Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Artikel

Mit Lücken zertifiziert

neue energie 3/2012

„Palmöl: Die Grüne Antwort“ lautete die Überschrift einer Anzeige des Malaysischen Palmöl-Rats (MPOC), die die britische Werbeaufsichtsbehörde 2009 als irreführend verbot. Im Juli 2011 untersagte die belgische Werbeaufsicht eine ähnliche Anzeige. Begründung: Im Gegensatz zum Anzeigentext habe Palmöl durchaus negative Auswirkungen auf die Umwelt. Das sind Rückschläge für den MPOC, der seit Jahren versucht, die europäische Politik von der Nachhaltigkeit von Palmöl als Biokraftstoff zu überzeugen.
Umweltschützer und Menschenrechtler haben Palmöl seit langem im Visier. Sie kritisieren die ökologischen und sozialen Folgen des Anbaus: die Zerstörung wertvoller Naturflächen sowie der Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung. So führen ungeklärte Landnutzungsrechte immer wieder zu gewalttätigen Konflikten zwischen Anwohnern und Unternehmen. Die auf Palmöl spezialisierte Menschenrechtsorganisation Sawit Watch hat bis Ende 2011 allein in Indonesien 664 ungelöste Landkonflikte registriert.
Die Klimabilanz von Palmöldiesel ist umstritten. Wenn Urwälder mit kohlenstoffhaltigen Torfmoorböden den Plantagen weichen müssen, dreht sie sich ins Negative. Dies beweisen wissenschaftliche Studien wie etwa die im Dezember 2011 veröffentlichte des Forstwissenschaftlers Louis Verchot für das Center for International Forestry Research (CIFOR) im indonesischen Bogor. „Die Palmölplantagen in Indonesiens Moorgebieten haben so viele CO2-Schulden angehäuft, dass sie mehr als 200 Jahre lang abbezahlt werden müssen“, erklärt Verchot. Nach den EU-Nachhaltigkeitskriterien ist der Einsatz von Palmöl aus ehemaligen Torfmoorgebieten verboten.

Politiker und Investoren in den betroffenen Regionen dagegen argumentieren, dass die Plantagen Arbeitsplätze schaffen und wirtschaftlichen Fortschritt in abgelegenen Regionen erst ermöglichen. Mit der Schlagzeile „Die Ölpalme – ein Geschenk Gottes für die Wohlfahrt Indonesiens“ wirbt die Vereinigung Indonesischer Palmölunternehmer (GAPKI) seit Dezember auf Youtube mit einem Film, der eine ideale Palmölproduktion als große Chance für die Zukunft der indonesischen Gesellschaft darstellt. „Nicht das Palmöl ist schlecht, sondern das, was korrupte Politiker und Medien daraus machen“, schimpft ein indonesischer Unternehmer, der nicht genannt werden will. „Kaum jemand redet über die vielen Menschen, die von der Palmölindustrie gut leben – und das schon seit dem letzten Jahrhundert.“

Mit 25,4 Millionen Tonnen in 2011 ist Indonesien der weltgrößte Palmölhersteller. Die größten Abnehmer sind Indien und China, die Europäische Union (EU) kommt an dritter Stelle. Malaysia liegt mit 18,7 Millionen Tonnen auf Platz 2 der Produzenten, ist aber mit 2,5 Millionen Tonnen der weltgrößte Hersteller von zertifiziertem Palmöl. Abnehmer dafür ist ausschließlich Europa. Nur hier und in den USA gelten bislang entsprechende Anforderungen an Palmöl, das zu Biokraftstoff verarbeitet wird. In Indonesien und Malaysia, die zusammen rund 90 Prozent des globalen Palmölmarkts bestreiten, haben schon 55 respektive 32 Unternehmen das Nachhaltigkeitssiegel über das deutsche System International Sustainable Carbon Certification (ISCC) erhalten. Darunter finden sich allerdings nur wenige Plantagen, die Mehrzahl der Zertifikate ging an weiterverarbeitende Betriebe.

