Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Reportage

Pflanzen, pflanzen, weiter pflanzen

Welternährung 1/2016 –

Seit die 52-jährige Rubikem aus der indonesischen Provinz Yogyakarta ein kleines Stück Land besitzt, hat sie ihr Leben dem Wald und en Pflanzen verschrieben. Vor einigen Jahren wurden sie dafür vom Staatspräsidenten persönlich ausgezeichnet. Seit vielen Jahren versucht sie, den Bauern nahezubringen, wie wichtig der Wald ist.

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Mit bloßen Händen buddelt Rubikem im Waldboden. Triumphierend hält sie kurz darauf ein paar dicke Knollen in die Luft: „Süßkartoffeln“, erklärt sie ihrer vierjährigen Enkelin Ama, „daraus kann man leckere Chips machen.“ Rubikem hat wie viele Indonesier nur einen Namen. Die kräftige 52-Jährige steht in einem Wald aus Mahagoni- und Albiziabäumen hinter ihrem Haus im Dörfchen Terong in der indonesischen Provinz Yogyakarta. Sie trägt eine Batikbluse über ihren Jeans, dazu das traditionelle Kopftuch der Muslimas. Sie sprüht vor Ideen, wie die Dorfbewohner ihr Leben mit Hilfe eines intakten Waldes verbessern könnten: von Biomärkten oder Kunsthandwerk aus Waldprodukten bis hin zu Agrotourismus.

Wie das aussehen könnte, lebt die dreifache Mutter und zweifache Großmutter selbst vor: Das einfache, javanische Haus ihrer Großfamilie ist umgeben von Avocado-, Kakao- und Mangobäumen. Neben der Eingangstür stapeln sich Säcke mit selbst hergestellten Chips aus Süßkartoffeln, Pfeilwurzeln und anderen Knollen, die im Wald wachsen. In einem Beet zieht sie Chilis, Tomaten, Auberginen, Sellerie – „alles organisch“ betont sie, und zeigt in Richtung ihrer Kuh, deren Mist sie als Dünger nutzt. „Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie wenig manche Menschen die Natur schätzen“, sagt Rubikem, die als Tochter landloser Bauern von klein auf tiefen Respekt erlernt hat vor allem, was wächst.

Umweltbewusstsein ist in Indonesien nicht selbstverständlich. Der Archipel aus 17.000 Inseln besitzt zwar die drittgrößten Regenwälder der Erde, diese verschwinden jedoch schneller als irgendwo anders in der Welt: Jedes Jahr werden schätzungsweise zwei Millionen Hektar Waldflächen abgeholzt, um stattdessen Palmöl- oder Papierplantagen anzubauen, Bodenschätze abzubauen oder schlichtweg um an die wertvollen Hölzer zu gelangen. Die Hauptinsel Java ist nur noch zu 23 Prozent mit Wald bedeckt.

Als Rubikem nach ihrer Heirat mit einem Grundschullehrer 1981 zum ersten Mal selbst ein kleines Stück Land besaß, pflanzte sie zunächst Erdnüsse. „Damals gab es hier Orte, die aussahen wie eine kahl geschorene Glatze. Kein Grün, kein Wasser, nur nackte, trockene Erde“, erinnert sie sich. „Also habe ich angefangen, Bäume zu pflanzen, überall, egal ob das Land mir gehörte oder nicht.“ Nach ihrem Mittelschulabschluss engagierte sie sich erfolgreich in verschiedenen Frauen- und Bauernorganisationen, 2007 gründete sie eine Gruppe zum Schutz des Dorfwaldes.

Der Wald ist zurück

Terong ist der am höchsten gelegene Ort im Regierungsbezirk Bantul. Die lange Trockenzeit in diesem Jahr hat der Landwirtschaft stark zugesetzt. Steile Serpentinen führen im Osten von Bantul auf das Karstgebirge Gunung Kidul, die Hänge sind an vielen Stellen braun. Doch kaum ist der letzte Steilhang überwunden, wird es grüner, die Luft frischer: Rund 80 Prozent des 6.500-Einwohner-Dorfs sind heute mit Waldflächen bedeckt. Es geht unter anderem auf Rubikems Initiative zurück, dass auch der steile, erdrutschgefährdete Berghang unterhalb von Terong wieder bewaldet ist und in den dort gelegenen Dörfern wieder Wasserquellen sprudeln.

