Das Recht, Bescheid zu wissen
von Anika Haider
Gedenken an die Opfer des Holocausts vernachlässigt häufig intersektionale Aspekte. Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück will das anders machen. Anika Haider war vor Ort.
Auf einer Säule von rund fünf Metern Höhe überblickt die „Tragende“ den See, der Ravensbrück vom angrenzenden Fürstenberg trennt. Die Bronzestatue von Will Lammert gilt als Wahrzeichen der Gedenkstätte und zeigt die ehemalige Gefangene Olga Benario-Prestes. Sie soll ihre Gefährtin, die beim Appell zusammengebrochen war, ungeachtet des strengen Verbots vor aller Augen in das Krankenrevier getragen haben. Die Skulptur steht für die Solidarität und den Widerstand, der für die Frauen in Ravensbrück überlebenswichtig war.
Hinter der Statue liegt eine Wiese, der „neue Gedenkort“, auf dem verschiedene Mahnmale an die Opfergruppen erinnern sollen, die im kollektiven Gedenken bisher noch wenig vertreten sind.
Von 1939 bis 1945 befand sich auf dem Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet. 1942 kam neben einem angegliederten kleinerem Männerlager auch ein sogenanntes Jugendschutzlager hinzu, in dem junge Frauen und Mädchen inhaftiert waren. Heute ist die Mahn- und Gedenkstätte ist eine der wenigen, in der sich konsequent um eine intersektionale Aufarbeitung des Holocausts bemüht wird.
Geschlechterverhältnisse seien in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ganz essenziell, ist Historiker Matthias Heyl, Leiter der Bildungsabteilung in Ravensbrück, überzeugt.
So habe etwa die Konstruktion von Weiblichkeit eine große Rolle in der politischen Verfolgung von Frauen gespielt. Und auch Vorstellungen von Männlichkeit hätten den Nationalsozialismus und besonders die SS-Strukturen wesentlich geprägt. „Ich finde es manchmal irritierend, dass die Orte ehemaliger Männerlager diese Genderfragen kaum im Blick haben”, sagt Heyl.
Queere Häftlinge
Auf der Wiese des „neuen Gedenkorts” in Ravensbrück liegt vor einem Baum eine Tonkugel. Mit rund achtzig Zentimetern Durchmesser und in erdig-roter Farbe fällt sie neben anderen Mahnmalen kaum auf. Doch die unscheinbare Kugel hat über Jahre hinweg für hitzige Diskussionen gesorgt. Sie ist das bisher einzige Gedenkzeichen, das an lesbische KZ-Häftlinge am Ort ihres Leidens erinnert.
Lange wehrte sich der damalige deutsche „Lesben- und Schwulenverband” (LSVD) dagegen, das Mahnmal aufstellen zu lassen. Im Nationalsozialismus standen schließlich nur gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern offiziell unter Strafe, so die Begründung. Mit einem Gedenkzeichen für lesbische Frauen würde die „Legende einer Lesbenverfolgung“ geschaffen, argumentierte Alexander Zinn, einstiger Sprecher des LSVD. Seit 2022 erinnert die Gedenkkugel daran, dass diese „Legende” Realität war. Auch wenn die Verfolgung lesbischer Frauen weniger dokumentiert ist, gibt es doch zahlreiche Belege für lesbische Frauen, die in der NS-Zeit als „asozial“ oder „entartet“ verfolgt, psychiatriert und inhaftiert wurden.
Es brauchte Fingerspitzengefühl, um den Personen, denen man gedenkt, gerecht zu werden, sagt Matthias Heyl. Von lesbischen Häftlingen gäbe es wenige Selbstzeugnisse, sondern vor allem homofeindliche Beschreibungen von Mithäftlingen. Auch ob sich Personen selbst in die Geschlechterkategorien, die wir heute verwenden, eingeordnet hätten, wisse man selten.
Größere Bekanntheit erlangte das Beispiel von Nelly Mousset-Vos und Nadine Hwang, die sich im KZ Ravenbrück kennenlernten und verliebten und deren Geschichte 2022 im Film „Nelly und Nadine” erzählt würde. Doch in ihrem Fall, so Heyl, sei es wichtig, die Frauen nicht auf ihre lesbische Beziehung zu reduzieren. Die beiden wurden nicht aufgrund ihrer Sexualität inhaftiert, sondern als politische Widerstandskämpferinnen. Das müsse betont werden. „Sonst würde man Frauen nicht als politische Subjekte anerkennen, was so oft passiert“, sagt Heyl.
