Gefährlich sauber - die Risiken des Putzwahns
von Jennifer Gunia
Die Reinigungsbranche in Deutschland boomt. Doch viele Produkte enthalten gefährliche Chemie-Cocktails.
Putzen ist heutzutage mehr, als nur das Zuhause vom lästigen Schmutz zu befreien. "Hyggelig" soll es sein, also gemütlich - eben ein ordentlicher und sauberer Rückzugsort. Dabei hilft eine Vielzahl von Mitteln zum Wischen, Schrubben, Sprühen und Polieren. Durchschnittlich 15 unterschiedliche Reiniger hat laut Verbraucherzentrale jeder Deutsche zuhause. "Viel mehr als nötig", findet Haushaltsberaterin Birgit Vetter. Die selbstständige Hauswirtschaftsmeisterin berät Familien in allen Fragen rund um Putzmittel und Haushaltsführung. "Dabei reichen drei, vier Mittel: Ein Oberflächenmittel, ein Sanitärreiniger, ein Spülmittel und vielleicht noch Zitronensäure."
Duftstoffe können Allergien auslösen
In den meisten Reinigern stecken wahre Chemie-Cocktails: Bis zu 200 Stoffe werden in diesen Mitteln verwendet, so das Umweltbundesamt. Besonders problematisch sind die beigemischten Duftstoffe, sagen Experten, wie die Chemikerin Dr. Silvia Pleschka vom Deutschen Allergie- und Asthmabund. Denn diese können Allergien auslösen. Einen Reinigungseffekt haben sie nicht. Empfindliche Personen reagieren auf Duftstoffe mit Beschwerden wie Atemnot, Schwindel, Hautjucken oder Augentränen. Für Betroffene eine echte Qual, denn Duftstoffe finden sich praktisch überall. Wer duftstofffreie Alternativen sucht, muss die Liste der Inhaltsstoffe sorgfältig studieren. Viele Experten halten insbesondere Sprühreiniger für problematisch. Denn durch den Sprühnebel gelangt der Reiniger nicht nur auf Waschbecken oder WC, sondern wird automatisch auch eingeatmet. Die im Reiniger enthaltenen Chemikalien können so in die Lunge gelangen und das Gewebe schädigen.
Haushaltsberaterin Birgit Vetter will deshalb aufklären. Sie hilft Familien, "richtig" zu putzen. Sie sagt: "In Privathaushalten wird viel zu viel Chemie benutzt." Und oft auch viel zu viele Mittel auf einmal - in viel zu hohen Dosierungen. "Weniger Chemie, dafür ein bisschen mit Köpfchen putzen, das wäre wichtig", sagt sie. So sei es zum Beispiel immer gut, die Dosierhinweise auf der Verpackung zu lesen und ein bisschen Geld in einen guten Putzlappen zu investieren, den man auch waschen kann. Das lohnt sich für Gesundheit, Umwelt und auch fürs Portemonnaie.
Professionelle Reinigungskräfte besonders gefährdet
Über 650.000 professionelle Reinigungskräfte arbeiten in Deutschland. Sie sind durch ihren täglichen Umgang mit den Chemikalien besonders gefährdet. Studien zeigen ein erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankung¬en bei Reinigungskräften. Verursacht besonders durch Sprays, Bleichmittel oder Wachse. Eine Studie der Freien Universität Brüssel zeigt: Die Sterberate von Menschen, die in der Reinigungsbranche arbeiten, ist um bis zu 45 Prozent höher als bei Büroangestellten. Die Gründe dafür sind noch unklar. Die vielen Chemikalien könnten eine Rolle spielen. Eine weitere Vermutung: Falscher Umgang und fehlende Schutzmaßnahmen wie Handschuhe und Atemschutz. Auf der anderen Seite werden die Profi-Reiniger meist im Umgang mit den Mitteln geschult und sensibilisiert. Das passiert im Privathaushalt nicht, sagt Birgit Vetter. "Zuhause, da schaut einfach keiner drauf, und die Leute spritzen und sprühen was das Zeug hält".
Belastung für unsere Klärwerke
Auch für unsere Umwelt sind die Chemikalien ein großes Problem. Jährlich landen nach Zahlen des Umweltbundesamts allein aus Wasch- und Reinigungsmitteln 530.000 Tonnen Chemikalien in unserem Abwasser. Hinzu kommen Kosmetika und vor allem Medikamentenrückstände. Zu viel für viele Kläranlagen, weiß Eva-Maria Frei vom Abwasserverband Langen-Egelsbach-Erzhausen. "Die Kläranlagen, die Mitte der 90er Jahre gebaut wurden, sind für die Stoffe, die über Reinigungsmittel oder auch Medikamentenausscheidungen der Bürger ins Abwasser gelangen, nicht ausgelegt, und können das nicht in der Weise reinigen, wie es notwendig wäre." Letztendlich gelangen die Chemikalien in unser Grundwasser, in Bäche, Flüsse, Meere. Forscher arbeiten zurzeit an neuen Lösungen für die Kläranlagen. Das könnte zum Beispiel eine weitere Reinigungsstufe mit Aktivkohlefilter sein. Wissenschaftler Thomas Fundneider von der Technischen Universität Darmstadt ist sich aber sicher: "Das wird nicht alle unsere Probleme lösen, wir müssen unseren Konsum einschränken." Die Kläranlagen allein können es nicht richten, es muss ein Umdenken bei Verbrauchern, Herstellern und Politik stattfinden. "planet e" untersucht, welchen Risiken sich die deutschen Verbraucher beim Putzen aussetzen und wie man sich und die Umwelt schützen kann.
