Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Reportage

Hinter dem Rücken von Mister Thong

Merian 4/2007

“Das ist das Hochland!“ brüllt Thong über die Schulter nach hinten zu mir, als wir den letzten Pass erklimmen. Wir brausen auf dem Motorrad über die endlosen Serpentinen des Ho Chi Minh Highway. Dichte Wälder aus Bambus und Kletterpflanzen rauschen an uns vorbei; die Sonne lässt den Fluss neben uns wie eine silberne Schlange glitzern. Ich halte mein Gesicht in den Wind und habe schon fast vergessen, dass wir noch vor ein paar Stunden in einem ganz anderen Vietnam waren.

In einem Reisebüro in Hoi An an der Küste waren wir auf ein Poster der Easy Rider gestoßen – Reiseführer auf Motorrädern, die Touren ins Hochland anbieten. “Ein Abenteuer abseits der Massen” versprach der handgeschriebene Aushang. Das war es, was mein Mann und ich suchten: Wir wollten Vietnam entdecken, ohne die herausgeputzten Touristenorte am Highway No.1 abfahren zu müssen.

“Das Hochland ist anders“, erklärte uns Do Van Thong, der gleich nach unserem Anruf auf seiner taiwanischen Maschine vom Typ „Sun“ angedüst kam. “Alles ist extremer. Viel echter. Erst wenn ihr dort oben gewesen seid, könnt ihr Vietnam wirklich verstehen.“ Sofort zückte er die wichtigste PR-Waffe jedes Easy Riders: sein “Guest Book”. Australier, Engländer, Deutsche und Schweizer beschreiben darin überschwänglich ihre Erlebnisse mit “Mister Thong”. Wir buchten also eine Fünf-Tages-Tour mit zwei Fahrern, von Hoi An nach Nha Trang.

1. Tag

Am Morgen der Abfahrt stellt uns Thong seinen Freund Vinh vor. Vinh spricht weder Englisch, noch ist er ein Easy Rider: Er fährt ein indonesisches Moped und betreibt eigentlich ein Café. “Hochsaison” entschuldigt sich Thong, “meine Kollegen sind alle ausgebucht.” Vinh grinst uns aufgeregt an und macht mit Händen und Füßen klar, dass wir seinem Moped ruhig vertrauen können. In Sekundenschnelle türmen sich unsere Rucksäcke in Plastik verschnürt auf den Maschinen.

Anfangs bin ich noch verkrampft, scheue mich, Thong – immerhin ein Familienvater von 38 Jahren – um die Hüfte zu fassen, wenn wir uns in die Kurve legen. Als wir zwei Stunden später über die weite Ebene des Vu-Gia-Flusses fahren und die dunstverhangenen Berge näher rücken, habe ich auch ohne Umarmungen eine entspannte Position gefunden. Und ich habe es geschafft, den Helm endlich so einzustellen, dass er mir nicht mehr bei jedem Schlagloch über die Augen rutscht.

Durch endlose Ananasplantagen windet sich die Straße immer höher, bis Thong an einer unspektakulären Kreuzung stoppt. “Das ist der Ho-Chi-Minh-Pfad”, sagt er und zeigt auf die Betontrasse vor uns. Ich bin enttäuscht. Vor uns erstrecken sich weder wacklige Bambusbrücken noch geheimnisvolle Dschungelwege: Der legendäre Versorgungspfad der Vietcong wird seit 2001 zum Highway ausgebaut, auf dem eine Panzerkompanie zu den Landesgrenzen rollen könnte.

Kurz darauf bekomme ich dann aber doch eine Hängebrücke zu Gesicht. Und zu spüren: Auf schwankenden Holzplanken, die an dicken Drähten hängen, überqueren wir eine 30 Meter tiefe Schlucht. Während mir beim Darüberlaufen schon mulmig ist, knattern die Einheimischen unbekümmert auf ihren Mopeds hin und her. Die Brücke ist der einzige Weg zum Dorf der Co-tu auf der anderen Seite.

Die Co-tu sind eine der vielen ethnischen Minderheiten im zentralen Hochland. Weil manche ihrer Angehörigen im Krieg mit den Amerikanern zusammenarbeiteten, wurden die von der Regierung vernachlässigt. Noch 2001 rebellierten die Montagnards, wie die französischen Kolonialherren die Bergvölker nannten, gegen den Ausverkauf ihres Landes. Ausländern war der Zugang in ihre Region versagt. Erst seit wenigen Jahren bemüht sich Hanoi um sie: Der Highway wird ausgebaut, die Dörfer bekommen Elektrizität. Dennoch leben die Menschen hier oben extrem bescheiden. Die Co-tu, ein Volk, das eigentlich vom Wanderfeldbau lebt, erhalten neuerdings Baumaterial, damit sie Häuser bauen und sesshaft werden.