2012 wurde die Umweltaktivistin als Indonesiens beste „Unabhängige Hüterin eines Gemeinschaftswalds“ ausgezeichnet, vom Staatspräsidenten persönlich. Diese Ehrung, die sie sich zuvor „nicht im Traum hätte vorstellen können“, versteht sie allerdings nicht als Geschenk, sondern als Herausforderung. Und als Chance – vor allem für die Frauen in ihrem Dorf: Rund die Hälfte der Waldbesitzer sind weiblich. Mit Waldprodukten wie Heilkräutern oder Kunsthandwerk können sie ihr eigenes Geld verdienen.

Als noch im selben Jahr die Waldbauernvereinigung Jasema (kurz für: Teak, Albizia, Mahagoni) gegründet wurde, war Rubikem natürlich auch dabei. Das Amt des Vorsitzenden überließ sie lieber dem Leiter der örtlichen Bauerngruppe Sugiyono. „Zu viel Gerede“ erfordere dieser Posten. Sie selbst übernahm das Sekretariat. Im Aufsichtsrat sitzt außerdem der damals gerade neu gewählte Dorfchef Welasiman, selbst ein einfacher Bauer. Das erklärte Ziel des Trios: mit Hilfe eines funktionierenden Gemeinschaftswald die örtlichen Umwelt- und Klimabedingungen zu verbessern und somit auch die Wohlfahrt der Bevölkerung. „Einen Glücksfall“, nennt der Chef der regionalen Forstbehörde Partogi Dame Pakpahan, diese Kombination: „Woanders halten sich die Leute mit Politik auf. In Terong gehen sie direkt an die Arbeit.“

Mit Hilfe der lokalen Umweltorganisation Arupa lernten die Waldbauern, wie man den Kohlenstoffgehalt von Bäumen berechnet und dadurch auch ihren Wert bestimmen kann. Allein 2014 pflanzten Jasema-Mitglieder mit Geldern des staatlichen Klimawandel-Treuhandfonds 4.725 Teakbäume, die knapp 25 Tonnen Kohlenstoff pro Jahr speichern können. Das Indonesische Ministerium für Entwicklungsplanung erklärte Terong daraufhin zum „klimabewussten Dorf“, eine sehr hilfreiche Auszeichnung für weitere Projekte. „Und trotzdem verkaufen die Leute immer wieder Holz für ein paar Hunderttausend Rupiah, nur um eine Rate für ihr Moped abzustottern, anstatt zu warten, bis der Baum so groß ist, dass er ihren Kindern die Ausbildung finanzieren könnte“, schimpft Rubikem.

Mikrokredite ersetzen die Axt

Also rief sie gemeinsam mit dem Jasema-Vorstand die Koperasi Tunda Tebang („Kooperation zur Verzögerung des Baumfällens“) ins Leben, damit ihre Mitglieder nicht mehr auf halbwüchsige Bäume zurückgreifen müssen, um Arztkosten oder Hochzeitsfeiern zu bezahlen. Stattdessen können sie sich nun Mikrokredite im Wert ihrer Bäume auszahlen lassen, wenn sie diese dafür stehen lassen. „Das wichtigste Ziel unsere Initiative ist der Wald- und Klimaschutz. Wir sind kein Finanzinstitut, das Profit machen will“, sagt Rubikem mit Nachdruck.

Natürlich fragen dennoch viele erst einmal, was ihnen eine Mitgliedschaft in der Vereinigung persönlich einbringt. Rubikem erzählt ihnen dann geduldig von den Jahreszeiten, die sich immer mehr verschieben. Davon, dass sich die Bauern nicht mehr auf ihre überlieferten Regeln verlassen können. Und dass dies mit dem Klimawandel zu tun hat. „Wenn der Klimawandel unsere Land- und Waldwirtschaft zerstört, hat niemand mehr irgendetwas davon. Das einzige, was wir hier dagegen tun können, ist Bäume pflanzen. Also sollten wir das tun“, erklärt die Waldhüterin, die ihr Wissen mittlerweile bei Seminaren der Forstbehörde in ganz Java weitergibt. Neuerdings auch in Grundschulen: „Der Klimawandel geht jeden etwas an. Auch unsere Kinder sollten von klein auf darüber Bescheid wissen.“ Sagt sie und singt mir ihrer Enkelin ein Lied, dass vom Pflanzen handelt und davon, wie schön es ist, wenn alles gedeiht und die Ernte naht.