Christina Schott

Journalistin, Südostasien-Analystin, Berlin

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Special

Reisfelder des Leidens

BRIGITTE 21/2015 –


Hunderttausende Indonesier verschwanden Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in Arbeitscamps. In „Alle Farben Rot“ erzählt die Autorin Laksmi Pamuntjak zum ersten Mal in einem Roman von ihrem Schicksal – und von einer großen Liebe


Laksmi Pamuntjak liebt Mythologie. Alte Epen, in denen zweideutige, unberechenbare Helden zwischen verschiedenen Welten wandern. So wie sie selbst: Sie ist Schriftstellerin, Journalistin und Mitbegründerin einer Buchladenkette, eine britisch-katholisch erzogene Muslimin, mehrsprachig aufgewachsen in Jakarta und Singapur, hin- und hergerissen zwischen modernem westlichen Lifestyle und uralten fernöstlichen Traditionen. „Ich trage zwei Kosmen in mir“, sagt die 43-Jährige, die ihren Besuch beim Gespräch in ihrem Haus in Jakarta barfuß im eng anliegenden Minikleid empfängt und ständig zwischen Indonesisch und Englisch wechselt.

Laksmi Pamuntjak wurde in die intellektuelle Oberschicht Jakartas hineingeboren. Ihr Großvater gründete einen der ältesten Verlage Indonesiens, den die Familie bis 2012 weiterführte. „Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für deutsche Literatur und klassische Musik – unser Haus war voll davon“, erzählt sie, ihr Vater hat in Westberlin Architektur studiert. Als Mädchen war sie nicht nur eine ehrgeizige Vielschreiberin, sondern auch eine begabte Pianistin, doch die Eltern wollten nicht, dass ihre einzige Tochter den Rest
ihres Lebens auf Auslands-tourneen verbringt. Heute erinnert der Konzertflügel im Wohnzimmer an ihre alte Leidenschaft.

Während sie mit dem Handy in der Hand
auf das Okay zu ihrer neuesten Kolumne in
der britischen Zeitung „The Guardian“ wartet, erzählt sie vom Liebeskummer ihrer 19-jährigen Tochter, die gerade während
der Semesterferien aus den USA zu Besuch
ist. Fotos auf dem Sofatisch zeigen Laksmi Pamuntjak mit ihrem zweiten Ehemann,
einem Indonesier, der als Umweltökonom
in Australien arbeitet. Die Bücherregale sind voller Weltliteratur, und – etwas versteckt hinter der Essecke – verrät eine gut bestückte Bar den westlichen Lebensstil der Hausbewohner.

Laksmi Pamuntjak schreibt seit Langem Kolumnen im wichtigsten indonesischen Nachrichtenmagazin „Tempo“, hat Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht, doch richtig bekannt wurde sie durch einen kulinarischen Führer durch die Hauptstadt, den „Jakarta Good Food Guide“. „Essen ist der beste Einstieg, um über alle anderen Themen zu reden“, sagt sie. Das Thema von Laksmi Pamuntjaks erstem Roman ist in der Tat sehr anders: „Alle Farben Rot“ beschreibt das Leben im größten politischen Gefangenenlager Indonesiens, das 1969 auf der Molukkeninsel Buru entstand. Rund 12000 politische Gefangene mussten hier über ein Jahrzehnt lang den Dschungel mit nicht viel mehr als ihren bloßen Händen in Reisfelder umwandeln. Viele von ihnen kamen dabei um, durch Hunger, Krankheit oder sadistische Bestrafungen. Die betroffenen Familien erfuhren oft erst viele Jahre später vom

