Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Reportage

Mal Buddha, mal Tiger

neue energie 2/2010

Wer am Flughafen von Phitsanulok landet, einer Provinzstadt im Norden Thailands, hat nicht unbedingt den Eindruck in einer Hightech-Metropole angekommen zu sein. Sobald die Passagiere der Morgenmaschine aus Bangkok ausgecheckt haben, lässt das kleine Flughafencafé seine Rollläden herunter, in den Toiletten gehen die Lichter aus und die Rolltreppen stehen still. Aber nur wenige Kilometer von dem verschlafenen Provinzflughafen entfernt, findet sich eines von Thailands fortschrittlichsten technischen Instituten: die School of Renewable Energy Technology (SERT) an der Naresuan University.

Die Straße zum weitläufigen Campus führt an Reis- und Zuckerrohrfeldern vorbei. Mitten in der üppigen Tropenlandschaft hat Institutsgründer Wattanapong Rakwichian, der in seinem Land als „Vater der erneuerbaren Energien“ gilt, ein Paradies für Solar- und Bioenergieforscher geschaffen: Zwischen Lotosteichen und Palmenhainen, futuristischen Gebäuden in Pyramiden- oder Kegelform, stehen Testanlagen. Hier wird erforscht wie vor allem ländliche Gebiete durch Biomasse, Solarthermie und Photovoltaik versorgt werden können.

Im angeblich „größten Energie-Park Asiens zur Erforschung und Kommerzialisierung erneuerbarer Energien“, so die Selbstdarstellung von SERT, arbeiten 140 Post-Graduate-Studenten und zehn Dozenten an den Neuentwicklungen. Ihre Ergebnisse kommen vor allem der thailändischen Regierung bei der Umsetzung zukünftiger Energiepläne zugute. Finanzielle und fachliche Hilfe erhält die Hochschule von zahlreichen internationalen Organisationen und Universitäten, darunter auch die Universität Kassel. So entwickelt SERT im Auftrag des deutschen Bundesumweltministeriums gerade gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Duckwitzer Firma Solarlite eine „Referenzanlage zur dezentralen Bereitstellung von elektrischer Energie, Wärme und Kälte aus Solarenergie und Biomasse“. Durch Lehrgänge und Informationsveranstaltungen soll diese Technologie bis 2011 im ganzen südostasiatischen Raum verbreitet werden. Ziel ist, die klimaneutrale Energieversorgung in der Region zu fördern.

20 Prozent Erneuerbare bis 2022

„Wir bekommen viel Interesse aus dem Ausland: Thailand hat ein riesiges Potenzial für Biomasse und Solarenergie, schließlich sind wir ein tropisches Land und haben viel Landwirtschaft“, erklärt Prapita Thanarak, die stellvertretende Direktorin von SERT, während sie ihre Besucher stolz in das solarbetriebene Studenten-Cafe führt. „Unsere Regierung rechnet damit, dass wir bis 2022 Strom mit einer Gesamtkapazität von 5.600 Megawatt aus erneuerbaren Energien erzeugen werden. Ich bin aber überzeugt, dass das Potenzial viel höher ist.“

Tatsächlich hat sich die thailändische Regierung viel vorgenommen: Der „Alternative Energieentwicklungsplan” des Energieministeriums sieht vor, dass bis 2022 erneuerbare Energiequellen 20 Prozent des nationalen Endenergiebedarfs decken – das wären etwa dreimal so viel wie die momentan knapp sieben Prozent. Dabei steht die Energiegewinnung aus Biomasse an erster Stelle, gefolgt von Kleinwasserkraft, Solar- und Windenergie. Momentan benötigt Thailand für 85 Prozent seines Endenergieverbrauchs Erdölprodukte, die zum größten Teil importiert werden müssen, vor allem aus dem Nahen Osten. Diese enorme Abhängigkeit will die Regierung durch die verstärkte Produktion von Biokraftstoffen und die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien verringern.

