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James Joyce: Lasst ihn ruhen

Er hatte sich von Irland losgesagt, das Exil gewählt - und wurde in Zürich begraben. Dubliner Stadträte wollen die Überreste von Joyce trotzdem zum 100. Jubiläum des "Ulysses" im Jahr 2022 nach Irland holen. Das gefällt nicht allen.


Ob er eigentlich begreife, was Irland sei, fragt Stephen Dedalus in James Joyce' autobiografischem "Porträt des Künstlers als junger Mann" seinen patriotischen Freund. Und belehrt ihn dann abfällig: "Irland ist die Sau, die ihre Ferkel frisst." Joyce hatte sich schon früh vom irischen Nationalismus und der katholischen Kirche losgesagt und das Exil gewählt. Nach seinem Tod 1941 wurde er auf dem Friedhof Fluntern in Zürich beigesetzt.


Zwei Dubliner Stadträte wollen seine Überreste nun nach Irland holen, rechtzeitig zum 100. Jubiläum der Publikation des "Ulysses" im Jahr 2022. "Das Exil war ein Schlüsselelement seines Schreibens", sagte Paddy McCartan, einer der Antragsteller, in einem Radiointerview. "Aber ihn für alle Ewigkeit dort zu lassen? Ich glaube nicht, dass das Teil des Plans war."


Allerdings gibt es auch keine Beweise für Gegenteiliges. Der Dichter und Joyce-Biograf Ian Pindar erinnert daran, dass die Beziehung zwischen Joyce und Irland zum Zeitpunkt seines Todes auf dem Tiefstand war: "Am Tag seiner Beerdigung hielten sich in der Schweiz zwei irische Diplomaten auf. Keiner von beiden machte sich die Mühe, dort aufzukreuzen. Das Dublin, das Joyce so liebte, befand sich da ohnehin schon im Verschwinden. Joyce war ein großer Europafreund. Ich würde sagen: Lasst ihn ruhen."


Schon 1948 wurden die vermeintlichen Gebeine des einstigen Joyce-Förderers William Butler Yeats aus Frankreich nach Irland geholt. Später stellte sich jedoch heraus, dass man aller Wahrscheinlichkeit nach den Falschen exhumiert hatte.


18. Oktober 2019.

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