Verbleib oder Tod ihrer Angehörigen.
Um die Brisanz dieser Themenwahl zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte des Inselstaats mit der weltgrößten muslimischen Bevölkerung nötig: Indonesien erkämpfte sich seine Unabhängigkeit von der niederländischen Kolonialmacht nach dem Zweiten Weltkrieg in einem vierjährigen Krieg. In den 1950er-Jahren führte die Republik unter Präsident Sukarno die Bewegung der Blockfreien Staaten an. Nach einem Putschversuch 1965, der bis heute offiziell der Kommunistischen Partei Indonesiens angelastet wird, damals immerhin die drittgrößte der Welt, übernahm der prowestliche General Suharto die Macht. Im ganzen Land startete eine Jagd auf angebliche Kommunisten. Mindestens eine halbe Million Menschen starben in Massakern, Hunderttausende verschwanden in Straflagern. 1998 wurde Indonesien demokratisch, doch es gibt bis heute von offizieller Seite keine nennenswerten Bemühungen, dieses ungeheure Menschenrechtsverbrechen aufzuklären. Die Kommunistische Partei ist bis heute verboten, ehemalige politische Gefangene sind immer noch stigmatisiert.

In „Alle Farben Rot“ verschwindet der junge Arzt Bhisma Rashad, nachdem er 1965 bei der gewaltsamen Auflösung eines linken Studentenprotestes von seiner Geliebten Amba getrennt wurde. Amba glaubt zunächst, dass der charismatische Bhisma sich mit einer anderen Frau abgesetzt habe. Als sie begreift, dass der im sozialistischen Leipzig ausgebildete Chirurg als „Kommunist“ verhaftet wurde, ist es zu spät, ihn zu suchen. Zu ihrer bürgerlichen Familie oder ihrem enthaltsamen Verlobten Salwa kann Amba ebenfalls nicht zurückkehren, da sie nach ihrer stürmischen Affäre mit Bhisma schwanger ist. In ihrer Verzweiflung heiratet sie einen amerikanischen Dozenten. Ihr Mann sorgt liebevoll für sie und ihre Tochter Srikandi. Doch Amba bleibt unglücklich.

Erst im Jahr 2006, acht Jahre nach dem Fall Suhartos, erfährt Amba durch anonyme E-Mails, dass Bhisma nach Buru gebracht wurde. Er überlebte, blieb jedoch auch nach Auflösung des Gefangenenlagers auf der Insel. Anstatt sich und seine Angehörigen den Schikanen gegen ehemalige politische Gefangene aus- zusetzen, lebte er fortan als Heiler unter den Ureinwohnern Burus und starb dort unter geheimnisvollen Umständen im Jahr 2000.

Amba entschließt sich angstvoll, den Spuren ihrer großen Liebe nach Buru zu folgen. Sie will die ehemaligen Camps sehen, mit Leuten sprechen, die Bhisma kannten, die Umstände seines Todes verstehen. Und warum er niemals zu ihr zurückkehrte. Um auf diese Weise, so hofft sie, endlich mit ihrer Vergangenheit abschließen zu können.

Die Namen Amba, Bhisma und Salwa kennt in Indonesien jedes Kind: Sie stammen aus dem indischen Götterepos „Mahabharata“, dessen Mythen beim traditionellen Wayang-Orang-Theater von prächtig geschmückten Schauspielern nachgespielt werden. Prinzessin Amba wurde König Salwa versprochen, wird jedoch vom feindlichen Prinz Bhisma entführt. Salwa verstößt sie daraufhin, doch Bhisma, den sie liebt, darf wegen eines Gelübdes niemals heiraten. So muss Amba ihr Leben allein und verbittert im Wald beenden.

Im Roman erzählt Pamuntjak eine moderne Variante des Amba-Mythos, die die Geschichte Indonesiens spiegelt. „Es ist unmöglich, über das heutige Indonesien zu schreiben, ohne die Themen Geschichte, Politik oder Religion zu berühren“, sagt Pamuntjak, die Politik und Asienwissenschaften studiert hat. „Es macht mich fassungslos, wie gleichgültig viele Indonesier unserer blutigen Vergangenheit gegenüberstehen. Entweder haben sie zu lange die offizielle Version des Suharto-Regimes eingeimpft bekommen – oder sie sind so jung, dass sie gar nichts mehr darüber wissen.“