Erklärtes Ziel des Energieentwicklungsplans ist auch den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2022 um bis zu 40 Millionen Tonnen im Jahr zu senken – ein Minus von rund 15 Prozent gegenüber dem Jahr 2006 (272,5 Millionen Tonnen). Dazu beitragen soll unter anderem die erste Atomkraftanlage Thailands, ein im Land selbst hoch umstrittenes Projekt. Die Regierung gab eine 40 Millionen US-Dollar teure Machbarkeitsstudie in Auftrag: Diese soll im Laufe dieses Jahres erscheinen und unter anderem zeigen, wo der beste Standort für die geplante Zwei-Gigawatt-Anlage wäre. Folgt man den vorläufigen Berechnungen der staatlichen Gesellschaft für Stromerzeugung (EGAT), würde das Atomkraftwerk bei Fertigstellung in etwa 20 Jahren höchstens 2,5 Prozent des nationalen Strombedarfs decken. Falls es soweit kommt. Wegen Manipulationsverdachts im Rahmen der bisherigen Kalkulationen ermittelt inzwischen ein unabhängiges Komitee, ob der Bau wirtschaftlich vertretbar ist. Dessen Berechnungen bestätigen die Vermutung verschiedener Organisationen, dass Investitionen in erneuerbare Energien günstiger und effektiver wären. 

Vorreiter bei Biokraftstoffen

Mit seinen Plänen zum Ausbau erneuerbarer Energien gilt Thailand als Vorreiter in Südostasien, vor allem was Biokraftstoffe angeht. So hat das Königreich als erster ASEAN-Staat bereits 2001 ein nationales Biodiesel-Programm eingeführt. Nach dem vier Jahre später veröffentlichten „Strategischen Plan für die Vermarktung und Entwicklung von Biodiesel“ sollen bis 2012 zehn Prozent des nationalen Dieselverbrauchs und 20 Prozent des Benzinverbrauchs mit Biokraftstoffen ersetzt werden. Neben der Verringerung des Erdöl-Importbedarfs hofft die Regierung dabei zusätzlich auf Exporteinnahmen aus dem neu entstehenden Industriezweig.

Schon heute verkaufen Tankstellen im ganzen Land E10 (Benzin mit zehn Prozent Bioethanol gemischt) und B2 (Diesel mit zwei Prozent Biodiesel). Die hochprozentigeren Mischungen E20 und B5 sind bislang vor allem in und um Bangkok erhältlich. Mit der Vermarktung von E25 und E85 hat das Energieministerium erst 2009 begonnen. Das „Gasohol“ genannte Bioethanolgemisch wird von der Regierung subventioniert, so dass der Literpreis immer mindestens zwei Baht (vier Cent) billiger ist als ein Liter Normalbenzin. Die Fördergelder fließen direkt an die Biosprit-Produzenten, unter anderem in Form von Steuererleichterungen.

Witoon Permpongsachareon beurteilt diese wie andere Regenerativprogramme nicht nur positiv. Ja, Thailand sei „politisch offener“ als die Nachbarstaaten. „Deshalb kam die Globalisierung hier schneller an – und mit ihr auch das Umweltbewusstsein aus dem Westen“, sagt der Direktor des Mekong Energy and Ecology Network (MEE Net) und Mitbegründer von Terra/FER, einer der ältesten und angesehensten Umweltorganisationen Thailands. „Der Hauptgedanke blieb allerdings immer der Profit, ganz nach dem Motto: Warum nicht so genannte grüne Produkte produzieren, wenn sie mehr einbringen, weil sie gerade im Trend liegen?“ So stecke auch hinter den Ausbauplänen für Erneuerbare nicht in erster Linie ökologisches Bewusstsein der thailändischen Regierung, sondern die Hoffnung auf Investitionen aus dem Ausland – ist Permpongsachareon überzeugt.
Thailand bietet signifikante Steuererleichterungen und staatliche Unterstützung, etwa für Entwickler von umweltfreundlichen Verkehrssystemen, Solar- und Brennstoffzellen-Technologie. „Wir haben bislang in der Tat nicht allzu viel über den Umweltaspekt nachgedacht, sondern eher darüber, wie wir unseren steigenden Energiebedarf mit Hilfe von Investoren finanzieren können“, bestätigt ein Vertreter des Energieministeriums. Das ändere sich aber jetzt „mit dem Klimawandel“.

Zu viel Kraftwerkskapazität geplant

Kritiker monieren zudem, dass Thailand gar keine weiteren Stromerzeugungskapazitäten brauche, zumindest nicht im geplanten Umfang. Rund 30.000 Megawatt (MW) Leistung sind installiert, selbst zu Spitzenzeiten – wenn an heißen Tagen sämtliche Klimaanlagen des Landes voll aufgedreht sind – erreicht der nationale Verbrauch nicht viel mehr als 22.000 MW. Laut dem zuständigen Energieplanungsamt lag die durchschnittliche Zuwachsrate beim Stromverbrauch zwischen 1998 und 2006 bei 4,32 Prozent im Jahr. Bis zum Jahr 2021 erwartet die staatliche Energiebehörde (EGAT) einen jährlichen Verbrauchszuwachs von 2.000 MW. In den vergangenen zehn Jahren waren es allerdings real 715 MW pro annum, in den vergangenen fünf Jahren sogar durchschnittlich nur 544 MW – die Zuwachsraten beim Stromverbrauch haben sich also verlangsamt.