Zwei Frauen winken uns zu sich. Mit einer ganzen Kinderschar hocken sie vor ihrer nagelneuen Holzhütte. Im Eingang brennen Räucherstäbchen vor einem Foto des Familienvaters, daneben das von Ho Chi Minh. Der einzige Raum dahinter dient der gesamten Großfamilie als Wohn- und Schlafzimmer. Wir lächeln uns an, doch es fehlen die Worte. Die offensichtlich dringendste Frage aber kann ich mit Gesten beantworten: “Nein, ich habe noch kein Kinder.” Die Frauen schütteln mitleidig den Kopf angesichts eines solch bedauernswerten Lebens.

Wir brausen weiter durch üppige Wälder am Dakmi-Fluss entlang, der sich gen Süden windet. Immer wieder stoppt Thong an kleinen Wässerfällen, führt uns zu weiteren abenteuerlich schaukelnden Hängebrücken. Menschen sehen wir kaum, dafür Kühe, Hunde, Hühner, die unvermittelt vor uns über die Straße rennen. Bei Thongs Ausweichmanövern bleibt mir jedes Mal fast das Herz stehen.

Plötzlich ist das zweite Moped verschwunden – berauscht von Wind und Natur haben wir die Rufe der anderen überhört. Ich werde nervös, langsam fahren wir Kurve um Kurve zurück: eine Reifenpanne! Thong packt sein Werkzeug aus. Es folgt ein mehrsprachiger Streit über Sinn und Unsinn von Mopeds auf Bergtouren. Mit notdürftig geflicktem Untersatz tuckert Vinh kleinlaut ins nächste Dorf und wechselt seinen Reifen.

Dann holt uns der Regen ein. Eingehüllt in Plastikmäntel verschwinden wir fast im düsteren, dichten Nebel. Als wir dann um den dritten Erdrutsch herumschliddern, fange ich an zu beten, dass uns nicht ausgerechnet hier eine weitere Panne passiert. Ich werde erhört: Es klart auf, und vor uns liegt der kleine Ort Dak Glei.

Müde und durchgefroren erwarte ich ein schlichtes Matratzenlager. Doch Thong präsentiert uns ein sauberes Zimmer mit heißer Dusche und Satellitenfernsehen: Wie jeder Easy Rider hat er überall seine Stammquartiere. Als ich den Fernseher anstelle und genussvoll heißes Wasser über meine steifen Glieder laufen lasse, merke ich, dass “Deutsche Welle” nicht ins vietnamesische Hochland passt.

2. Tag

Am nächsten Morgen weckt uns feenhaftes, gelbes Licht. Mit starkem vietnamesischen Kaffee und einem – den Franzosen sei Dank – köstlichen Kräuterbaguette starten wir in den Tag. Ein Junge am Nachbartisch verschluckt sich fast an seinem Omelett, als er mich sieht – Ausländer sind hier selten.

Die zweite Etappe ist ein Traum. Wir gleiten an glänzenden Reisterrassen und hellgrünen Maniok-Feldern vorbei, während sich auf der anderen Seite des Flusses die Bergketten bis zum Horizont aufreihen. Hinter knallpinkfarbenen Bougainvilleen entdecken wir die ersten Versammlungshäuser der Ba Na, deren hochgezogene Dächer aus Stroh und Bambusgeflecht mich an Südseeorte erinnern. Am Straßenrand hacken und trocknen Frauen Maniok; der süße Geruch der weißen Knollen macht fast trunken.

Hinter dem Städtchen Plei Kan wird der Ho Chi Minh Highway endlich so, wie ich ihn mir vorgestellt habe – staubig und holperig. “Wir sind in den Charly Hills”, sagt Thong und zeigt auf die einst von Agent Orange kahl rasierten Hügel. Von jetzt an werden wir daran erinnert, dass wir in einem kommunistischen Land sind: Wir fahren an martialischen Siegesmonumenten und Heldenfriedhöfen der Vietcong vorbei, an jeder Straßenecke hängen die Propagandaposter der Partei. Zu unserer Überraschung sehen wir aber auch immer mehr Kirchen. In der Provinzstadt Kon Tum besichtigen wir eine französische Holzbasilika von 1913. Es ist Sonntag, vor dem Beichtstuhl wartet eine lange Schlange.

Im Dorf Kon Kotu treffen wir einige der Kirchgänger wieder. Von ihren Sünden befreit, schlürfen sie Wein aus vergorenem Maniok und Zuckerrohr. Sobald sie uns entdecken, rutschen sie auf dem Hosenboden die aus einem Stamm gehauene Treppe ihres Versammlungshauses hinunter. Thong und Vinh werden nervös. Bevor der taumelnde Dorfchef uns nach Papieren oder Geld fragen kann, ziehen sie uns schnell aufs Motorrad. Wir verlassen fluchtartig den Ort.

