Oscars 2020: ein Grand Prix für Filmkunst, oder für Menschenrechte

von Tsvetiana Petalareva

Oscars 2020: ein Grand Prix für Filmkunst, oder für Menschenrechte

Es sind zweiundneunzig Jahre seit der ersten Verleihung der Oscars vergangen und bis heute wurde keine andere Entscheidung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences so kontrovers diskutiert: Am 9. Februar 2020 hat eine nicht englischsprachige Produktion zum ersten Mal den Preis für den besten Film gewonnen. Mit der Auszeichnung des südkoreanischen Films „Parasite“ hat die jahrelange Debatte um die mangelnde Diversität in Hollywood, die mit #OscarsSoWhite begonnen hat, eine hohe Resonanz gefunden. Doch was bedeutet das für den bekanntesten Preis der Filmindustrie? Sind wir auf dem Weg zu einem gesellschaftlichen Fortschritt, oder hat die Oscars-Jury mit ihrer Entscheidung gegen ihre wahren Prinzipien verstoßen?

Zwar verstehe ich gut, welche Ziele die sozialen Aktivistinnen und Aktivisten mit der MeToo- und der OscarsSoWhite-Debatte verfolgen. Sie werfen wichtige Fragen auf und ermutigen dadurch viele Betroffene, für ihre eigenen Rechte zu kämpfen. Das ist in vielen Bereichen von großem Vorteil, wie zum Beispiel bei der Förderung einer gleichberechtigten Bezahlung von Frauen und Männern, oder der Teilnahme von Frauen an technischen Berufen. Hierbei können die Anforderungen für eine Quote viel dazu beitragen, die Situation der Frauen zu verbessern. Es gibt jedoch Bereiche, in denen eine derartige Vorgehensweise undenkbar ist.

So ist es bei den Oscars. Die bekanntesten Filmpreise werden für die beste Leistung in der Filmindustrie verliehen und diese hat nichts mit dem Geschlecht, der Nationalität, oder der Hautfarbe zu tun. Deswegen sehe ich alle übermäßigen Anstrengungen, die Repräsentanz einer Minderheit zu erhöhen, als einen Verstoß gegen die wahren Prinzipien der Academy. Warum hat der südkoreanische Film „Parasite“ nicht nur den Preis für den besten internationalen Film, sondern auch in der Königskategorie gewonnen? Hat die Kategorie des Internationalen Films überhaupt einen Sinn, wenn solche Filme auch in einer anderen Gruppe ausgezeichnet werden – meiner Meinung nach nicht. Die diesjährige Entscheidung der Jury verstehe ich eher als eine Entschuldigung für alle historischen Fälle, bei denen bestimmte gesellschaftliche Gruppen in Hollywood unterrepräsentiert wurden.

Es gibt auch weitere Argumente, die diese These bestätigen. Nur zwei von den insgesamt vierundzwanzig Nominierungen, mit denen der Streaminganbieter Netflix ins Rennen um die Preise gegangen ist, haben eine Auszeichnung bekommen. Und dabei hat Netflix mehr Nominierungen als jedes andere Filmstudio in Hollywood erhalten. Warum wurden die Netflix-Produktionen so bewertet? Der Grund hierfür ist klar: Die Streamingdienste werden immer populärer und ersetzen langsam den Kinobesuch. Je mehr Oscars die Streamingplattform Netflix gewinnt, desto attraktiver wird sie zukünftig für das Publikum. Das wiederum benachteiligt unabhängige Filmgesellschaften, deren Filmproduktionen nur im Kino vorgeführt werden.

Alle Argumente weisen darauf hin: Die Filmindustrie verändert sich mit der Zeit. Doch diese Veränderungen bringen meiner Ansicht nach viele Nachteile mit sich. Der Academy Award of Merit ist ursprünglich mit dem Ziel entstanden, die beste Leistung in der Filmindustrie zu würdigen. Doch heutzutage ist er zu einem Preis für Menschenrechte geworden.


Porträt von Tsvetiana Petalareva

Tsvetiana Petalareva

Zur Person

Tsvetiana Petalareva

Mag. Tsvetiana Petalareva

Journalismus- und Kommunikationsexpertin mit redaktioneller Erfahrung in den Themenbereichen Gesellschaft, Kultur, Nachhaltigkeit und Technologie. Erfahrene Bloggerin.