Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Reportage

Angst im Zuckerrohrfeld

Berliner Zeitung, 30.5.2007

Edwin Bargamento holperte mit seinem motorisierten Dreirad über die staubigen Lehmwege der Zuckerrohrplantage Hazienda Guinhulayan auf der philippinischen Insel Negros, als plötzlich zwei bewaffnete Männer auf einem Motorrad vor ihm auftauchten. Die Unbekannten eröffneten das Feuer auf den 46-jährigen Familienvater, er starb vor den Augen seines Neffen, der ihn begleitete. Die beiden Männer waren auf dem Heimweg aus der Provinzhauptstadt Bacolod, wo sie an einer Arbeiterdemonstration teilgenommen hatten. Zuvor hatte sich Bargamento noch ein traditionelles Festtagskostüm geliehen, das er beim Schulabschluss seines Sohnes tragen wollte.

"Das war ein trauriges Fest", erinnert sich John Milton Lozande, der Patenonkel von Bargamentos Sohn. Der Mord ereignete sich vor zwei Jahren. Anderthalb Jahre später, im September 2006, starb Edwin Bargamentos Bruder Sanito bei einem fast identischen Überfall. Auch er hatte sich an Arbeiterprotesten in Bacolod beteiligt. Auch er war auf dem Heimweg, als ihn zwei Maskierte von einem Motorrad aus in seinem Pick-up erschossen. Neben ihm saß seine Frau.

Die Angehörigen der beiden Gewerkschaftsführer warten bis heute vergebens auf eine Aufklärung seitens der Behörden. Genauso wie die Familien von 14 weiteren Opfern regelrechter Hinrichtungen, die sich in den vergangenen sechs Jahren allein auf der Insel Negros ereignet haben – immer nach dem gleichen Muster. Und immer waren die Opfer Mitglieder linksgerichteter Organisationen.

Die Spuren der Mörder haben sich jedoch bislang alle im Staub der Plantagenwege verloren. "Da wir keinerlei Zeugenschutzprogramme haben, trauen sich die meisten Zeugen gar nicht erst auszusagen", erklärt Romeo Baldevarona von der staatlichen Menschenrechtskommission in Bacolod. "Der politische Wille, diese Morde zu beenden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, ist einfach nicht groß genug. Die Korruption dagegen ist umso größer." Die Philippinen gelten als das Land mit der höchsten Korruptionsrate in Asien. Hier erhält Recht, wer am meisten bezahlen kann. Die Angehörigen sind frustriert. "Wir haben jede Menge anonyme Hinweise auf die Täter, aber ohne Zeugen können wir ihre Schuld nicht beweisen", sagt Lozande. "Immerhin fällt auf, dass die Morde sich fast immer in Gebieten ereignen, in denen das Militär gerade Übungen abhält."

Wie die Bargamento-Brüder vor ihrer Ermordung arbeitet John Milton Lozande für die National Federation of Sugar Workers (NSFW) auf Negros. Als Generalsekretär der Gewerkschaft kämpft er für die Rechte der landlosen Zuckerarbeiter. Allein auf Negros gibt es davon etwa 350 000. Naturgemäß kommt seine Arbeit nicht den Interessen der reichen Hazienda-Besitzer entgegen, die in der Regel auch die politische und militärische Elite der Insel stellen. Hier, in der "Zuckermühle" der Philippinen, wo etwa die Hälfte der gesamten Zuckerproduktion des Landes erwirtschaftet wird, haben sich die feudalen Strukturen über die Jahrhunderte nur wenig verändert. Wer sich dennoch für die Rechte der Arbeiter einsetzt, wird automatisch als Kommunist abgestempelt. Und das kommt auf den Philippinen nicht selten einem Todesurteil gleich.

Rund 850 außergerichtliche Hinrichtungen und 180 Fälle "erzwungenen Verschwindens" hat die Menschenrechtsorganisation Karapatan seit Amtsantritt der Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo im Jahre 2001 auf den Philippinen dokumentiert. Die meisten Opfer waren Vertreter linksgerichteter Parteien, Gewerkschafter, Kirchenvertreter, Rechtsanwälte oder Journalisten. Im Februar veröffentlichte der UN-Sonderberichterstatter Philip Alston einen Report, in dem er dem philippinischen Militär einen Großteil der Verantwortung an den Morden zuschreibt. Im März verurteilte das Permanent Peoples' Tribunal in Den Haag das Arroyo-Regime wegen seiner Mitverantwortung an Hunderten von außergerichtlichen Hinrichtungen, Entführungen und anderen groben Menschenrechtsverletzungen. Trotz des internationalen Drucks stieg die Zahl der Opfer vor den Parlamentswahlen in diesem Mai nochmals deutlich an. "Die Regierung ist extrem abhängig von der Gunst des Militärs, und das Militär nutzt seine Macht gnadenlos aus. Was wir derzeit erleben, ist eine Art unerklärter Kriegszustand", sagt Satur Ocampo, Spitzenkandidat der linken Partei Bayan Muna.

