Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Reportage

Die Aufsteiger

Bulletin 1/2013 –

Wenn Meilina Sari und Iskandar Edwin morgens um halb sechs zu ihrem Fahrer ins Auto steigen, ziehen sie in ihr zweites Schlafzimmer. Zwischen Kissenbergen und Snackboxen machen sie es sich so bequem wie möglich, um die nächsten zweieinhalb Stunden noch etwas Ruhe zu finden, bevor Ihr Büroalltag losgeht. Die Personalmanagerin eines Mobilfunkanbieters und der Portfoliomanager einer Bank wohnen lediglich 30 Kilometer ausserhalb der indonesischen Hauptstadt Jakarta, doch verbringen sie jeden Tag rund fünf Stunden im Stau. Die beiden Töchter sehen sie unter der Woche nur zum Gutenachtkuss, den Rest erledigen die Ganztagsbetreuung einer internationalen Schule und eine Haushaltshilfe. Das ist der Preis, den sie für ihren hart erarbeiteten Wohlstand bezahlen. Und mit ihnen Millionen von Pendlern, die sich täglich in Jakartas Zentrum ergiessen, dessen einziges Nahverkehrssystem ein völlig überlastetes Busnetz ist.
Allein in der Wohnanlage Kota Wisata im Vorort Cibubur leben etwa zehntausend Familien, die der aufstrebenden Mittelklasse Indonesiens angehören. Ein Haus hier kostet zwischen 50000 und 130000 Franken, je nachdem, in welchem der Themenpark-ähnlichen Viertel man sich ansiedelt. Der 43-jährige Edwin und seine zwei Jahre jüngere Frau haben sich in den vergangenen zwölf Jahren vom disneyartigen Amerika-Viertel in das japanisch gestylte Kyoto-Viertel hochgearbeitet. Ihr Haus ist voll mit elektronischen Geräten, vom LCD-Flachbildschirm bis zum Multifunktionsofen. Am Wochenende gehen sie mit ihren Kindern in die Shoppingmall – und manchmal nach Singapur oder Bangkok. Und natürlich wollen sie eines Tages nach Mekka pilgern, wie es sich gehört für Muslime.
Sari und Edwin sind stolz auf sich. Sie stammen beide aus der einfachen städtischen Mittelschicht: Ihre Eltern arbeiteten als Bankangestellte in Jakarta, sein Vater hatte einen kleinen Laden für Baumaterial in der Provinz Yogyakarta. Das Ersparte wurde ins Familienheim und die Ausbildung der Kinder investiert, Ausgaben für Extras wie Reisen gab es nicht. «Die Generation unserer Eltern hat sich nach der Unabhängigkeit von den Holländern aus dem Nichts hochgearbeitet und alles getan, um ihren Kindern ein Leben in Armut zu ersparen», sagt Eric Santosa, Kulturpsychologe und Wirtschaftsberater in Jakarta.
«Das Ergebnis ist eine neue Mittelschicht, die nie kämpfen musste und vor allem ein bequemes Leben führen will. Anstatt in eine Solidargemeinschaft zu investieren, geben die meisten ihr Geld für Autos, Smartphones und Markenkleidung aus.»
Indonesien gilt als einer der wichtigsten Aufsteiger der globalen Wirtschaft. Ein Bericht des McKinsey Global Institute von September 2012 sagt vorher, dass das Land mit der viertgrössten Bevölkerung der Welt im Jahr 2030 die siebtgrösste Volkswirtschaft bilden werde. Riesige Rohstoffvorkommen, die strategische Lage zwischen Indischem und Pazifi-
schem Ozean sowie ein konstantes Wachstum von rund sechs Prozent im Jahr locken immer mehr ausländische Investoren an – die Regierungschefs von China, den USA, Grossbritannien und Deutschland geben sich die Klinke in die Hand. Für mehr als die Hälfte des Bruttoinlandprodukts ist mittlerweile die Konsumlust der Bevölkerung verantwortlich. «Es ist die grosse Bevölkerungszahl, die den indonesischen Markt so attraktiv macht», erklärt Jati Andrianto, Vizepräsident der Investment Advisory. Allein zwischen 2003 und 2010 sei die Mittelklasse laut Weltbank um 61 Prozent auf 131 Millionen angewachsen. «Diese Menschen haben ihre Grundbedürfnisse bereits gedeckt und können sich sekundäre Wünsche erfüllen.» Besonders beliebt sind Motorräder, Mobiltelefone und Modeaccessoires, die zahlenmässig erfolgreichsten Unternehmen sind Hersteller von Zigaretten und Instantfood sowie Telekommunikationsanbieter: Indonesien ist weltweit die zweitgrösste Facebook-Nation, bei Twitter liegt es auf Platz drei. Mit der wachsenden Nachfrage überlegen sich immer mehr multinationale Unternehmen, nicht nur nach Indonesien zu exportieren, sondern ihre Produktion hierhin zu verlagern. Das wiederum schafft neue Arbeitsplätze und mehr Einkommen, das ausgegeben werden kann.