„Asoziale“.
Ein paar Meter neben der tönernen Gedenkkugel steht ein weiteres Denkmal, das ebenfalls an eine wenig sichtbare Opfergruppe erinnert. Neben einer Skulptur aus hohen Kristallblöcken steht auf einer Plakette „Zur Erinnerung an die Frauen, die Sex-Zwangsarbeit leisteten”.
Auch das war lange ein Tabuthema: In vielen Konzentrationslagern existierten Bordelle, die den männlichen Häftlingen als Arbeitsanreiz dienen sollten. Die meisten der Frauen, die dafür zwangsprostituiert wurden, wurden im KZ Ravensbrück zwangsrekrutiert.
Matthias Heyl erinnert sich an die Eröffnung einer Sonderausstellung, die diesen Frauen gewidmet war: „Das war die erste Ausstellung, bei deren Eröffnung keine Überlebende dabei war."
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung widmet sich den Inhaftierten des angrenzenden „Jugendschutzlagers Uckermark”. Dort wurden insbesondere Jugendliche und junge Frauen inhaftiert, die als „asozial” oder „sexuell verwahrlost” galten, weil sie beispielsweise wohnungslos waren oder Sexarbeit nachgingen. Unter unmenschlichen Bedingungen mussten sie dort zur „Umerziehung“ Zwangsarbeit leisten.
Die Verfolgung als „Asoziale“ traf im NS-Regime überwiegend Frauen. Männer wurden zwar auch als „asozial“ gebrandmarkt, weit öfter aber Frauen, die sich nicht in traditionelle Familienstrukturen einfügten, unverheiratet waren oder keine Kinder hatten. Die historische Forschung und Aufarbeitung rund um die Verfolgung von „Asozialen“ begann erst spät und ist bis heute lückenhaft – auch als Opfergruppe wurden sie zunächst nicht anerkannt. Verfolgte wurden in der Nachkriegsgesellschaft noch marginalisiert und nicht angemessen entschädigt. Erst in den vergangenen Jahren entstanden vermehrt Initiativen, die sich für das Gedenken an als „Asoziale“ oder auch „Berufsverbrecher“ Verfolgte einsetzen.
Heute sind auf dem Gelände des ehemaligen „Jugendschutzlagers”, das mittlerweile verwaldet ist, auf Tafeln die Geschichten von Überlebenden nachzulesen .Interventionen rekonstruieren das Lager.Auch ein aktivistisches FLINTA*-Netzwerk, das regelmäßig zum Standort Uckermark arbeitet, hat sich mittlerweile gebildet. Die Mitglieder erforschen die Geschichte des Lagers, suchen Kontakt zu Überlebenden und treffen sich zu jährlichen Bau- und Begegnungscamps, um auf dem Gelände „einen würdigen Gedenkort zu gestalten”.
Mehr Fragen.
Welche Aufgaben müssen Gedenkstätten erfüllen? Heyl will keine „Choreographie von Emotionen” oder „Betroffenheitspädagogik” anbieten. „Ich weiß, dass viele Menschen mit emotionalen Erwartungen an diese Orte kommen”, sagt er. Die Besucher*innen seien manchmal sogar enttäuscht, wenn sie die erwartete Traurigkeit nicht spüren. Die soziale Erwünschtheit dieser Betroffenheit würde bei einigen auch Abwehr verursachen.
Menschen dürften, wenn sie an Orte wie Ravensbrück kommen, nicht erwarten, dass jede ihrer Fragen beantwortet wird, sagt Heyl. „Im Zweifel sollen die Besucher*innen mit mehr Fragen weggehen.”
Er selbst spüre durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Überlebenden eine gewisse Pflicht, zu erinnern. „Ich finde aber, dass die Besucherinnen und Besucher weniger die Pflicht haben, zu erinnern, als vielmehr das Recht, Bescheid zu wissen.”
Anika Haider
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