„Betriebliche und technische Probleme lassen sich meist beheben. Die schwierigen Faktoren beim Prüfungsprozess sind immer die sozialen und Umweltaspekte“, erklärt Dian Susanti Soeminta, Managerin für landwirtschaftliche Zertifizierungen bei TÜV Rheinland Indonesia. „Da wir anfangs von den Unternehmen bei den Arbeitern und den Anwohnern in der Umgebung eingeführt werden, brauchen wir häufig mehrere Anläufe, bis wir ehrliche Antworten erhalten. In jedem Fall darf bei einem Interview niemand vom Unternehmen dabei sein“, berichtet die Auditorin. Der schwierigste Punkt sei in Indonesien fast immer der Nachweis des Landbesitzrechts, wie auch Soemintas Kollegin Ellys Simamora vom TÜV Nord bestätigt. „Oft liegen gar keine schriftlichen Dokumente vor. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die aktuelle Situation nach den vorhandenen Infos zu beurteilen, etwa durch Berichte der Anwohner“, sagen beide Gutachterinnen.

Die Zertifizierung nach dem Round Table for Sustainable Palm Oil (RSPO) gilt als das wichtigste System in der Palmölregion Südostasien. Hier sitzen mehr als 700 Produzenten, Verwerter, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen aus 50 Ländern an einem Tisch. Von der EU wird das System allerdings noch nicht anerkannt, vor allem weil die Bewertung der Treibhausgasemissionen und indirekten Landnutzungswechsel nicht den EU-Standards entsprach. Gleichwohl sind weltweit mehr als eine Million Hektar Palmölplantagen RSPO-zertifiziert, 90 Prozent davon in Indonesien und Malaysia. Das sind rund acht Prozent der weltweiten Palmölanbaufläche. Obwohl der RSPO noch nicht von der EU anerkannt ist, wollen viele Unternehmen unbedingt das Label: „Anders als das ISCC-Zertifikat, das nur in Deutschland und nur für Biokraftstoffe Bedeutung hat, gilt das RSPO-Label weltweit und für alle Palmölprodukte als Nachweis für Nachhaltigkeit“, erklärt Dian Susanti Soeminta. „Hauptmotivation der Unternehmen ist dabei, den höchstmöglichen Preis auf dem Markt zu erzielen. Nur ganz wenige wollen das Zertifikat aufgrund ihrer Sorge für Umwelt und Gesellschaft“, fährt die Auditorin fort.

In Thailand, dem weltweit drittgrößten Palmölproduzenten, wird das erste Zertifizierungsverfahren voraussichtlich Mitte dieses Jahres abgeschlossen. Empfänger des Nachhaltigkeitssiegels ist eine unabhängige Kleinbauerngemeinschaft. „Bei der Zertifizierung von Kleinbauern gelten andere Standards. Sie haben zum Beispiel weniger Dokumentationspflichten als große Firmen “, sagt Daniel May, Leiter des thailändisch­deutschen Projekts „Nachhaltige Palmölproduktion für Bioenergie“ der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). May und sein Team unterstützen rund 1000 Palmölbauern und vier Ölmühlen im Süden Thailands, ihre Produktion nachhaltiger zu gestalten.

Im Gegensatz zu Indonesien und Malaysia werden in Thailand 80 Prozent des Palmöls von Kleinbauern angebaut, wovon wiederum 95 Prozent im Land bleiben. „Durch Agrarberatung wollen wir die Produktivität um rund ein Fünftel steigern und über bessere Qualität dauerhaft höhere Preise erzielen – ohne Anbauflächen zu erweitern“, erklärt May.
Kleinbäuerliche Strukturen wie in Thailand sind in Malaysia und Indonesien selten. Hier kontrollieren internationale Konzerne die riesigen Anbauflächen. Oft liegen die Plantagen in schwer zugänglichen Gebieten. Diese Struktur lässt manche Umweltorganisation zweifeln, ob die Firmen es mit der nachhaltigen Anbauweise wirklich ernst meinen. „Es ist praktisch unmöglich, die geforderten Kriterien über die ganze Produktionskette hinweg zu überwachen, daher besteht immer die Gefahr der Palmöl-Wäsche“, klagt der Aktivist Nordin von der indonesischen Umweltorganisation Save Our Borneo. „Grün gewaschen“ nennt er Palmöl, dessen Anbau der Umwelt schadet und Menschenrechte verletzt – das aber anschließend in ein anderes Land exportiert, dort nach den geforderten Kriterien weiterverarbeitet und mit Nachhaltigkeitssiegel nach Europa verkauft wird. Oder Palmöl, das von der zertifizierten Vorzeigeplantage eines Unternehmens bei der weiteren Produktion mit Palmöl aus einer nicht zertifizierten Plantage gemischt wird. Das ist laut EU-Verordnung möglich, solange der Anteil des nachhaltigen Öls über die gesamte Lieferkette gleich bleibt. In Europa verkaufen können die Unternehmen aber nur die als nachhaltig zertifizierte Menge.