„Trotzdem will die Regierung die Produktionskapazitäten bis zum Jahr 2022 verdoppeln“, so Witoon Permpongsachareon. Er hält die Verbrauchsszenarien schlicht für „völlig überzogen“. „Wir glauben, dass der momentane Spielraum von knapp 30 Prozent die Nachfrage der nächsten 10 bis 15 Jahre noch decken könnte, bevor der Bedarf wieder steigt“, sagt der Umweltschützer. Das gelte selbst für ländliche Gebiete, die bereits zu 98 Prozent mit Strom versorgt sind. Die zwei Prozent des Landes, die nicht vernetzt sind, befinden sich entweder in abgelegenen Berggegenden oder auf weit entfernten Inseln.

Um die vorhandene Energie effizienter nutzen zu können, wäre es sinnvoll, lokal erzeugte Energie auch lokal zu verbrauchen. Zwar dürfen unabhängige Unternehmen in Thailand Energie erzeugen, müssen den Strom aber wiederum in das nationale, von EGAT kontrollierte Stromnetz einspeisen. Um diesen Zustand zu ändern, müsste die EGAT ihr Monopol lockern, woran die Regierung bis vor kurzem nicht allzu viel Interesse zeigte. Bei kleineren, unabhängigen Stromproduzenten mit unter 100 MW installierter Leistung auf dem Land nimmt EGAT den Strom häufig gar nicht ab, weil er angeblich nicht kompatibel sei oder nicht den vorgegebenen Sicherheitsstandards entspreche. Kritiker glauben eher an Desinteresse: Ländliche Gebiete sind meist nur einseitig mit dem Netz verbunden, werden also versorgt, können aber selbst keinen Strom einspeisen.

Mit dem geplanten Ausbau erneuerbarer Energien soll sich das ändern. „Gerade für alternative Energieprojekte wollen wir Kleinerzeuger gewinnen“, erklärt Sorawit Nunt-Jaruwong, Leiter der Biomasse-Abteilung im Energieministerium. Stromerzeugern mit weniger als 10 MW Leistung werden sogar die sonst obligatorischen Umweltverträglichkeitsprüfungen erlassen, nicht jedoch die Untersuchung auf Gesundheitsverträglichkeit. „Die Installation solcher Anlagen ist wesentlich teurer, so dass wir erst unser Budget erweitern mussten“, so Nunt-Jaruwong.

Zur Unterstützung hat die Weltbank und deren Investment-Tochter International Finance Corp Thailand zinsgünstige Darlehen in Höhe von 700 Millionen US-Dollar gewährt, um damit Projekte zu erneuerbaren Energien sowie zur effizienteren Energienutzung zu finanzieren. Dazu zählen unter anderem die Umstellung der öffentlichen Busse in Bangkok auf hybride oder mit Gas betriebene Motoren sowie zahlreiche Biomasse-Anlagen, die mit Pflanzenabfällen gefüttert werden sollen. Weitere 3,9 Milliarden US-Dollar müssen von privaten Investoren kommen, um den Alternativen Energieentwicklungsplan zu realisieren, so die Rechnung der Weltbank. Unter anderem will der deutsche Energieversorger EnBW investieren: Im Gespräch sind ein Dutzend Biomasse-Anlagen mit einer Kapazität von jeweils zehn MW. Basis der EnBW-Projekte ist der so genannte Clean-Development-Mechanism, ein Instrumentarium des europäischen Emissionshandels. Auf diese Weise kann EnBW Schadstoffzertifikate für seine Kraftwerke in Deutschland erwerben. Eine weitere Großinvestition hat die EGAT selbst angekündigt: Umgerechnet 644 Millionen US-Dollar will die thailändische Strombehörde in die Entwicklung von 258 MW Regenerativleistung stecken, die bis 2020 ans Netz gehen sollen, davon 170 MW Kleinwasserkraft, 65 MW Windkraft, 15 MW Biomasse und acht MW Photovoltaik.

