Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Reportage

Behördendschungel im Tropenparadies

Stern Viva! 2/2013

Zwei Wochen Bedenkzeit blieben Ines Ehmer, als sie und ihr Mann Dieter Merz 2004 nach Bali eingeladen wurden. Sie musste entscheiden, ob sie ihr bisheriges Leben in Deutschland aufgeben sollte, um mit ihrem Schweizer Ehemann auf die indonesische Ferieninsel zu ziehen und eine Tauchschule aufzubauen. Die Gynäkologin war damals 50. „Es wurde ein Ja. Meine Tochter war längst erwachsen, und mein Beruf bot mir keine neuen Herausforderungen mehr“, erzählt die Ulmerin. „Bali mit seinen freundlichen Bewohnern, der faszinierenden Kultur und üppigen Natur war für mich ein Paradies.“
Neun Jahre und einige persönliche Krisen später sehen Ines Ehmer, 59, und Dieter Merz, 56, das Leben auf Bali realistischer. Vor allem der indonesische Behördendschungel und die schwer zu überwindende Distanz zur fremden Kultur haben immer wieder Probleme bereitet. Während für den Berner Zahntechniker, der schon vor 25 Jahren auf Tauchlehrer umgesattelt hatte, immer feststand, dass er die Schweiz irgendwann verlassen wollte, hielt es Ines Ehmer eher in Heimatnähe, schon allein um ihren einzigen Enkel aufwachsen zu sehen. Das Internet bot Abhilfe, zudem kommt die Familie gern zu Besuch.
Jetzt vermisst sie vor allem ihren Beruf, den sie in Indonesien – trotz großen Bedarfs – aus bürokratischen Gründen nicht ausüben darf: Eine Arbeitsgenehmigung für Ausländer ist kostspielig und nur über einen einheimischen Vermittler zu erhalten. Um sich sinnvoll zu beschäftigen, unterstützt die Ärztin nun ein Schulprojekt und ein Café.
Trotzdem will das Paar bleiben. In Deutschland gehe es nur darum, „jung und fit zu erscheinen. Hier dagegen wird man gerade im Alter besonders respektiert. Und sollte es wirklich dazu kommen, dass einer von uns häusliche Pflege benötigt, können wir uns das hier viel eher leisten als in Europa.“ Einzig vorstellbarer Grund für eine Rückkehr: Sie oder ihr Mann brauchen spezifische medizinische Behandlungen, die Bali nicht bietet.
Verglichen mit den Nachbarländern Malaysia, Singapur, Thailand oder den Philippinen, in denen Medizintourismus eine große Rolle spielt, ist das indonesische Gesundheitssystem rückständig. Zwar gibt es in Balis Zentrum Denpasar sowie in der indonesischen Hauptstadt Jakarta einige internationale Kliniken, doch sind gute Spezialisten rar. „Ohne eine gute internationale Krankenversicherung geht hier gar nichts – gerade als Taucher“, sagt Dieter Merz. „Im Notfall muss man sich ausfliegen lassen.“ Auch die Idee von integrierten Seniorendörfern, wie es sie auf den Philippinen oder Thailand bereits gibt, steckt noch in den Kinderschuhen. Das „First 45+ Lifestyle and Retirement Resort“ im überlaufenen Süden Balis scheiterte bereits vor Baubeginn. „Die Initiatoren haben viel zu ambitiös geplant. Es fehlt ihnen völlig an Verständnis für die wahren Bedürfnisse der Zielgruppe“, meint Michael Henry. Der Australier hat sich auf die Beratung ausländischer Rentner spezialisiert, die sich auf der Insel niederlassen wollen. Der Autor des Buches „How to Retire in Bali“ verspricht aufgrund seiner Beziehungen vor Ort nicht nur Hilfe bei allen bürokratischen Hürden, sondern auch für jeden eine passende Lösung bei Wohnungssuche und Gesundheitsvorsorge.
Ganz ohne fremde Hilfe hat sich die 70­jährige Yogalehrerin Edith Flöss den Traum vom Leben auf Bali erfüllt. Mitten in Ubud, dem kulturellen und spirituellen Zentrum der Insel, steht ihr vierstöckiges Haus „White Lotus“ am Ufer des Flusses Wos. 23 Jahre lang hatte die Südtirolerin in München einen italienischen Partyservice betrieben und nebenher allein zwei Kinder großgezogen. Als die Zeit zum Ausruhen kam, fühlte sie sich einsam und unglücklich: „Deutschland ist super zum Geldverdienen, das System ist korrekt und zuverlässig. Aber: Alles ist so streng reguliert und durchgeplant. Es hat mir gefehlt, einfach mal spontan Leute zu treffen, und die angebotenen Seniorenprogramme entsprachen so gar nicht meinen Interessen.“