Interview mit Prof. Michael Braungart, Leuphana Universität Lüneburg
Wie sollte man sich als Verbraucher verhalten? Sollte man Desinfektionsmittel verwenden? Warum wird das Thema "Gefahren in Putzmitteln" unterschät... Was müsste sich ändern? Kann man noch mit gutem Gewissen putzen? Tipps zu gesundheits- und umweltschonender ReinigungWenige Putzmittel reichen, um das Haus sauber zu halten:
Oberflächenreiniger Sanitärreiniger Spülmittel ZitronensäureDosierungsangaben beachten, denn mit der richtigen Dosierung schont man Gesundheit, Umwelt und den Geldbeutel. Keine Sprühreiniger verwenden, denn die beim Sprühen entstehenden Aerosole werden besonders leicht eingeatmet und können die Lunge schädigen. Desinfektionsmittel meiden, denn viele Experten raten vom Gebrauch der Mittel im Haushalt ab, da sie nicht nur die schädlichen Keime abtöten, sondern auch den nützlichen Bakterien auf unserer Haut schaden. Außerdem stärkt ein gewisses Maß an Haushalts-Keimen unser Immunsystem. Duftstofffreie Putzmittel nutzen, denn Duftstoffe können Allergien auslösen. Immer mit Wasser nachspülen, damit Chemikalienreste entfernt werden. Gute mechanische Hilfsmittel verwenden: waschbare Lappen, Spülbürsten, und Metallschwämme helfen, den Schmutz auch mit wenig Reinigungsmittel zu entfernen.
Lappen regelmäßig reinigen und nach trocknen lassen, damit sich dort keine Bakterien ansiedeln können. Schwämme sind weniger empfehlenswert, da im Inneren eines Schwamms leichter Bakterien wachsen können, als auf einem dünneren Lappen. Weitere Tipps: Umweltbundesamt: FrühjahrsputzBildquelle: dpa
Putzmittel selbst herstellen Diese Inhaltsstoffe braucht ein Putzmittel: Fettlöser Kalklöser FeuchtigkeitAls Kalklöser kann man verdünnte Essigessenz, Tafelessig oder Zitronensäure verwenden. Als Fettlöser eignet sich Natron. Essigreiniger: Essig mit Wasser im Verhältnis 1:1 mischen. Weitere Tipps und Anleitungen finden Sie hier: Backpulver statt RohrreinigerNatürliche HausmittelPutzmittel selber machen
Problematische InhaltsstoffeAerosole Bei der Anwendung von Sprühreinigern entstehen sogenannte Aerosole, das heißt ein Gemisch aus den Inhaltsstoffen der Reiniger und der Luft. In Form solcher Aerosole können Chemikalien aus den Reinigern eingeatmet werden und die Lunge schädigen. Wenn möglich, sollte man deshalb auf Sprühreiniger ganz verzichten. Wer sie trotzdem verwenden will, kann die Gesundheitsgefahr verringern, indem auf den Lappen gesprüht wird und nicht auf die Oberfläche, die man reinigen will. Duftstoffe Duftstoffe können Allergien und Unverträglichkeiten auslösen Bis zu 3000 verschiedene Duftstoffe werden von der Industrie eingesetzt Kennzeichnung stark allergieauslösender Stoffe Wasch- und Reinigungsmittel fallen seit 2005 unter die EU-Detergenzienverordnung. Danach sind den Erzeugnissen beigefügte Duftstoffe als solche kenntlich zu machen. Bei den 26 als besonders häufig Allergie auslösend eingestuften Duftstoffen sind ab einer Konzentration von 0,01 Prozent die Namen anzugeben. Importierte duftstoffhaltige Waren aus Staaten außerhalb der EU unterliegen bei der Produktion den Bestimmungen des Herkunftslandes, wo die gesundheitlichen und ökologischen Anforderungen oft geringer sind. Eine nachträgliche Untersuchung dieser Waren ist schwierig. Weitere Informationen zu rechtlichen Regelungen für Wasch- und Reinigungsmittel finden Sie auf den Seiten des Umweltbundesamtes. Informationen zu Inhaltsstoffen von Putzmitteln können Sie in dieser Datenbank abrufen: GISCODE - Das Gefahrstoff-Informationsystem der BG BAU
Weiterführende LinksInterview mit Bernd Glassl, Industrieverband Körperpflege und Waschmittel
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Seit Oktober 2013 bin ich freie Autorin/TV-Redakteurin und realisiere Beiträge und Reportagen überwiegend für öffentlich-rechtliche TV-Sender. Davor war ich dreieinhalb Jahre Volontärin und angestellte Redakteurin bei Kamera Zwei Film- und Fernsehproduktion und habe Reportagen und Magazinbeiträge realisiert.
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