Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Interview

Wir schaffen es, weil wir keine andere Wahl haben

Bulletin, 1/2020 –
Die Schwestern Isabel (16) und Melati Wijsen (18) waren zehn und zwölf Jahre alt, als sie 2013 auf ihrer Heimatinsel Bali die Initiative Bye Bye Plastic Bags (BBPB) gründeten. Unter anderem organisierten sie die bisher grösste Strandsäuberung der Insel mit mehr als 13.000 Freiwilligen. Dank ihrer jahrelangen Kampagne hat die balinesische Regierung 2019 den Gebrauch von Einwegplastik verboten. BBPB ist inzwischen weltweit an rund 40 Orten aktiv und «Forbes» hat die Schwestern auf die Liste der «zehn inspirierendsten Frauen» gesetzt.

Viele Menschen fühlen Angst, Verzweiflung oder Wut angesichts des Klimawandels. Was war euer Antrieb, etwas dagegen zu unternehmen?

Isabel: Genau diese Gefühle! Manchmal ist das lähmend. Aber es motiviert auch, selbst eine Zukunft zu gestalten, auf die wir stolz sein können. 2013 haben wir in der Schule über einflussreiche Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi und Nelson Mandela gesprochen – Menschen, die die Welt verändert haben. Wir haben uns gefragt, was wir als Kinder auf Bali tun könnten, um etwas zu verändern.

Melati: Um uns herum war überall Plastikmüll – auf den Reisfeldern, in den Flüssen, am Strand. Auf unserer Insel lagen die negativen Auswirkungen direkt vor unseren Augen. Das Problem war für uns also dringlicher und sichtbarer als für jemanden, der in Nordamerika aufwächst. Wir wollten nicht warten, bis wir alt sind. Ein Verbot von Plastiktüten als erstes Ziel schien uns machbar.

Indonesien gilt als zweitgrösster Plastikverschmutzer der Weltmeere. Wie konnte es so weit kommen?

Isabel: Früher haben die Menschen ihr Essen in Bananenblätter eingewickelt, die man nach Gebrauch einfach wegwerfen konnte. Diese Gewohnheit hat sich mit der Einführung von Plastikverpackungen
nicht geändert. Eine staatliche Müllabfuhr gibt es nicht. Die Leute entsorgen ihren Abfall, indem sie ihn vergraben, verbrennen oder in die Flüsse werfen. Und in Indonesien leben über 260 Millionen Menschen.

Wie habt ihr eure erste Kampagne gestartet?

Melati: Wir hatten keine Strategie, keinen Businessplan – nur unsere Leidenschaft. Zunächst haben wir Schulen besucht und Workshops mit lokalen Gruppen organisiert. Wir waren noch sehr jung, aber
trotzdem haben wir schnell verstanden, dass alle Ebenen der Gesellschaft mitarbeiten müssen, um etwas zu erreichen – vor allem die Regierung. Also haben wir angefangen, Briefe zu schreiben, Leute
anzurufen, an Türen zu klopfen. Unser Ziel war es, den Gouverneur von Bali persönlich zu treffen.

Und wie hat die Regierung auf euer Anliegen reagiert?

Melati: Zuerst gar nicht. Bis wir in einen Hungerstreik getreten sind. Das war die entscheidende Wende: Innerhalb von 48 Stunden bekamen wir den gewünschten Termin beim damaligen Gouverneur. Sein
jetziger Nachfolger hat das Plastikverbot dann sogar in seinen Wahlkampf aufgenommen. Es war wirklich cool zu sehen, wie unser Anliegen auf einmal eine grosse politische Plattform bekam.

In Indonesien ist es nicht üblich, Kritik zu äussern, gerade gegenüber älteren oder höherstehenden Personen. Wie schwierig war es für euch, als Teenager politisch aktiv zu werden?

Melati: Schwierig, denn wir mussten den Status quo infrage stellen. Und dass wir Mädchen waren, hat uns definitiv nie geholfen: Wir wurden ganz anders empfangen als Jungen, mussten uns viel mehr beweisen, viel härter arbeiten. Das Schwierigste war, über lange Zeit beharrlich zu bleiben. Dass es sechs Jahre dauern würde, hätten wir uns nie vorstellen können.

Wer hat euch bei euren Aktionen unterstützt?

Isabel: Unsere Eltern haben sich all unsere verrückten Vorschläge angehört und uns geholfen, wo es ging. Aber auch unsere Schule, die Green School Bali, hat uns sehr unterstützt – es ist eine gut vernetzte, internationale Privatschule mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit. Ein grosses Ziel habt ihr erreicht: Seit 2019 dürfen Händler und Gastronomen auf Bali kein Einwegplastik mehr verwenden.