Abends – bei Feuertopf mit Ziegenfleisch – lässt sich Thong laut schmatzend darüber aus, dass Vietnamesen weder Religion noch Alkohol bräuchten. Ob er nicht auch einen Hausaltar habe, frage ich. “Das ist was anderes”, meint er und bestellt uns noch ein Bier, “seine Ahnen muss man verehren.” 

3. Tag

Am nächsten Morgen ist der süßliche Maniok-Geruch übergegangen ins säuerliche Aroma von Kaffee, der vor jeder Haustür trocknet. Bei Nhon Hoa halten wir. Mit den Füßen in Kaffeekirschen lädt uns Frau Bup ein, ihre Plantage zu besichtigen. Sie muss über 80 sein, und obwohl uns die gemeinsame Sprache fehlt, verstehen wir uns prächtig. An der Hand führt sie mich zu den abgeernteten Bäumen, zeigt mir ihre knatternde Schälmaschine. Leider können wir nicht zum Essen bleiben: Der größte Teil unserer Etappe liegt noch vor uns.

Auf der langen Fahrt nach Buon Ma Thuot passieren wir endlose Kaffeeplantagen. Thong hat sich offensichtlich vorgenommen, uns alle Monokulturen seines Landes zu präsentieren – hält mal an einer Pfeffer-, mal an einer Kautschukplantage. Ich tunke meinen Finger in den klebrigen Gummisaft, der aus einem angeritzten Stamm in eine Kokosschale tropft: Er fühlt sich angenehm kühl an.

Derweil hat sich mein Gesicht in eine rot glühende Maske mit weißen Augenringen verwandelt, Po und Oberschenkel revoltieren unter Schmerzen gegen die immer gleiche Sitzposition: 250 Kilometer haben wir heute zurückgelegt. Vinh ist so stolz auf sein Moped, dass er uns ein Bier ausgibt. Ich falle wie ein Stein ins Bett.

4. Tag

Buon Ma Thuot, die Kaffee-Metropole Vietnams, entpuppt sich als lebendige Marktstadt. Trotz schwerer Glieder gehen wir noch vor dem Frühstück zu den bunten Ständen mit Drachenfrüchten und Pomelos, Rindsklößchen und getrocknetem Wildfleisch. Nach einem Abstecher zu den imposanten Dray-Sap-Wasserfällen verlassen wir den Ho Chi Minh Highway, kurven nun durch sanfte Hügel mit Reisfeldern und manövrieren durch Kuhherden. Als wir schließlich den Lak-See erblicken, begrüßt uns ein Regenbogen im Land der Mnong.

Zuvor habe ich Geschichten von den legendären Elefantenjägern der Mnong gehört. Von weitem schon sehen wir Elefanten durch den aufgewühlten See schreiten, ich bin fasziniert. Im Dorf Buon Jun schwindet jedoch die Begeisterung, als wir einen regelrechten Elefanten-Bahnhof entdecken und – reichlich Touristen. Zum ersten Mal seit Hoi An begegnen wir nicht einem anderen Easy Rider-Team, sondern gleich einer Reisegruppe: Wir nähern uns Da Lat, der Stadt, die die Franzosen zur Sommerfrische erbauen ließen. 

An diesem Abend herrscht Stromausfall. Bei Kerzenlicht sitzen wir am See und reden mit Thong und Vinh über Herkunft und Sprache. Vinh hat ein Wörterbuch aufgetrieben und erklärt in stockendem Englisch, dass die Tour für ihn genauso ungewöhnlich sei wie für uns. Ich bin ihm dankbar.

5. Tag

Der letzte Tag: Windböen fegen uns fast von der Straße. “Das meine ich mit extrem”, brüllt Thong, “wenn es hier stürmt, dann richtig!” Ich kann mit zugekniffenen Lippen nur nicken. Erst als wir Stunden später über den letzten Pass fahren, hellt es auf. Vom Meer her weht uns eine milde Brise entgegen. Nach fünf Tagen und 900 Kilometern stoßen wir wieder auf den Highway No.1.

Wir fahren in die Strandpromenade von Nha Trang ein, und ich fühle mich, als sei ich aus einem Traum erwacht: Alles, was wir in den letzten Tagen erlebt und gesehen haben, scheint jetzt weit entfernt und unwirklich. In einer Seitenstraße trinken wir einen letzten Tee mit unseren Fahrern; ich bin gerührt beim Abschied. Zwar hat Thong immer professionelle Distanz gewahrt, und doch haben wir uns alle gut kennen gelernt – unvermeidlich, wenn man fünf Tage so eng beisammen ist. Natürlich, wir hätten die Tour auch im Auto machen können. Doch dann hätten wir den Wind nicht gespürt, den Kaffee nicht gerochen, wären nicht über Hängebrücken geschaukelt. Es wäre bequemer gewesen, aber kein Abenteuer. Ich weiß jetzt, was Thong am Anfang meinte: Das Hochland ist anders. Man muss es erleben.

Erschienen: Merian 4/2007

Foto: Hestu A. Nugroho