Notfall Kinderklinik
von Jennifer Gunia
Pflegekräftemangel: Deutschlands Kinderkliniken droht der Kollaps. 37 Grad begleitet Pflegerinnen am Rande der Belastungsgrenze.
Vollzeitstellen unbesetzt
Auf der neonatologischen Intensivstation der Medizinischen Hochschule in Hannover liegen die kleinsten Patientinnen und Patienten - und die kränksten. Martina ist Pflegerin auf der Früh- und Neugeborenenstation. An diesem Tag betreut sie den kleinen Raman. Er ist zu früh geboren, hat Probleme mit der Lunge und eine Hirnblutung. Ein so schwer krankes Kind wie er sollte eigentlich immer eine sogenannte Eins-zu-eins-Betreuung bekommen. Das heißt: eine Pflegekraft nur für dieses Kind. Doch immer häufiger ist das nicht mehr zu realisieren, es sind einfach zu wenig Pflegerinnen und Pfleger pro Schicht. Es gibt 24 Betten auf der Neonatologie, doch gut ein Drittel davon ist leer - es gibt kein Personal, das die Patientinnen und Patienten versorgen könnte. Auf der Neonatologie sind zurzeit 16 Vollzeitstellen unbesetzt. So steht die Station immer wieder vor der Wahl: die Pflegekräfte mit zu vielen Kindern überlasten oder kranke Kinder abweisen.
100.000 Pflegekräfte fehlen
So wie in der Medizinischen Hochschule Hannover ist die Lage in den meisten Kliniken in Deutschland. Pflegeexpertinnen und -experten schätzen, dass schon jetzt circa 100.000 Pflegekräfte an deutschen Krankenhäusern fehlen. Der Grund: Schichtdienst, zu schlechte Bezahlung, zu wenig Wertschätzung. Kinderkliniken sind noch mal besonders betroffen, denn Kindermedizin ist schlichtweg weniger lukrativ als andere Bereiche. Bezahlt wird eine Fallpauschale, also ein Durchschnittswert aller "Fälle", in dem Diagnostik, Behandlung und Pflege enthalten ist. Doch Kinder zu behandeln, braucht mehr Zeit, Aufmerksamkeit, Ansprache und Zuspruch. Auch sind ihre Fälle vielfältiger und daher schwieriger standardisiert abzubilden. Die Notfallquote ist höher als bei Erwachsenen. Zudem ist seit einigen Jahren die Pflegeausbildung generalisiert, dadurch entscheiden sich weniger Pflegende für die Kindermedizin, meint Chefarzt Dr. Omran vom Uniklinikum Münster.
Auch hier, in der Kinderklinik am Universitätsklinikum Münster, ist die Lage angespannt. Jede Frühbesprechung beginnt mit den Fragen: "Wo ist ein Bett frei, wen können wir entlassen oder verlegen, können wir heute ein Kind aufnehmen, wenn eine Anfrage kommt?" Auch hier ist das fehlende Pflegepersonal der begrenzende Faktor. Franziska arbeitet auf der "Intermediate Care Station", eine Zwischenstufe zwischen Intensiv- und Normalstation. Dort liegen viele chronisch kranke Kinder, aber auch akute Notfälle. 16 Betten haben sie theoretisch, meistens können sie gerade einmal neun davon belegen. Erschwert wird die Lage im Winter 2022/23 durch RSV und andere Viruserkrankungen, mehr Kinder als gewöhnlich bräuchten einen Platz, die Isolierungsmaßnahmen kosten zusätzlich Zeit. Milow ist mit seinem Vater zu einem geplanten Eingriff dort, sie müssen allerdings erst einmal auf dem Flur warten, bis ein anderes Kind verlegt werden kann und ein Platz für sie frei wird. Enno hat diesmal Glück gehabt, er hat direkt ein Bett bekommen. Er hat das Kabuki-Syndrom, einen seltenen Gendefekt. Deshalb muss er regelmäßig in die Klinik. "Das macht einem schon Angst, ob die Versorgung auch in Zukunft noch gewährleistet ist", sagt Ennos Mutter Esther.
