Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Reportage

Balis junge Generation: Zwischen Kultur und Kommerz

Credo 2/2016 –

Zwischen der Elefantenhöhle Goa Gajah und den heiligen Quellen Tirta Empul, zu denen die Touristen auf der Suche nach Balis einzigartiger Kultur in Scharen pilgern, liegt das Dorf Pejeng. Noch ist es so ursprünglich wie die Reisterrassen, die es umgeben. Damit es auch so bleibt, besinnt sich eine junge Generation auf die kulturellen Traditionen und kämpft leidenschaftlich für ihre Identität.

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Acht Uhr morgens hinter dem Büro des Dorfvorstehers von Pejeng. Am Altar türmen sich Opferkörbchen aus kunstvoll geflochtenen Palmblättern mit bunten Blüten darin, daneben Pyramiden aus Früchten, Eiern, Reiscrackern und Yakult-Fläschchen. Während die Dorfoberen noch auf ihren Handys tippen, schreiten vier Männer und zwei Frauen in traditioneller, balinesischer Kleidung in einer Reihe durch alle Räume der kleinen Behörde. Die Beamten schwenken nach Jasmin duftende Räucherstäbchen und verspritzen geweihtes Wasser in alle Ecken, begleitet vom durchdringenden Bimmeln eines Glöckchens. Eine Sachbearbeiterin schlägt ab und zu einen kleinen Gong und stösst dumpfe Schreie aus, um böse Geister zu vertreiben. Auf der Vorderseite des Hauses angekommen, gerät die routinierte Prozession für einen Moment zwischen den zu eng geparkten Mopeds durcheinander. Im Versammlungsraum stimmen unterdessen zwei Männer einen monotonen Gebetssingsang an, den die scheppernden Lautsprecher in jeden Winkel des Hauses tragen. Neben dem eigens einbestellten Priester singt Anak Agung Gede Oka Santika, genannt Gung Oka, der Sekretär des Dorfchefs. Er ist 24 Jahre alt.

Gung Oka, der charismatische Nachwuchspolitiker

Es ist Vollmond, ein wichtiger Tag auf der indonesischen Insel Bali, wo knapp 90 Prozent der Bewohner einem spirituell geprägten Hindu-Dharma-Glauben angehören. Alle balinesischen Hindus beten an diesem Tag zu Chandra, dem Gott des Mondes, und bitten um Vergebung ihrer Sünden – zur inneren Reinigung ihrer Seele. Symbolisch findet auch eine äussere Reinigung statt, sei es zu Hause oder am Arbeitsplatz, auf dem Markt oder in der Schule.

Gung Oka ist das jüngste von vier Geschwistern einer Brahmanenfamilie, der höchsten Kaste im Hinduismus. Seit der Grundschule lernte er traditionellen Tanz, Gesang und Musik. Mit 18 Jahren gründete der damalige Religionsstudent die Organisation Kader Pelestari Budaya (Verein für Kulturerhalt), die sich für den Erhalt der balinesischen Kultur einsetzt. Seitdem er mit seinem Team einen vergessenen sakralen Tanz rekonstruierte, geht es für ihn aufwärts: Erst arbeitete er für ein Team der UNESCO, wurde dann zum lokalen Vorsitzenden der landesweiten Jugendorganisation Karang Taruna ernannt und vor einem halben Jahr zum Dorfsekretär berufen – eine Position, die üblicherweise deutlich ältere Männer besetzen. «All die globalen Einflüsse, denen Bali ausgesetzt ist, bergen langfristig eine Gefahr für unsere Traditionen. Ich möchte die junge Generation motivieren, sich wieder auf ihre eigentlichen Werte zu besinnen», sagt der charismatische Nachwuchspolitiker Gung Oka, der fast immer Wickelrock und traditionellen Kopfschmuck trägt.

