Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Was mache ich hier?

Die Zeit, 19.11.2009

"Ich dachte, ich komme an und kann gleich helfen." Mit großen Erwartungen fuhr Camilla Kussl im Juli nach Indonesien: Für Weltwärts, den Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), wollte die Abiturientin aus dem Bodenseestädtchen Überlingen für ein halbes Jahr bei einer lokalen Gesundheitsorganisation in der zentraljavanischen Stadt Yogyakarta mitarbeiten.

Zunächst konnte die 21-Jährige allerdings gar nicht viel arbeiten, sondern nur zuschauen. Denn das Zuhören gestaltete sich schwierig, weil weder ihre Indonesisch- noch ihre Javanisch-Kenntnisse ausreichten, um sich mit den Mitarbeitern ausreichend zu verständigen. Da sie auch keinerlei Erfahrungen aus dem Gesundheits- oder Entwicklungsbereich mitbrachte, schlug ihre anfängliche Begeisterung bald in Frust um – trotz der idyllischen Vulkandörfer, in die sie mitfahren durfte, wenn Gesundheitskontrollen anstanden. "Anfangs dachte ich, es geht noch nicht richtig los. Aber als ich nach zwei Monaten immer noch nicht mithelfen konnte, habe ich schon angefangen, an mir und dem Praktikum zu zweifeln", erzählt die eher schüchterne Abiturientin.

Camilla Kussl war zuvor bereits dreimal mit ihren Eltern in Indonesien und hat dort an internationalen Jugendcamps teilgenommen. Land und Leute haben ihr dabei so gut gefallen, dass sie unbedingt wiederkommen wollte. "Das war allerdings immer Urlaub, und ich war nie allein. Obwohl mir klar war, dass der Alltag hier nicht nur Spaß und Abenteuer ist, konnte ich mir die wirklichen Probleme doch nicht vorstellen", gesteht die ehemalige Waldorfschülerin. Bei Weltwärts bewarb sie sich, weil sie Neues lernen, sich vor allem aber auch nützlich machen wollte. Mit dem Nützlichmachen klappt es erst seit Kurzem – seit die sprachliche wie kulturelle Verständigung besser funktioniert, obwohl ihr Dienst nun bald zu Ende ist. "Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich erst mit dem Studium anfangen, bevor ich im Ausland arbeite. Mit mehr Fachwissen und Lebenserfahrung wäre der Aufenthalt sicher effektiver gewesen", sagt die Abiturientin.

Weltwärts gibt es seit zwei Jahren. 5105 junge Deutsche sind bislang über das Freiwilligenprogramm des BMZ für 6 bis 24 Monate ins Ausland gereist – ausgestattet mit Flugticket, Unterkunft, Versicherungen und einem monatlichen Taschengeld von 100 Euro. Mehr als 10.000 haben sich beworben. Berichte von Rückkehrern reichen von hellauf begeistert bis katastrophal. Es hängt viel davon ab, welche Organisation die Freiwilligen betreut. Wie wichtig allerdings die persönliche und fachliche Reife der jungen Leute ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander: Während einige Organisationen meinen, dass die besonders jungen Freiwilligen auch besonders offen für fremde Kulturen und Entwicklungszusammenarbeit seien, nehmen andere nur Bewerber mit Vorqualifikation. Nach Auffassung des BMZ können Abiturienten durchaus die persönliche Reife und das notwendige Engagement für den Freiwilligendienst im Ausland mitbringen. Daher soll die Altersgrenze auch in Zukunft bei 18 Jahren bleiben.

Auswahl und Vorbereitung der Weltwärts-Bewerber ist Sache der bislang 213 vom BMZ anerkannten Entsendeorganisationen in Deutschland, die die Kandidaten zu Partnerorganisationen vor Ort schicken. Camilla Kussls Entsendeorganisation ist der Dresdner Hilfsverein Arche Nova. Für die eher kleine Organisation war die Überlingerin die erste Weltwärts-Freiwillige. Auch die Partnerorganisation Lessan in Yogyakarta hatte zuvor keinerlei Erfahrungen mit dem Programm und kannte bislang nur ausländische Helfer, die bereits mit der Thematik vertraut waren. "Die ersten Monate waren für uns alle schwierig. Nicht nur wegen der Sprache, sondern weil Camilla weder mit Entwicklungsarbeit noch mit der lokalen Lebensweise vertraut war", sagt Ibu Heny von Lessan. "So ein Freiwilligenprogramm bringt allen Beteiligten nur dann etwas, wenn es gründlich vorbereitet wird. Ansonsten ist es rausgeschmissenes Geld."

