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Integration in Kressbronn: Gitti Gaksch leitet seit fünf Jahren die Gruppe „ein Herz für Flüchtlinge"

„Inzwischen fühle ich mich hier angekommen“, sagt Gitti Gaksch. Bevor sie vor zehn Jahren nach Kressbronn zog, hat es sie nie lange an einem Ort gehalten. (Foto: Vivien Götz)

Gitti Gaksch engagiert sich in Kressbronn für die Integration von Geflüchteten. Sie kennt das Gefühl, neu in einem Land zu sein, ohne dessen Sprache sprechen zu können.


Ehrenamtliche Helfer bleiben meistens im Hintergrund. Deshalb stellt die „Schwäbische Zeitung“ derzeit immer wieder Menschen vor, die sich in Kressbronn für die Allgemeinheit engagieren. Für den siebten Teil dieser Serie haben wir mit Gitti Gaksch gesprochen, die in Kressbronn die Gruppe „Ein Herz für Flüchtlinge“ gegründet hat.

Das Flüchtlingsheim in der Argenstraße ist Gitti Gaksch schon aufgefallen, als sie selbst noch gar nicht in Kressbronn gewohnt hat. Jedes Mal, wenn sie bei einer Freundin zu Besuch war, kam sie daran vorbei, und die Frage, wer sich eigentlich um die Menschen dort kümmert, hat sie nicht mehr losgelassen. „Aber damals habe ich noch in Herrenberg gewohnt und war voll berufstätig – ich hatte keine Zeit, mich zu kümmern“, erinnert sie sich. Als sie dann in Rente ging und 2009 nach Kressbronn zog, stand für Gitti Gaksch fest: „Jetzt muss ich was machen – die Frage war nur noch wie.“

Im Bürgerforum stieß die Kressbronnerin auf Skepsis, aber auch auf Gleichgesinnte. Etwa sieben bis acht Personen seien sie am Anfang gewesen, und dann immer mehr geworden. Gaksch gab ihren Posten als Geschäftsführerin des Bürgerforums auf und 2014 gründete sich „Ein Herz für Flüchtlinge“ als ehrenamtliche Helfergruppe.

Zwei Jahre später wurden die Auswirkungen der Flüchtlingskrise dann auch in Kressbronn richtig spürbar: Das Heim reichte schon längst nicht mehr aus und wie in vielen anderen Orten auch wurde die örtliche Turnhalle zur Massenunterkunft umfunktioniert. „Das war dann alles schon ganz schön viel“, erinnert sich Gaksch. Die Hilfsbereitschaft sei massiv gestiegen und plötzlich hätten sie mehr als 70 Helfer zu koordinieren gehabt. Es folgten anderthalb „sehr intensive“ Jahre, in denen „Ein Herz für Flüchtlinge“ zusammen mit Sozialarbeitern, anderen Ehrenamtlichen und dem DRK den Geflüchteten stets zur Seite stand.

Gitti Gakschs Mitgefühl mit den Menschen, die in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen und dessen Kultur ihnen fremd ist, ankommen müssen, hängt wohl auch mit ihrer eigenen Biografie zusammen: Mehr als 30 Mal ist sie schon umgezogen, hat im Norden Schwedens, in Kalifornien, in Wien und in Stuttgart gewohnt.


Nach Lappland – ohne Schwedisch

„Ich hatte so den Drang, weg zu wollen“, erinnert sich die 72-Jährige an die Anfänge ihres unsteten Lebens. Nach ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin verschickte Gitti Gaksch handgeschriebene Bewerbungen an Kliniken und Rehazentren in ganz Europa. Von ihrer ersten Wahl, Italien, waren ihre Eltern nicht begeistert und so ging sie schließlich nach Schweden, genauer nach Lappland – ohne ein einziges Wort Schwedisch zu sprechen: „Das war, wenn ich jetzt so zurückschaue, ein ganz schön mutiger Schritt“, sagt sie lächelnd.

„Ich war immer froh, wenn ich irgendwo nett aufgenommen wurde“, erinnert sie sich. Die herzliche Aufnahme der Flüchtlinge in Kressbronn hätte sicher einen entscheidenden Teil zur erfolgreichen Integration beigetragen: „Ich kann mich nicht erinnern, dass es wirklich ernsthafte Probleme gegeben hat. Auch aus der Gemeinde haben wir durchweg positive Rückmeldungen für unsere Arbeit bekommen“, sagt die Kressbronnerin.

Inzwischen hat sich der Umfang der Arbeit stark verkleinert. Das Sprachcafé und die Sprachkurse für Frauen wurden Anfang des Jahres eingestellt. „Die Menschen sind inzwischen angekommen, haben ihr eigenes Leben, schulpflichtige Kinder und eine Arbeit – das Angebot war einfach nicht mehr nötig.“

Statt des Sprachcafés gibt es inzwischen aber jeden Freitag ein Nachhilfeangebot. Ehrenamtliche und bezahlte Nachhilfelehrer betreuen rund 15 Kinder in den Räumlichkeiten des Kapellenhofes. Die Nachhilfe könnten viele Eltern nicht leisten – entweder, weil sie arbeiten, eine Arbeit suchen oder noch Sprachschwierigkeiten hätten, so Gaksch. Mit der Nachhilfe und der individuellen Betreuung wird es also weitergehen, auch wenn es „Ein Herz für Flüchtlinge“ offiziell nicht mehr gibt. „Aus diesem Engagement haben sich natürlich auch Freundschaften entwickelt. Wenn man die Menschen und ihre Schicksale kennt, kann man das einfach nicht mehr so von sich fernhalten. Und das hört ja nicht plötzlich auf, nur weil der offizielle Rahmen nicht mehr da ist“, sagt Gitti Gaksch.


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