«Es sind junge Leute wie Gung Oka, die Bali heute braucht», kommentiert Tjokorda Agung Pemayung, Dorfchef von Pejeng. Der 50-jährige Nachkomme des ehemaligen Königs von Pejeng sitzt auf den Empfangssesseln vor seinem Büro und trinkt süssen Tee. «Wir müssen unsere Kultur bewahren, damit sie nicht zu einem kommerziellen Spektakel verkommt. Wenn wir nur noch für Touristen agieren und die sakrale Bedeutung unserer Künste vergessen, ist unsere Identität dahin.» Pak Tjok, wie der unermüdliche Querdenker genannt wird, setzt alles daran, den Massentourismus im benachbarten Ubud von Pejeng fernzuhalten. Kein einfaches Unterfangen: Während das beliebte Yoga- und Shoppingzentrum Ubud aus allen Nähten platzt, liegt das Pejeng noch ganz ruhig inmitten malerischer Reisterrassen.

Das 6500-Einwohner-Dorf Pejeng ist eines der ältesten der Insel: Das Archäologische Museum zeigt lokale Artefakte aus prähistorischer Zeit, drei der ältesten Tempel Balis finden sich hier. Die bislang einzige Unterkunft bietet eine idyllische Pension, die über eine holperige Strasse zu erreichen ist. «Wenn ich die Strassen reparieren lasse, stehen sofort Investoren auf der Matte, die hier Villen bauen wollen», schimpft Pak Tjok, der den Dörflern lieber alternative Einkommensmöglichkeiten schmackhaft machen will. Organische Landwirtschaft zum Beispiel – angesichts des allgemeinen Biotrends auf Bali ebenfalls ein zukunftsträchtiges Modell.

Die Balinesen sind eine Agrargesellschaft, deren Kultur und Religion eng mit der Natur verbunden sind. Mehrmals täglich bringen sie den Göttern und Dämonen, die ihre Insel bevölkern, Opfergaben dar – nicht nur in den unzähligen Tempeln, sondern an jedem denkbaren Ort: zu Hause und bei der Arbeit, auf Strassen und Kreuzungen, an Seen und Flüssen, in Wäldern und auf den Reisfeldern. Doch Massentourismus und ein unkontrollierter Bauboom haben mittlerweile zu einer Agrar- und Wasserkrise geführt. «Die traditionellen Anbausysteme funktionieren nicht mehr», erklärt der Dorfchef, der einst Entwicklungswirtschaft studiert hat. «Die jungen Leute wollen heute alle neue Handys, schicke Autos und grosse Häuser – aber was hilft ihnen das, wenn sie kein Wasser und keinen Reis mehr haben?»

Ode, Punkmusikfan und Religionsstudent

Autos oder Häuser interessieren Ode nicht. Der 21-Jährige knattert am Wochenende auf seinem alten Moped aus der Hauptstadt Denpasar nach Hause. Dort studiert er hinduistische Religion, wie bis vor wenigen Jahren auch Gung Oka. Eigentlich hätte er lieber Kunst studiert, doch seine Eltern erlaubten es nicht. Die einzigen Möbelstücke in seinem ehemaligen Jugendzimmer sind eine unbezogene Matratze und ein alter Fernseher mit grossen Lautsprechern. Auf die schwarze Wand dahinter hat der Punkmusikfan vermummte Sprayer gemalt. Darüber schwebt ein hübsches Mädchen mit Engelsflügen – sie wirkt jedoch eingeschnappt, die Augen geschlossen, die Arme verschränkt. «Story of Life» ist zu lesen. Auf der Fensterbank steht eine Batterie leerer Whiskeyflaschen, auf dem Boden ein überquellender Aschenbecher in Form eines Totenkopfes.

Das grottenartige Zimmer bildet einen starken Kontrast zum traditionellen balinesischen Wohnkomplex seiner Grossfamilie: Mehr als 20 Verwandte leben in den dicht aneinander gebauten Häuschen. In der Küche qualmt ein Holzkohlefeuer, der Duft von Kokoscreme mischt sich mit dem der Frangipaniblüten im Hof. Eine Tante bastelt auf der Veranda Opferkörbchen, über ihr zwitschern Ziervögel in Holzkäfigen. Diese Gegensätze spiegeln sich auch in Odes Persönlichkeit wieder, der mit vollem Namen Dewa Gede Dwarsa Putra heisst: Während er als politisch engagierter Student in Denpasar regelmässig mit seinen Kommilitonen gegen ein umstrittenes Landgewinnungsprojekt in der Benoa-Bucht im Süden Balis demonstriert, hilft er zu Hause als höflicher Sohn, traditionelle Kuchen vorzubereiten, die die Mutter morgens auf dem Markt verkauft.