Zu spüren bekommen das am heftigsten die Vertreter der linken Parteien und Menschenrechtsorganisationen in den Provinzen. Jeden Tag fürchtet auch John Milton Lozande um sein Leben. Seit im Dezember unbekannte Männer in seiner Heimatstadt auftauchten, um nach ihm zu suchen, wagt er sich nicht mehr nach Hause. Seine Frau und seinen achtjährigen Sohn trifft er nur noch an heimlich verabredeten Orten. Täglich erhält er anonyme SMS wie "Hör auf zu arbeiten oder es passiert etwas" oder "Du stehst auf der Beobachtungsliste". Jeden Moment könnten Maskierte auf einem Motorrad vorbeirasen und ihn mit Kugeln durchlöchern. Oder ihn mit Waffen im Anschlag in einen Lieferwagen zwingen und mit ihm davonbrausen, ohne dass seine Familie jemals erfahren würden, wohin.

Dennoch arbeitet der Gewerkschaftsführer weiter. Auf dem Weg zu den Siedlungen der Landarbeiter muss Lozande regelmäßig durch wogende Zuckerrohrfelder fahren. Ein perfekter Hinterhalt: Vor zwei Jahren wurde sein Kollege Mario Fernandez von unbekannten Männern erschossen, die sich im meterhohen Zuckerrohr versteckt hatten. "Oft habe ich Angst hinauszufahren. Aber ich versuche, nicht darüber nachzudenken – sonst kann ich nicht mehr arbeiten, und die Drohungen haben ihren Zweck erfüllt", sagt der 38-Jährige, der früher selbst einmal für die Victoria's Milling Corporation gearbeitet hat, die größte Zuckermühle Asiens. Nachdem er begonnen hatte, die Arbeiter dort zu organisieren, verlor er seinen Job.

Heute führt ihn der steinige Lehmweg fünf Kilometer nördlich von Bacolod auf die Hazienda Santa Maria, deren mehr als hundert Hektar Ländereien sich bis zum Fuß des Berges Mandalagan im Norden von Negros erstrecken. Die Besitzerin Regina Lacson gehört zu einem der einflussreichsten Clans der Insel, der diverse Gouverneure und Generäle hervorgebracht hat.

Lozande hält an einer Ansammlung einfacher Bambushütten, die sich unter Bananenstauden, Kokospalmen und Wäscheleinen ducken. Etwa vierzig Plantagenarbeiter leben hier mit ihren Familien, auch Anna und Sunny Britannico mit fünf Kindern. Keines geht zur Schule. "Wir müssen jeden Tag ums Überleben kämpfen. Es gibt kaum genug für alle zu essen, da ist an Schulgeld nicht zu denken", klagt der 52-jährige Familienvater. Außerhalb der Erntezeit könne er höchstens zweimal pro Woche arbeiten. Für eine Schicht bekommt er 2,20 Euro. Ist jemand krank, muss er sich das Geld für den Arzt von der Plantagenbesitzerin leihen, was ihm später vom Lohn abgezogen wird. Auf diese Weise sind die meisten Zuckerarbeiter völlig abhängig von der Hazienda-Familie. Diese wiederum erwartet als Gegenleistung für Beschäftigung und finanzielle Hilfe im Notfall absolute Loyalität. Dazu gehört, bei Wahlen den richtigen Namen auf den Stimmzettel zu schreiben.

Um dieser Abhängigkeit zu entkommen, haben Britannico und zwölf weitere Zuckerarbeiter der Hazienda Santa Maria ein eigenes Stück Land beantragt. Nach einer Landreform von 1988 steht ihnen das zu. Allerdings nur auf dem Papier. In der Praxis ist kaum ein Großgrundbesitzer auf Negros bereit, seine Ländereien und somit seine Privilegien dem Gemeinwohl zu opfern. Die meisten haben sich durch innerfamiliäre Aufteilung des Landes oder Umwandlung in Industrieland der Reform entzogen. Andere haben bewaffnete Milizen organisiert, um ihre Plantagen vor den Ansprüchen ihrer Arbeiter zu "schützen".

Der Antrag der Arbeiter auf der Hazienda Santa Maria ist mittlerweile sieben Jahre alt. Immer wieder tauchen neue bürokratische Hürden auf, die eine Legalisierung verhindern. "Die Landbesitzer arbeiten mit den Behörden zusammen", erklärt Sunny Britannico auf Illongo, dem lokalen Dialekt. Trotzdem glaubt er fest daran, dass er irgendwann sein eigenes Stückchen Land besitzen wird. Dabei hofft er nicht auf einen neuen politischen Kurs. Vielmehr vertraut er auf seine eigene Hartnäckigkeit und auf die Hilfe seiner Gewerkschaft NFSW.

"Schon allein deswegen muss ich weitermachen", sagt Generalsekretär John Milton Lozande. "Das bin ich nicht nur den Zuckerarbeitern schuldig, sondern auch meinen ermordeten Kollegen. Die Angst gehört zu meinem Job dazu."

Erschienen: Berliner Zeitung, 30.5.2007

Foto: Christina Schott