"Lieber verdrängen"
von Anika Haider
Immer mehr Menschen in Österreich fühlen sich einsam. Besonders betroffen sind auch viele alte Menschen. Von Anika Haider
In Österreicher fühlt sich seit der Corona-Pandemie jeder vierte Mensch einsamer als je zuvor, mehr als jede*r sechste musste seine Sozialkontakte wegen der Teuerung einschränken. So die Ergebnisse einer Studie des SORA-Instituts, die untersuchte, wie stark Einsamkeit in Österreich verbreitet ist. Die Studie macht einmal mehr deutlich, was für ein ernstzunehmendes Problem Vereinsamung ist. Menschen mit niedrigen Einkommen leiden laut Befragung besonders unter den sozialen Folgen der Teuerung. Menschen über siebzig sowie die Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren sind besonders häufig von Einsamkeit betroffen. Die Untersuchung zeigt außerdem: Mehr als die Hälfte der Befragten erhofft sich von der Politik mehr Maßnahmen dagegen.
Welche Projekte gegen Einsamkeit besonders effektiv sind, hat indes ein Team vom Verein Social Innovation Wien erforscht. Es seien vorrangig Initiativen, die mit Gesundheitsvorsorge oder Sport beworben werden. Denn Angebote, die explizit mit „Gegen die Einsamkeit“ werben, würden weniger gut angenommen, da sich viele Betroffene für ihre Einsamkeit schämen.
Auch bei der Suche nach Betroffenen, die über ihre Einsamkeit sprechen möchten, bestätigt sich diese Einschätzung. „Einsamkeit ist oft mit Scham verbunden”, erzählt die Physiotherapeutin Ursula Hilger*, die bei ihrer Arbeit täglich mit alten Menschen spricht – oft über deren Einsamkeit. „Die Leute denken dann, es sei ihr eigenes Versagen und wollen sich das nicht eingestehen.” So antwortet auch eine für ein Hintergrundgespräch angefragte Patientin, sie würde ihre Einsamkeit lieber verdrängen als „schwarz auf weiß festzuhalten”.
Der 83-jährige Helmut Plhak hingegen möchte über seine Einsamkeit sprechen. Sein Leben änderte sich schlagartig, als im Mai letzten Jahres seine Frau verstarb. Kurz davor hatte Plhak einen Rippenbruch erlitten und ist nun stark in seiner Mobilität eingeschränkt.
„Seitdem ist das Leben einfach nicht mehr so lebenswert”, die Immobilität und der Verlust seiner Lebenspartnerin hätten ihm viel von dem genommen, was ihm im Leben Freude bereitete. Plhak hätte zwar Menschen, die sich regelmäßig um ihn kümmern und besuchen kommen, doch wirklich innige Beziehungen fehlen ihm. Auch die meisten seiner Freund*innen seien mittlerweile verstorben oder bettlägerig, abgesehen davon hätte er ohnehin nicht mehr genug Kraft für längere Treffen. So ginge es vielen Menschen seiner Generation, meint Plhak. „Ich glaube, die meisten Menschen in meinem Alter sind einsam. Wenn man Familie hat, ist es aber besser”, lautet sein nüchternes Resümee. Er selbst hat als Einzelkind und ohne eigene Kinder keine Angehörigen mehr.
Auch Hilger bestätigt: „Ich beobachte auf jeden Fall, dass Kinder für Menschen im hohen Alter meistens die größte Stütze und der Lebensmittelpunkt sind.” Doch auch dafür gibt es keine Garantie. Denn wenn die Beziehung zu den Kindern aus irgendeinem Grund nicht eng ist, sei das mit viel Schmerz verbunden. Die Erwartungshaltung, für Eltern oder Großeltern verantwortlich zu sein, führe bei den Angehörigen umgekehrt oft zu Druck oder Schuldgefühlen, wenn dafür die Kapazitäten – oder auch die Sympathien – einfach nicht reichen. So berichtet die 31-jährige Carina* im an.schläge-Gespräch von den ambivalenten Gefühlen, die sie ihrer Großmutter entgegenbringt. Sie mochte sie noch nie besonders gern, besonders schwierig wurde es, als herabwürdigende Kommentare hinzukamen. Trotzdem plagen sie Gewissensbisse, weil sie Besuche lange vor sich herschiebt, ganz aussetzen möchte sie den Kontakt aber nicht."
Weitaus weniger Probleme mit Einsamkeit haben übrigens Hilgers Patient*innen, die in Senior*innenheimen untergebracht sind. „Alle Menschen, die ich dort gefragt habe, meinten, so viel Kontakt zu haben, wie sie wollen”, erzählt die Therapeutin. „Ich denke, das ist gerade für Menschen, die nicht mehr mobil sind, eine sehr kontaktfördernde Wohnform”
Einen niederschwelligen Lösungsansatz gegen Einsamkeit hat die Caritas im Frühjahr 2020 mit dem „Plaudernetz“ ins Leben gerufen. Unter der Nummer 05-1776-100 können Menschen, die sich einsam fühlen, mit Freiwilligen sprechen, die gerne zuhören. Seit Projektstart wurden dort mehr als 41.000 Gespräche mit einer Gesamtgesprächdauer von über einer Million Minuten geführt.
Anika Haider
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