Und während er sich durchaus vorstellen könnte, eine nichthinduistische NichtBalinesin zu heiraten, würde er nie auf die Idee kommen, ein wichtiges Gebet oder gar das Vollmond-Ritual auszulassen. «Wer an einer grossen Zeremonie oder Versammlung nicht teilnimmt, muss sich stattdessen mit einer Geldspende oder mit Naturalien daran beteiligen. Das erzeugt einen sozialen Druck, der nicht immer angenehm ist. Schliesslich finden viele Veranstaltungen zur Arbeitszeit oder, wie bei mir, während des Studiums statt», erzählt Ode, der noch nicht regelmässig an der Dorfversammlung aller verheirateten Männer teilnehmen muss. «Dennoch halte ich diese Regelungen für essentiell, sonst wäre unsere kulturelle Identität längst nicht mehr so stark erhalten.»

Im Gegensatz zu den meisten seiner Altersgenossen verbringt der hübsche Jüngling mit Schmalztolle und Lederjacke seine Freizeit nicht in Cafés oder Clubs, sondern im Kebun Setaman Pejeng (Gemeinschaftsgarten Pejeng): einem kommunalen Gemüsegarten inmitten der Reisterrassen im Norden des Dorfes, den der Dorfchef im vergangenen Jahr nach den ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigen Prinzipien der Permakultur anlegen liess, die in den siebziger Jahren als Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft in Australien entwickelt wurde. «Nach meinem Studienabschluss möchte ich hier mithelfen, die Vision unseres Dorfes weiterzuentwickeln», sagt Ode und schaut auf die frisch bepflanzten Nassreisfelder, die im Sonnenlicht glitzern. Dutzende von Enten suchen laut schnatternd nach Futter. «Wenn das Wasser knapp wird, müssen wir den Bauern Alternativen bieten, damit sie die Felder nicht an Hotels verpachten. Eine nachhaltige Landwirtschaft ohne Chemie zum Beispiel. Oder ein alternatives Lernzentrum», sagt der angehende Religionslehrer, der gern einmal Ethik in einer alternativen Schule unterrichten würde. «Allerdings ist es ziemlich schwierig, andere junge Leute zum Mitmachen zu bewegen. Die meisten suchen sich lieber Jobs in Ubud, um möglichst viel Geld zu verdienen.»

Icut, Englischlehrerin und Zimmermädchen mit Zukunftsvision

Doch viele sind auf diese Jobs angewiesen. Auch Ni Ketut Purnamantari, genannt Icut, arbeitet in Ubud. Um ihr mageres Gehalt als Honorarkraft an einer staatlichen Mittelschule aufzubessern, jobbt die 25-jährige Englischlehrerin in einem kleinen Hotel am Stadtrand: jeden Tag fünf Stunden Frühstück zubereiten, Zimmer putzen, Betten machen und Rezeption bewachen. Ihre kurze Mittagspause reicht gerade dafür aus, von ihrer dunkelblauen Arbeitskluft in eine rosa Spitzenbluse und einen buntgemusterten Wickelrock zu schlüpfen, bevor sie zum Unterricht muss.

Weil heute Vollmond ist, tragen Schüler und Lehrer der SMP 3 Tampaksiring traditionelle balinesische Kleidung anstatt der üblichen Schuluniform. Das Schuljahr hat gerade begonnen und Icut stellt sich einer neuen Klasse vor, 15 Mädchen und 18 Jungen im Alter von zwölf Jahren. Sie erklärt ihnen, wie wichtig es ist, in Zeiten der Globalisierung Englisch zu lernen, gerade auf Bali, das zu 80 Prozent vom Tourismus lebt. Danach sagen sie im Chor das Alphabet auf.