Sechs Tage Arbeit am Stück
Der ständige Druck und der ständige Zeitmangel machen sich auch bei Franziska bemerkbar. "Manchmal hat man schon sechs Tage durchgearbeitet, und dann kommt am freien Tag der Anruf, ob man nicht doch einspringen könnte, manchmal sogar für mehrere Schichten am gleichen Tag. Da fragt man sich schon, wie soll das funktionieren?" 37 Grad begleitet Pflegekräfte in Hannover und Münster durch ihre stressigen Schichten am Rande der Belastbarkeit. Der Film zeigt die schönen und traurigen Momente im Alltag in zwei der größten Kinderkliniken des Landes. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sehen Pflegekräfte unter Druck, für die der Beruf trotzdem immer noch eine wirkliche Berufung ist.
Autorin Jennifer Gunia über ihren Film
Lage hat sich zugespitztVor einigen Jahren - noch vor der Corona-Pandemie - las ich ein Interview mit einem Chefarzt einer großen deutschen Kinderintensivstation. Er warnte eindringlich vor dem akuten Personalmangel und wagte sogar die Prognose, dass es soweit kommen könnte, dass in Zukunft Kinder vielleicht nicht mehr adäquat versorgt werden können. Damals schien mir das kaum vorstellbar, in einem Land wie Deutschland. Jetzt, ein paar Jahre und eine weltweite Pandemie später, hat sich die Situation dramatisch zugespitzt - so wie der Arzt und auch viele andere Experten schon länger gewarnt haben.
Einsparungen rächen sichVor allem der demografische Wandel führt zu Fachkräftemangel in vielen Branchen. In der Pflege kommt der Schichtdienst, fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und nicht mehr als „okaye" Bezahlung hinzu. Kinderkliniken sind besonders betroffen. Durch das Finanzierungssystem über Fallpauschalen sind Kinderstationen weniger lukrativ für Kliniken, denn Kinder haben oft komplexere Diagnosen, brauchen mehr und intensivere Betreuung, außerdem ist die Notfallquote höher als bei Erwachsenen. Deshalb wurde in den letzen Jahren vor allem auf Kinderstationen massiv Personal eingespart. Das rächt sich, wenn zum Beispiel wie in diesem Winter, mehrere gleichzeitige Viruswellen kommen und die Patientenzahlen steigen.
Bewunderung für PflegekräfteDamit wir uns richtig verstehen - noch kann man davon ausgehen, dass jeder Notfall auch behandelt wird. Eine Triage findet nicht statt. Das ist aber vor allem dem bedingungslosen Einsatz von Pflegerinnen und Pflegern, Ärztinnen und Ärzten zu verdanken, die Überstunden schieben, an freien Tagen einspringen, ihre Station überbelegen und viele Stunden am Telefon verbringen, um freie Betten aufzutreiben. Nur weil auch die Vernetzung der Kliniken untereinander gut funktioniert, ist das System noch nicht komplett zusammengebrochen, so mein Eindruck nach den Dreharbeiten. Meine absolute Bewunderung gilt Martina, Franziska und all ihren Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag und in jeder Schicht alles geben und überall versuchen, die Löcher zu stopfen. Hier muss sich dringend etwas ändern. Die Bundesregierung hat umfassende Reformen angekündigt. Hoffentlich kommen die noch rechtzeitig und mit der Wucht die es benötigt, um unsere Kliniken vor dem Kollaps zu retten und die Versorgung der Kinder zu sichern.
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Seit Oktober 2013 bin ich freie Autorin/TV-Redakteurin und realisiere Beiträge und Reportagen überwiegend für öffentlich-rechtliche TV-Sender. Davor war ich dreieinhalb Jahre Volontärin und angestellte Redakteurin bei Kamera Zwei Film- und Fernsehproduktion und habe Reportagen und Magazinbeiträge realisiert.
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