Laksmi Pamuntjak ist die erste indonesische Schriftstellerin, die das Leben im größten politischen Gefangenenlager der Suharto-Ära in einem fiktiven Text beschrieben hat. Zuvor gab es nur dokumentarische Berichte oder Opferbiografien. Kritik musste sie dafür nicht nur – wie zu erwarten – vom konservativ-nationalistischen Lager einstecken, sondern auch von linken Gruppen und Opfervertretern: Es sei vermessen, die Leiden der ehemaligen Gefangenen und ihrer Angehörigen in einem fiktiven Roman zu verarbeiten, der noch dazu von einer Liebesgeschichte handle. Zudem werde im Buch nicht ausreichend klar, wer Opfer und wer Täter gewesen sei.

„Mein Ziel war es, objektiv zu bleiben. Ob im Mythos oder im wirklichen Leben: Niemand ist nur gut oder nur böse. Auch die Bewohner Burus haben unter den riesigen Gefangenencamps auf ihrer Insel gelitten. Und nicht alle Bewacher waren schlechte Menschen, manche haben Essen geteilt oder Nachrichten geschmuggelt. Doch mein Fokus lag immer auf der Tragödie der Gefangenen, die Tragödie des Verlustes eines ganzen Lebens“, sagt die Autorin. Ihr Buch wurde zum Bestseller – gerade die Emotionen der Romanfiguren machen die schwierige Historie Indonesiens für viele erst richtig greifbar: Die Umstände der Liebe von Amba und Bhisma erschaffen ein lebendiges Bild der verworrenen politischen und sozialen Umstände, die das Leben in dem riesigen Vielvölkerstaat bis heute beeinflussen.


Laksmi Pamuntjak sprach mit zahlreichen Betroffenen und recherchierte die Schauplätze vor Ort. Zehn Jahre dauerte die Arbeit an ihrem vielschichtigen Roman. Als sie 2006 selbst zum ersten Mal nach Buru fuhr, war die Autorin – wie ihre Protagonistin – in Begleitung ehemaliger politischer Gefangener. Sie zeigten ihr, wo früher die Strafeinheiten lagen, heute erstrecken sich dort üppige Reisfelder. „Ich konnte kaum fassen, wie schön die Natur trotzdem ist“, sagt Pamuntjak. „Auch bei meinen Begleitern kamen vielschichtige Gefühle hoch. Diese Reisfelder existieren nur aufgrund ihrer harten Zwangsarbeit. Doch neben allem Leid hatten sie dort auch Momente der Normalität oder Freundschaft erlebt.“ Trotzdem war es eine angespannte Reise. Bis heute erregen alle Fremden auf der Insel Verdacht. Wie die Reisenden im Roman wurde die Reisegruppe von der Polizei verhört. Dabei geht es heute weniger um Politik, sondern vor allem darum, durch Einschüchterungen Geld oder Vorteile zu erpressen.

Die Lehre aus „Alle Farben Rot“ könnte sein: Wenn sich Indonesien seiner schwierigen Vergangenheit nicht stellt, wird die Nation wie Amba in ihrer unverarbeiteten Trauer hängenbleiben, die zunehmend in Wut umschlägt – aufseiten der Opfer wie der Täter. Erst als Amba weiß, was mit ihrer verlorenen Liebe geschah, schließt sie Frieden mit sich selbst. Und mit ihrer Tochter Srikandi, die endlich von ihrer wahren Abstammung erfährt.

Im Mythos ist Srikandi die Wiedergeburt von Prinzessin Amba, die mutige Bogenschützin rächt sich an Bhisma und tötet ihn mit ihren Pfeilen. Mit Srikandi beginnt nicht nur im „Mahabharata“ eine neue Geschichte. Laksmi Pamuntjak wird ihre Romanfigur aus Jakarta zu einem mehrmonatigen Schreibaufenthalt nach London mitnehmen. Als Protagonistin ihres nächsten Romans wird Ambas Tochter dort ein neues Leben beginnen.