Massive Ausweitung bei Energiepflanzen

Um die gesetzlich festgelegten Quotensteigerungen für Biodiesel und Bioethanol in den kommenden Jahren erfüllen zu können, muss Thailand auch seine Biokraftstoffproduktion deutlich erhöhen: Während die 29 vorhandenen Biokraftstofffabriken die aktuellen Quoten von zwei Prozent Biodiesel und zehn Prozent Bioethanol locker erfüllen können, fehlt es an Rohstoffen für die geplanten Produktionssteigerungen. Allein 30 weitere Fabriken sind geplant. Denn bis 2012 sollen zehn Prozent des nationalen Dieselverbrauchs und 20 Prozent des Benzinverbrauchs mit Biokraftstoffen ersetzt werden. Zusätzlich plant das Energieministerium verstärkt den Export von Bioethanol in asiatische Nachbarstaaten, aber auch nach Australien, Europa und in die USA.

Zur Rohstoffversorgung für die Fabriken sollen deshalb die Ölpalmenplantagen in den kommenden 20 Jahren auf 1,6 Millionen Hektar erweitert werden – das entspricht rund drei Prozent der Landesfläche. Die Anbauflächen für andere Energiepflanzen wie Zuckerrohr, Cassava, Sorghum-Hirse oder Jatropha sollen immerhin verdoppelt werden. Ob diese Ausweitung sinnvoll ist, scheint fraglich, nachdem aktuelle Studien zeigen, dass gerade Biodiesel aus Palmöl eine negative Kohlendioxidbilanz aufweist. Auch die Energie-versus-Nahrungsmittel-Debatte hat in Thailand Wellen geschlagen. Plantagenausweitungen im großen Stil stoßen nicht nur bei sozialen und Umweltgruppen, sondern ebenso in der Bevölkerung auf deutlichen Widerstand.

Bislang ist allerdings nur der Preis von Cassava deutlich gestiegen, die Preise von Zucker und Palmöl werden durch Preisregulierungen der Regierung auf dem üblichen Niveau gehalten. Der Palmölpreis dürfte aber bei höheren Biodieselquoten künftig ansteigen. Und durch die geplante Flächenerweiterung könnten auf lange Sicht auch Fruchtplantagen betroffen sein, die den Energiepflanzen weichen müssen. Da in Thailand allerdings viele Plantagen, vor allem für Ölpalmen, in der Hand von Kleinbauern sind und diese eine starke Verhandlungsposition haben, ist es für Großunternehmen günstiger, in die Nachbarländer auszuweichen. Hier gibt es oftmals billigere Arbeitskräfte und kaum Kontrollen zu Umwelt- und Arbeitsstandards. Thailändische Unternehmen wie Mitr Phol und die Charoen Group planen mittlerweile Energieplantagen in Laos und Kambodscha. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei der Stromerzeugung, wo Thailand jenseits der Grenzen in umstrittene Großprojekte involviert ist.

Aber im eigenen Land gibt es auch hoffnungsvolle Ansätze. So propagiert SERT die kommunale Nutzung erneuerbarer Energieanlagen und unterstützt gezielt Projekte in Dörfern, an Klöstern und Schulen, auch mit Fördergeldern der Regierung. Wie zum Beispiel im Wat Suan Rom Baramee: Das moderne buddhistische Kloster liegt etwa 50 Kilometer nordwestlich von Phitsanulok, direkt an einem Waldgebiet. Hier produziert Klostervorsteher Luang Po Kru Kosittammasunthorn mit rund 50 Mönchen Biogas aus vergorenen Pflanzenabfällen. Das technische Wissen haben ihnen die SERT-Spezialisten vermittelt, finanzielle Hilfe kam vom Energieministerium. Die gewonnene Energie reicht heute aus, um das Kloster zu versorgen. Die Mönche wiederum helfen dabei, der lokalen Bevölkerung die Vorteile alternativer Energiebeschaffung zu vermitteln: In abendlichen Vorträgen erklären sie den Dörflern die Lehre Buddhas, nach der die Energie bereits in der Natur stecke. Die Menschen müssten sie nur entdecken und wohlüberlegt nutzen, auf keinen Fall aber verschwenden. „Das Wichtigste ist, den richtigen sozialen Zugang zu den Menschen zu finden“, erklärt Prapita Thanarak von SERT, die das Projekt im Wat Suan Rom Baramee mitbetreut. „Ich wünschte mir, dass die Regierung grundsätzlich mehr Bildungsarbeit zu Umwelt und Energie betreiben würde. Dann könnten schon Kinder den Nutzen von erneuerbaren Energien begreifen.“

Erschienen: neue energie, 2/2010

Foto: Christina Schott