Zungenstrecker und Bartweiser
von Ave Aventin

Dämonenplastiken und ihre Schutzfunktion - Zeichen
ZungenstreckerAn alten Kirchen, Stadttoren und Bürgerhäusern finden sich oftmals Skulpturen, die nicht immer leicht einzuordnen sind. Fremdenführer pflegen ihre Existenz – sie fallen meist unter die Kategorie ‚obszön‘ – oft schamhaft zu übergehen. Da gibt es bärtige Männer- und Tierköpfe, Fabelwesen, die Menschen verschlingen, nackte Männer und Frauen. Diese Arten von Dämonenplastiken finden sich hauptsächlich an alten Gebäuden, aber auch an neueren. Steinerne Fratzen und Masken mit weit aufgerissenen Mäulern, Esel- oder Ziegenohren und weit heraushängende Zungen. Die Plastiken sind nicht nur an Westseiten zu finden, nach alter Überlieferung kommen die Dämonen ja von Westen (von der Grenze zwischen Tag und Nacht), sondern auch an Säulenkapitälen, Schlössern, Burgen, Bank- und Versicherungspalästen sowie Regierungsgebäuden.
Meist hoch oben, an Erkern und Zinnen und über Fenstern und Eingängen finden wir die drohenden Raubtiere, halb Säugetier, halb Reptil, mit ihren grimmig fletschenden Gebissen, die an Raubfische erinnern. Sie bevölkern die Rippen des gotischen Zierrates über den Dächern von Kirchen und sie wachen als Wasserspeier oder Gesimsfiguren an Kapitellen und Dächern. Die grässlich anzusehenden Raubtiere und das maskenhafte Gesicht, das seine Absichten verbirgt, haben die Funktion, Häuser und Kultstätten vor schlechten oder unberechenbaren Einflüssen zu schützen. Es sind reine Abwehrsymbole.
Etwas freundlicher zeigen sich herbei nur die sogenannten Zungenstrecker. Ihre Mimik drückt Zorn, Verachtung und Spott aus. Das Zungenstrecken ist eine Andeutung des Spuckens, ein Zeichen des Widerwillens und Ekels. Beim Spotten – das Wort leitet sich von Spucken ab – zeigen Menschen einander die Zunge. Überlebt hat bis heute die Bedeutung von »toi toi toi« als ritualisiertes Spucken, um Gefahr zu bannen und Erfolg zu beschwören.
Skulpturen, die dem Betrachter das nackte Gesäß weisen sowie bärtige Mannsgesichter gehören auch zum Schreck-Figuren-Repertoire. Oft stellen die Bärtigen ihren Bart durch einen besonderen Gestus zur Schau, den man das »Bartweisen« nennt. Die Bartweiser packen den Bart entweder mit der Hand demonstrativ in der Mitte oder ziehen ihn mit den Händen nach den beiden Seiten auseinander. Indem sie ihren Bart dem Betrachter entgegenstrecken, stellen sie ihre Kraft und Männlichkeit dar.
Die meisten Grotesken haben eines gemeinsam: Das Drohimponieren stellt eine Schutzfunktion für die von Angst geplagten Menschen dar. Das Herausstrecken der Zunge symbolisiert das Wachesitzen und stellt ein Zeichen des Objektschutzes dar. Der Mensch ist nun mal ein verträumtes Wesen. Wenn ihn Sorgen plagen, so unsere Sachverständigen, durchlebt er in seinen Phantasien Schreckensvisionen und in seinen Ängsten können Feindbilder zu halb tierischen und halb menschlichen Zwitterwesen verschmelzen. Sie bevölkern sodann als Monsterwesen unsere Träume, tauchen in Märchen auf oder werden sichtbarer Ausdruck in Malerei und Skulpturen.
Zungenstrecker und Bartweiser - Dämonenplastiken und ihre Schutzfunktion
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Ave Aventin
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