Wie gut funktioniert die Umsetzung?

Melati: Erstaunlich gut! Ein grosser Teil benutzt tatsächlich keine Plastikverpackungen mehr. Unser Team führt regelmässig «Plastikpatrouillen» durch, um zu überprüfen, wo noch Einwegplastik benutzt
wird, und nachzufragen, warum. Kleine Händler wissen oft nicht, was sie sonst benutzen sollen – ihnen machen wir dann Vorschläge. Strohhalme haben wir in den letzten Monaten fast gar nicht mehr entdeckt. Zudem haben wir das «Mountain Mamas»-Projekt lanciert. Frauen aus der Region Tabanan nähen alternative Stofftaschen aus gespendeter Kleidung und alten Laken oder Tischwäsche, die wir von Hotels erhalten.

Inzwischen gibt es Ableger von Bye Bye Plastic Bags auf der ganzen Welt. Wie ist dieses Netzwerk entstanden?

Melati: Unser Modell kann ganz einfach kopiert werden. Junge Leute von allen Kontinenten fragen bei uns an, ob sie mitmachen können. Dann bekommen sie von uns ein Handbuch und ein Starterkit – den Rest müssen sie selbst machen.Wir erhalten jeden Tag drei bis vier solcher Anfragen. Insgesamt wurden wir schon mehrere Hundert Mal kontaktiert, aus aller Welt, aber meistens aus Asien.

Ihr habt schon vor der Uno, dem IWF und der EU gesprochen. «Forbes» hat Euch auf die LIste der «zehn inspirierendsten Frauen» gesetzt. Wie geht ihr mit diesem Ruhm um?

Isabel: Das erste Mal auf einer internationalen Bühne zu sprechen, war noch sehr aufregend. Der Ruhm danach kam so natürlich, dass wir nie gross darüber nachgedacht haben. Inzwischen geniesse ich es, meine Stimme für eine wichtige Sache einzusetzen. Wir mussten aber lernen, Balance zu halten: Zeit mit der Familie und unseren Freunden zu verbringen – oder einfach mal Zeit für uns selbst zu nehmen.

Wie wichtig sind die sozialen Medien, um junge Leute zu mobilisieren?

Isabel: Unglaublich wichtig, wir sind da permanent aktiv und haben schon über 50.000 Follower auf Instagram. In unserer Arbeit haben wir gelernt, was soziale Medien bewirken und wie sie effektiv für
soziale Zwecke eingesetzt werden können. Es ist unglaublich – mit einem Klick erreicht man ein Riesenpublikum.

Seht ihr euch als Teil einer globalen Jugendbewegung gegen den Klimawandel?

Melati: Ja, wir sehen uns gern als Teil des grossen internationalen Netzwerks. Wir beteiligen uns zum Beispiel an den weltweit koordinierten Freitagsmärschen. Der Mobilisierungsgrad junger Indonesier ist höher als irgendwo anders auf der Welt. Und besonders stolz macht uns, dass unser Netzwerk zu 80 Prozent aus Frauen besteht: junge Mädchen, die Führungsrollen übernehmen. Und wir haben noch viele Pläne – ein Plastikverbot für ganz Indonesien zum Beispiel.

Die jugendlichen Klimaaktivisten werden bisweilen stark hinterfragt. Ihre Kritiker argumentieren unter anderem, dass sie von Erwachsenen instrumentalisiert würden. Seht ihr euch mit ähnlicher Kritik konfrontiert?

Melat:i Ja, aber nicht in derselben Schärfe wie Greta Thunberg. Jeder, der behauptet, wir seien von Erwachsenen gesteuert, soll einfach mal eine Woche lang mit uns mitkommen und sehen, wie wir arbeiten. Es ist unsere Generation, die den Klimawandel erleben wird – daher sind wir es, die die Erwachsenen wachrütteln. Aber sie müssen ebenfalls handeln.

Glaubt ihr, dass wir es noch schaffen können, den Klimawandel einzudämmen?

Isabel: Ich denke, wir werden es schaffen, weil wir keine andere Wahl haben. Ich glaube, dass sich die Handlungen Einzelner summieren können. Aber es muss sich jeder Einzelne stärker engagieren,
damit wir kollektiven Druck auf unsere Regierungen ausüben können. Wir werden nur Erfolg haben, wenn alle Ebenen von Gesellschaft und Bildung mitarbeiten: Die Themen Umwelt und Klima sollten in der Schule unterrichtet werden.

Erschienen im Bulletin Credit Suisse 1/2020
Foto: Courtesy of Bye Bye Plastic Bags