Kritik gibt es auch intern am RSPO, und zwar von zwei Seiten. Während Produzenten darüber klagen, der RSPO würde zu sehr von Nichtregierungsorganisationen bestimmt würde, fordern diese einen härteren Kurs gegen Palmölfirmen, denen Umwelt- und Menschenrechtsvergehen vorgeworfen werden. So verlangen Menschenrechtler etwa, dem Unternehmen Wilmar, einem der weltgrößten Palmölkonzerne, keinerlei Nachhaltigkeitszertifikate zu verleihen. Der Grund: Es habe zahlreiche Zwischenfälle zwischen dem Unternehmen und Anwohnern in dessen Plantagengebieten gegeben, wie zuletzt in Sungai Beruang auf Sumatra, wo sogar auf Zivilisten geschossen wurde. Zudem hat Wilmar zugegeben, in der Vergangenheit Regenwälder abgeholzt zu haben. Das hatte jedoch bislang keine Konsequenzen für die Mitgliedschaft des Konzerns im RSPO. „Der Knackpunkt ist, dass nur konkrete Flächen zertifiziert werden, nicht das Unternehmen als Ganzes“, kritisiert Marianne Klute, Umweltreferentin bei der Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia.

Große Probleme bereiten auch zu geringe Verkäufe und die hohen Kosten des Zertifizierungsprozesses. Mit der zu erwartenden Anerkennung durch die EU sowie der freiwilligen Verpflichtung internationaler Großunternehmen wie Unilever, bis 2015 nur noch zertifiziertes Palmöl zu verarbeiten, ist der RSPO allerdings zuversichtlich, dass die Quoten in den nächsten Jahren weiter steigen. Immerhin haben sich die Verkaufszahlen seit 2009 von 25,3 auf 52 Prozent in 2011 verdoppelt. Die Vereinigung Indonesischer Palmöl-Produzenten (GAPKI) trat voriges Jahr dennoch aus dem RSPO aus. In der Hoffnung auf bessere Erlöse setzt GAPKI auf ein eigenes Zertifizierungssystem, bei dem es vor allem um technische und organisatorische Kriterien geht: Das „Indonesian Sustainable Palm Oil“ (ISPO)-Siegel soll ab März mit Unterstützung der Regierung für alle indonesischen Palmölproduzenten verpflichtend sein. Soziale und Umweltkriterien spielen dabei keine nennenswerte Rolle. Dabei versteht sich ISPO nicht als Konkurrenz zum RSPO, sondern eher als Ergänzung – viele indonesische Palmölfirmen sind Mitglied in beiden Organisationen. Hauptmotivation ist die Hoffnung auf bessere Verkaufszahlen: GAPKI will dem Vertrauensverlust in indonesisches Palmöl entgegentreten. 

Ein Grundproblem bleibt: Die Zertifizierungssysteme erfassen nur einen kleinen Teil der Palmölproduktion. Fünf Prozent der weltweiten Produktion werden momentan zu Biodiesel weiterverarbeitet. Die anderen 95 Prozent gehen in die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie, auch in Deutschland – ohne jeglichen Nachhaltigkeitsnachweis.


Erschienen: neue energie, 3/2012

Foto: Paul Kadarisman