Zum Beispiel auch in der Gastronomie, die in den vergangenen Jahren stark gewach-
sen ist. Im traditionsreichen Majapahit-Hotel in Indonesiens zweitgrösstem Finanz- und Handelszentrum Surabaya zeigt sich der steigende Wohlstand etwa an der zunehmenden Zahl von Hochzeitevents: Knapp zehntausend Euro kostet eine Feier für 200 Leute im kolonialen
Fünf-Sterne-Ambiente. Vertriebsmanager Laurent Andy Sadikin ist selbst ein gesellschaftlicher Aufsteiger. Der Sohn eines Seifenfabrikarbeiters konnte durch besondere Studienleistungen ein Stipendium für die Niederlande ergattern. Nach seiner Rückkehr in die ostjavanische Handelsmetropole arbeitete der heute 33-Jährige zunächst bei den Ketten Somerset und Novotel, bevor er den Sprung ins Management von Surabayas wohl berühmtestem Hotel schaffte. Voller Stolz berichtet der Katholik, dass das weihnachtliche Festdinner immer ausgebucht sei – unter den Gästen auch muslimische Geschäftsleute, die das Ferienangebot nutzen.
Das friedliche Zusammenleben der Religionen im Land mit der grössten muslimischen Bevölkerung der Welt war eine wichtige Voraussetzung für die Gründung einer säkularen Republik nach der Unabhängigkeit von den Holländern 1945. «Die Demokratie im heutigen Indonesien ist trotz aller Schwächen ein entscheidender Faktor für den wirtschaftlichen Auf-
schwung», sagt Wirtschaftsexperte Jati Andrianto. Seit der Demokratisierung, die dem Sturz des Diktators Suharto während der Asienkrise 1998 folgte, zeichnet sich allerdings eine zunehmende Rückbesinnung auf religiöse Werte ab. In der Unterschicht führt dies nicht selten zur Radikalisierung, die Mittelschicht zeigt vor allem Interesse an einer moralisch geprägten
Ausbildung ihrer Kinder.
Während Sadikin aus Angst vor muslimischer Dominanz in staatlichen Einrichtungen seine beiden Kinder auf private katholische Schulen schickt, geht der Sohn von Cicilia Indah Setyawati auf eine islamische Schule, «damit er dort über seine Religion erfährt, was ich ihm nicht beibringen kann». Die 37-jährige Krankenhauslaborantin war Katholikin und trat mit der Heirat zum Islam über. Doch selbst nach ihrer Scheidung vor fünf Jahren, bei der sie ihr Heim und ihren Job verlor, blieb sie Muslimin: «Die Religion ist nicht verantwortlich für das, was mir passiert ist.»
Die Polizistentochter schaffte, was einer geschiedenen Frau vor 20 Jahren noch unmöglich gewesen wäre: In Surabaya arbeitete sie sich als Produktmanagerin einer Schweizer Vertriebsfirma für medizinische Geräte so weit hoch, dass sie sich heute ein eigenes Haus und ein Auto leisten kann. Doch bei aller Unabhängigkeit haftet ihr immer das Stigma der Alleinstehenden an: «Meine Eltern drängen mich ständig, wieder zu heiraten, und auch auf der Arbeit werde ich oft angemacht», erzählt sie. «Es wäre schön, wieder einen Mann zu haben.»
Eine Studie des Goethe-Instituts und der Friedrich-Naumann-Stiftung von 2011 ergab, dass für die muslimischen Jugendlichen in Indonesien «verheiratet sein und Kinder haben» der wichtigste Wert nach dem Glauben ist. Das Durchschnittsheiratsalter in Indonesien liegt bei 19 Jahren, und auch viele Akademiker haben mit Mitte zwanzig bereits Kinder. Wie wichtig
dem Mittelstand frühes Heiraten und Kinderkriegen ist, bekommt Andry Kurniawan zu spüren, den alle Boy nennen. «In meinem Heimatdorf auf Sumatra halten sie mich für abnormal», sagt der 31-jährige Junggeselle, der als Agent einer Singapurer Kunstgalerie in der zentraljavanischen Kulturmetropole Yogyakarta arbeitet und berufshalber oft zwischen Singapur, Hongkong und Taiwan hin und her jettet. «Das alles bedeutet nichts, wenn ich nach
Hause fahre. Dort geht es nur darum, dass ich noch keine Frau habe.» In Yogyakarta lebt er in einem eigenen Haus, hier fühlt er sich wohl. «In Yogyakarta leben so viele Studenten und Künstler, dass die Atmosphäre sehr offen ist. Ich glaube, die zunehmend bessere Ausbildung ist entscheidend für den Fortschritt», sagt Boy.