Nach jahrelangen Reisen rund um die Welt fand sie 2006 schließlich in Ubud eine neue Heimat, in die sie vier Jahre später umsiedelte. „Das soziale Leben hier ist sehr international und total unkompliziert, ich habe jetzt schon viel mehr Freunde, als ich in München je hatte. Außerdem liebe ich das warme Tropenklima über alles“, erzählt Flöss, die mittlerweile eine Heilpraktikerausbildung abgeschlossen hat und sich Sandeh nennt.
Wie alle Ausländer in Indonesien kämpft auch sie mit der Bürokratie. Für ihr Pensionsvisum muss sie eine monatliche Mindestrente von umgerechnet 1140 Euro nachweisen, außerdem Kranken­ und Lebensversicherung sowie einen Wohnsitz mit einem festgesetzten finanziellen Mindeststandard. Zusätzlich wird die Anstellung von mindestens zwei einheimischen Arbeitskräften gefordert – Edith Flöss beschäftigt daher eine Haushälterin und einen Gärtner.
Der größte Haken an den Vorschriften, die vom korruptionsanfälligen indonesischen Beamtenapparat genau überwacht werden: Als Halterin eines Pensionsvisums darf Flöss in keiner Weise arbeiten, nicht mal als ehrenamtliche Englischlehrerin für eine Kinderhilfsorganisation. Ihren im Haus integrierten Yoga Retreat hat sie deshalb offiziell an zwei indonesische Kollegen übergeben.
Dennoch bereut sie die Investition nicht. Wenn Edith Flöss auf ihrer blumenumrankten Dachterrasse meditiert, blickt sie über Kokos­ und Palmenhaine auf die Reisterrassen am anderen Flussufer: „In Deutschland würde meine Rente nicht für ein angenehmes Leben reichen. Hier dagegen lebe ich davon wie eine Prinzessin“, sagt sie.
Wirklich Geld sparen lässt sich allerdings in anderen Teilen des Landes, etwa im javanischen Kulturzentrum Yogyakarta. Kaum irgendwo in Indonesien ist das Leben so günstig: Ein Teller gebratener Reis kostet einen Euro, auf Bali sind es im Schnitt viermal so viel.
Der 61­jährige Berliner Ex­Unternehmer Stefan Schmidt hat sich auch deswegen vor sieben Jahren hier niedergelassen, zudem reizte den Frührentner das kulturelle Angebot. Über einen Sprachkurs lernte er seine javanische Frau kennen, mit ihr hat er sich von seinen Ersparnissen ein Haus am Hang des Vulkans Merapi gebaut. Hier kann er dank eines Ehegattenvisums ohne viele Auflagen leben: „Mit 300 Euro im Monat kommen wir aus“, sagt Schmidt und blickt von seiner Veranda über Reisterrassen und Bananenhaine, „die einzigen Extra­Ausgaben sind die Auslandskrankenversicherung und Flugtickets für den Heimaturlaub.“
Die meisten westlichen Ausländer zieht es dennoch nach Bali: Die hinduistische Enklave im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt erscheint ihnen moderner und internationaler. „Viele lassen sich dann beim Kauf von Landnutzungsrechten oder beim Hausbau übers Ohr hauen oder kommen mit der hiesigen Mentalität nicht klar“, sagt Tauchlehrer Dieter Merz.
Seine Frau hat ein Konzept für ein „Ü­50­Projekt“ entworfen, für das auf Bali eindeutig eine Nachfrage besteht. Dabei schwebt Ines Ehmer weniger ein Rentnerdorf mit integrierter Pflege nach Vorbild der Nachbarländer vor als vielmehr eine Art Überwinterungsresort für rüstige Senioren.
Vier bis fünf kleine Villen am Berghang mit Blick aufs Meer sollen es werden, abseits vom Touristenrummel; dazu natürlich ein Serviceangebot von Kochen und Putzen über Kunsthandwerkskurse bis hin zu individuell organisierten Touren. Für eine Beratung in Visumsfragen sowie eine gesundheitliche Grundbetreuung wäre gesorgt.
„Das Ganze steht und fällt mit der Qualität der Anlage und des Personals. Dafür fehlt bisher noch der passende Investor“, sagt Ines Ehmer. „Eines ist klar: Wollte ein Gast endgültig übersiedeln, wäre vorher eine intensive Beratung notwendig – in Zusammenarbeit mit einem vertrauenswürdigen einheimischen Partner. Aber natürlich würde ich mich über Gleichgesinnte freuen!“

Erschienen: Oktober 2013

Foto: Budi N. Dharmawan