«Natürlich beeinflussen die Touristen unser Leben», erklärt die junge Lehrerin am Nachmittag in ihrem Elternhaus, das gleich neben der Dorfversammlungshalle von Pejeng liegt. Ein gespaltenes Tor führt zu den vier Wohnhäusern der 17-köpfigen Grossfamilie. Das Jüngste ist gerade einen Monat alt. Einige junge Männer spielen Schach und qualmen Nelkenzigaretten, während die Mutter Opfergaben für die ganze Familie vorbereitet – rund sechs Stunden täglich ist sie damit beschäftigt. Icut bringt Tee und fährt fort: «Die Fremden sind nicht besonders höflich, tragen zu knappe Kleidung und stehen immer unter Zeitdruck. Andererseits haben sie viel bessere Tischmanieren und bringen Frauen mehr Respekt entgegen. Ich finde, wir sollten vor allem die positiven Aspekte annehmen, schliesslich sind wir auf den Tourismus als Einkommen angewiesen. Nur dürfen wir dabei nicht vergessen, wo wir selbst herkommen.»

Die zierliche Balinesin ist stolz auf ihre kulturellen und religiösen Traditionen. Sie liebt es, in den bunten Prozessionen mitzulaufen, bei denen die Frauen hochaufgetürmte Opfergaben auf dem Kopf balancieren. Sie bewundert traditionelle Tänzer und Musiker, die die alten sakralen Rituale beherrschen. Doch sie wünscht sich auch mehr Fortschritt, bessere Bildung und Technologie zum Beispiel. Und sie wehrt sich gegen überholte soziale Zwänge, etwa den, so früh wie möglich heiraten zu müssen. «Ich bin nur jetzt jung, das möchte ich geniessen und meine Zeit aktiv gestalten», so die Tochter eines angesehenen Staatskundelehrers.

Auch sie hat Visionen für Pejeng. Anstatt den Fremdenverkehr komplett auszuschliessen, würde sie lieber einen sanften Tourismus im Dorf zulassen: einige kleinere Homestays und Cafés zum Beispiel, geführte Touren durch die Reisfelder oder Permakultur-Workshops. Sie selbst träumt davon, ein kleines Restaurant zu eröffnen, in dem sie leckere Gerichte aus dem Biogemüse des Gemeinschaftsgartens zubereiten würde. Nebenbei könnte man interessierten Fremden das wirkliche Leben in Bali zeigen – nicht nur die portionsgerecht zusammengestückelten Tänze, die jeden Abend in Ubud zu sehen sind.

Wie die meisten Balinesen verbringt Icut einen grossen Teil ihrer Zeit mit der Erfüllung sozialer und religiöser Pflichten. Dazu gehört auch das Ritual zu ihrem balinesischen Geburtstag, der alle 210 Tage stattfindet. Diesmal fällt er auf den Tag des Vollmonds. Trotz Regen bringt sie nach Feierabend jedem der Hauptgötter Brahma, Shiva und Vishnu einige Opfergaben dar und betet vor den Schreinen des Familientempels, der in Bali zu jedem Haus gehört. Danach bespritzt ihr Vater sie mit geweihtem Wasser und steckt ihr Blüten hinter die Ohren. In eine weisse Seidenbluse und einen knallgelben Sarong gekleidet, kniet Icut vor dem Altar, fächelt sich den Duft der Räucherstäbchen zu und meditiert, um sich innerlich zu reinigen. «Unsere kulturelle Identität ist viel zu tief in der Gesellschaft verankert, als dass wir sie einfach so ablegen könnten. Kinder lernen von klein auf, dass es Folgen hat, wenn sie sich nicht an die gemeinschaftlichen Regeln halten. Daran werden auch Internet und Social Media nichts ändern», glaubt die überzeugte Hinduistin.

Am nächsten Tag werden vier prächtig geschmückte Götterfiguren aus dem mittelalterlichen Pura Kebo Edan (Tempel des verrückten Stiers) in einer feierlichen Prozession zu einem Tempelfest ins Nachbardorf überführt. Icut gesellt sich zu Gung Oka und seiner Karang-Taruna-Jugend. Begleitet vom Dröhnen der Gongs verschwinden die jungen Balinesen im Strom von Hunderten weissgekleideter Dörfler, hinter denen sich die Mopeds stauen: Das moderne Bali muss erst einmal warten. Nur Ode fehlt. Er musste zum Campus zurückfahren – vermutlich, um die nächste Demonstration vorbereiten.