Von der Offenheit in der grössten Studentenstadt des Landes profitiert auch Marketingspezialistin Everyandani Sri Rezeki, die im Auftrag eines Modeunternehmens ein Café im französischen Stil eröffnet hat. Die Kunden von «Chez Moi» sind nicht nur Geschäftsleute und betuchte Hausfrauen, sondern auch – vor zehn Jahren noch undenkbar – Studenten. Die gute Lage in der Nähe mehrerer grosser Universitäten lockt viele junge Mädchen an. Bekleidet mit modischen Kopftüchern, auffälligen Armreifen und Crocs wählen sie zwischen Tiramisù-Torte und Erdbeercrème. Bevor sie kosten, fotografieren sie die Leckereien schnell noch per Handy und stellen die Bilder auf Facebook.
«Wir haben uns lange umgesehen, welcher Trend Erfolg haben könnte – und es läuft gut», erzählt die 27-jährige Café-Managerin. Die Tochter eines Palmölplantagenarbeiters stammt aus der Millionenstadt Medan in Nordsumatra und kam zum Kommunikationsstudium nach Yogyakarta. «Der hohe Bildungslevel hier sorgt für mehr Toleranz, auch Frauen können entscheiden, was sie machen wollen», sagt die Mutter eines zweijährigen Sohns. «So kann ich Familie und Geschäftsleben unter einen Hut bringen.»
Das sind Ziele, von denen Rulas Lebargo Sihombing 550 Kilometer nordöstlich in der Hauptstadt Jakarta träumt. Der 37-jährige Marktforscher hat sich selbstständig gemacht, um ein eigenes Unternehmen aufzubauen. «Tatsächlich aber arbeite ich doch immer nur für meinen alten Arbeitgeber, die Lebenskosten in Jakarta sind einfach zu hoch», sagt der Anthropologe. «Immerhin kann ich nun von zu Hause aus arbeiten und den Stau vermeiden.» Das Modell Homeoffice ist in Indonesien noch eher ungewöhnlich, besonders, wenn es – wie bei Sihombing – in einer christlich-muslimischen Frauen-Männer-WG praktiziert wird. «Viele sind misstrauisch, was wir hier treiben, dabei ist das WG-Leben einfach praktischer: Man ist unabhängig, aber nicht allein – wir teilen die Miete und sparen Transportkosten», so der Sohn eines Pfandverleihers. «Und wenn wir abends mal ausgehen wollen, ist es nicht weit zu einem guten Weinlokal oder Karaokeklub.»
Auf eben solchen Konsum- und Unterhaltungsdrang baue Indonesiens Wirtschaft, sagt der Gesellschaftsanalyst Eric Santosa; aber es gebe weder ein ideologisches Ziel noch eine ausreichende Vorsorge gegen die immer grösser werdende Kreditblase. Er mahnt: «Wir können nicht von einer gesunden Wirtschaft reden, solange drei Probleme nicht gelöst sind: zu schlechte Infrastruktur, ineffektive Bürokratie und mangelnde Investitionen in qualifiziertes Personal.»
Doch in Zeiten des rasenden Aufschwungs verhallen solche Bedenken ungehört. Indonesiens neue Mittelschicht plant optimistisch ihre Zukunft. So auch Marktforscher Sihombing, der eine Familie gründen will. Der Ex-Studentenrevolutionär stammt aus einer Batak-Familie, einem protestantischen Volk aus dem Norden Sumatras. Eine Braut, die weder der gleichen Ethnie noch der gleichen Religion angehört, braucht er gar nicht erst nach Hause zu bringen. Mangels anderer Kandidatinnen ist Sihombing mittlerweile bereit, auf eine von seinen Eltern arrangierte Heirat einzugehen: «Danach werde ich genau das sein, was ich früher für unmöglich gehalten hätte – ein gesetzter Familienvater der gehobenen Mittelschicht.»

Erschienen im Bulletin Credit Suisse 1/13
Foto: Budi N. Dharmawan