeschmutzenden Sprach-Faulheit (für die es übrigens ein Wort gibt: Sprachökonomie) eine Welt entwickelt hat, die mir so fern ist wie sie mich beeindruckt, komme ich doch nicht umhin, mich an mein zehnjähriges Ich erinnert zu fühlen. Das ging mal los mit dem Binnen-I und den „sehr geehrten StudentInnen“, die leuchteten mir noch ein.
Dann war lang Ruhe, in einschlägigen Kreisen wurde ein bisschen gegendert, wie das so heißt, und plötzlich kam die neue Straßenverkehrsordnung. Die hatte sehr viele, sehr sperrige Partizipien im Schlepptau, und eröffnete mir völlig neue sprachliche Möglichkeiten. Muss es jetzt, frug ich mich, statt „Lebensgefährte und Lebensgefährtin“ eigentlich „Lebensgefährdende“ heißen? Bin ich auf der sicheren Seite, wenn ich statt „Mistreiter und Mitstreiterinnen“ vorsichtshalber gleich „MitstreitendInnen“ formuliere? Inmitten dieser schweren Krise, in der ich erwog, am besten mit jedweder Schreiberei vorsichtshalber ganz zu brechen, kam Ritta auf * weißa Ross. S_ier trug Titel „Sprachhandeln – aber wie? W _Ortungen statt Tatenlosigkeit!“, ward geschrieben von „AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin“ und umfasst ein/en achtteilige/n Leitfade/n, d* ein antidiskriminierend* Sprachhandeln ermöglichen soll. In LeitfadEn wird nicht nur allerlei öffentliche_n StellInnen für finanziell_E Unterstütz* gedankt, sondern auch Begrifflichkeit** wie „Ableismus“, „androgendern“ und „cisgendert“ eingeführt sowie anhand eine* Tabell*, die in nahezu aufdringlich_er Ärtin und Weisin an Bingo erinnert, Vorschlagende für „mögliche Substantive, Personal-, Possessiv- sowie Fragepronomen für antidiskriminierende Sprachhandlungen“ bereitgestellt. Wie das funktionieren soll, habe ich wie oben zu sehen bereits gänzlich verinnerlicht. Ein** Vorteilend/e_r davon ist sicher, dass de/rs Lesenden/Innen Auge tendenziell eher von d_en Inhaltas abgelenkt wird. Hat ja manchmal auch ihre*seine Vorurteile. Äh, Vorteile. Zefix!
Zum Nachlesen, Üben und mich korrigieren: feministisch-sprachhandeln.org (Leitfaden)
Katharina Wasmeier
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