Ähnlich sieht das Frank Fladerer, Leiter des Südostasienbüros der Bremen Overseas Research and Development Association (Borda) mit Sitz in Yogyakarta. Hier waren bis zum Oktober dieses Jahres gleich vier Weltwärts-Freiwillige tätig. Alle hatten bereits einen Bachelor-Abschluss in verschiedenen Fachstudien und blieben ein ganzes Jahr. Vor ihrer Abreise erhielten die Kandidatinnen ein intensives Vorbereitungsseminar, und nach ihrer Ankunft organisierte ihnen Borda einen Indonesischkurs. "Das Hauptproblem ist immer die Sprache. Ein Kurs lohnt sich aber nur, wenn die Freiwilligen ein Jahr lang bleiben", sagt Fladerer. "Da Abiturienten auch fachlich erst noch eingelernt werden müssen, sind sie aus Sicht der Projektmanager eher eine Belastung als eine Hilfe." Fladerer räumt allerdings ein, dass dies vor allem für technisch oder wirtschaftlich orientierte Entwicklungsprojekte gilt und nicht für zum Beispiel alternative Schulprojekte.

Beate Hankemeier und Kieu-Ly Doan, beide Studentinnen aus Bremen, hatten jedenfalls bei Borda einen deutlich leichteren Einstieg als Camilla Kussl bei Lessan, obwohl sie beide zuvor nie in Indonesien gewesen sind. Mit Fachabschlüssen in Public Health und Geografie konnten sie nach ihrem Indonesischkurs sofort in die Projektarbeit einsteigen. "Für mich war es wichtig, dass ich fachlich dazulerne, sonst hätte ich nicht ein ganzes Jahr als Freiwillige gearbeitet", erzählt die 25-jährige Beate Hankemeier, die in ihrer Weltwärts-Zeit ein Klimaschutzkonzept ausgearbeitet hat. Ihre Kollegin Kieu-Ly Doan hat mit einem indonesischen Team Gesundheitstrainings in Dörfern organisiert. "Ich hatte immer einen Betreuer an meiner Seite, das war sehr wichtig. Die Indonesier sind zwar sehr aufgeschlossen – aber hier zu arbeiten ist schwierig: Zeiten werden nicht eingehalten, und niemand sagt seine Meinung direkt", berichtet die 24-jährige Vietnamesin, die in Chemnitz aufgewachsen ist.

Die beiden jungen Frauen würden gern weiter für Borda oder eine andere Entwicklungsorganisation arbeiten, sollten sich entsprechende Jobmöglichkeiten ergeben. Damit erfüllen sie eines der Hauptziele des Weltwärts-Programms: nämlich zukünftige Fachkräfte für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zu motivieren. Camilla Kussl dagegen ist sich nicht sicher, ob sie sich noch einmal in der Entwicklungsarbeit versuchen wird, auch wenn sie sich inzwischen bei Lessan um den hauseigenen Heilpflanzengarten kümmern kann. Auf jeden Fall aber will sie wieder nach Indonesien zurückkommen – eventuell für ein Kunststudium.

Arche Nova hat aus ihrer ersten Weltwärts-Erfahrung gelernt und will in Zukunft darauf achten, dass die Freiwilligen sprachlich und kulturell besser vorbereitet sind. An einem Angebot für junge Leute ohne fachliches Vorwissen jedoch will die Organisation festhalten. "Es braucht eine Weile, bevor man Einsatzstellen richtig einschätzen kann. Daher sind für uns die Erfahrungen der Rückkehrer sehr wichtig", erklärt Claudia Holbe, Weltwärts-Koordinatorin bei Arche Nova. "Selbst wenn diese danach eine andere Laufbahn einschlagen, wird ihr Weltbild durch einen solchen Einsatz entscheidend geprägt. Die Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen ist für jeden jungen Menschen wichtig."

Erschienen: Die Zeit, 19.11.2009

Foto: Christina Schott